Ich weiß, viele meiner Kolumnen starten mit Szenen aus dem Supermarkt. Es ist der Ort, an dem sich die Menschen begegnen und an dem vieles ablesbar ist. Und so möchte ich auch hier mit einer Beobachtung aus dem Supermarkt beginnen. Denn vor Kurzem stand ich mit meinem Einkauf an der Kasse und ließ den Blick schweifen. Dabei blieb er an den Waren hängen, welche die junge Frau hinter mir auf das Kassenband legte: Plastikkartons, in Plastik eingeschweißte Sandwiches, in Plastik verpackte, vorgekochte Nudeln. Praktisch nichts von dem, was dort lag, erinnerte noch an seinen natürlichen Ursprung.
Und so ist es bei den meisten Produkten, nicht nur im Supermarkt. Alles wird in Plastik verpackt, Nahrungsmittel werden hoch verarbeitet und mit synthetischen Zusatzstoffen versetzt, sodass sie ihr frisches Aussehen behalten oder einen angenehmen Geschmack bekommen. Selbst so etwas Einfaches wie ein Sandwich ist heutzutage fertig vorbereitet und eingeschweißt im Supermarkt zu erwerben. Die Lebensmittelindustrie nimmt uns die „Arbeit“ ab, unser Essen selbst zuzubereiten – und degradiert uns zu Konsumenten fertiger Produkte.
Produkte überdies, die ganz und gar künstlich sind. Hoch verarbeitet, in Plastik verpackt und mittels Marketing den Konsumenten schmackhaft gemacht, haben die Produkte nichts mit einer dem Menschen entsprechenden Lebensweise oder auch nur seinen persönlichen Bedürfnissen zu tun. Sie sind Ausdruck einer Welt, die ganz und gar zu einer künstlichen Scheinwelt geworden ist. Die Menschen schotten sich in großen Städten hinter steinernen und gläsernen Fassaden voneinander und der Natur ab, bewegen sich auf asphaltierten Straßen, in unterirdischen Röhren und metallenen Geräten fort.
Bild von Brian Merrill auf Pixabay
Sie leben nach einem künstlichen Rhythmus, der von der industrialisierten Arbeitswelt vorgegeben wird, beleuchten künstlich ihre Häuser, Straßen und Fabriken, um den Tag zu verlängern, und zerstören dabei ihren Biorhythmus. Das Leben degradiert zu einer glitzernden Fassade, die sich selbstverständlich gibt, aber alles andere als natürlich ist. Selbst die Menschen an sich werden zu künstlichen Produkten. Die Schönheitsindustrie stellt menschliche Produkte her, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Im Fernsehen und im Internet inszenieren sich Stars und Sternchen, gekleidet in den Schein des guten Lebens, der Schönheit und des Talents, wobei auch hier hinter der Fassade die Wirklichkeit eine ganz andere ist. Oft ist die Schönheit ein Produkt von Kosmetik und Photoshop. Viele vermeintliche Musiker singen ihre Lieder gar nicht selbst und das toll in Szene gesetzte Leben ist kaum mehr als eine Illusion, gefertigt für Instagram, TikTok und Youtube.
Dabei wird die Welt mit jeder neuen Erfindung, jeder neuen Entwicklung immer künstlicher. Die digitale Sphäre ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner Umwelt. Lebensmittel aus dem Labor verdienen kaum die Bezeichnung „Lebensmittel“ – und wer weiß, was aus Babys aus dem Labor tatsächlich wird.
Die künstliche Umwelt ist aber auch ein Faktor der Abhängigkeit der Menschen von einem staatlichen und ökonomischen System. Denn je entfremdeter die Menschen von der Natur, der echten Welt sind, desto weniger sind sie in der Lage, ohne Staat und ausufernden Produktionsapparat zu überleben.
Wir leben in einer Plastikwelt, einer künstlichen Sphäre, die nichts mit authentischem Leben und natürlichen Bedürfnissen zu tun hat. Diese Künstlichkeit der Welt schränkt das Lebendige stark ein. Das beste Beispiel dafür sind Schadstoffe wie Mikroplastik und Weichmacher, die den Organismus schädigen und zu systemischen Krankheiten führen können. Jeder Schritt in die künstliche Sphäre wirkt sich unmittelbar negativ auf die Menschen aus – körperlich, aber auch seelisch. Der Plastikwelt zu entfliehen, bedarf enormer individueller Anstrengung, da diese Gesellschaft das Künstliche und Unechte normalisiert, das Authentische jedoch ablehnt.
Felix Feistel veröffentlicht seit 2017 Texte über das aktuelle Zeitgeschehen bei Manova, Apolut, tkp & Multipolar. Mehr auch auf seinem Telegram-Kanal.
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