Der 28. März 2002 hat sich eingebrannt in mein Gedächtnis. Ein Gründonnerstag und damit die letzte Ausfahrt in Richtung Professur. Der Ruf war schon sieben Monate vorher gekommen, aber das Ministerium ließ sich Zeit. Die Akten. Meine Vergangenheit. Nicht zuletzt: das Studium am Roten Kloster, der Kaderschmiede für die Propagandamaschine der SED. Kann man so einen an die LMU München holen, schon damals als beste deutsche Universität gehandelt und auch in der Medienforschung Spitze? Was macht das mit den jungen Leuten?
Wer mehr wissen möchte über die Wochen vor dem Osterfest 2002, lese das Buch Das Erbe sind wir über die Journalistenausbildung in der DDR. Der Untertitel Meine Geschichte zielt zwar auf die Subjektivität jedes Erzählers, die selbst Aktenberge und ein ganzes Zeitzeugenheer allenfalls einhegen können, meint aber auch ganz konkret das, was er sagt. Ich skizziere in diesem Buch, was eine Ungewissheit anrichten kann, die sich aus dem Meinungsklima speist und aus der Wucht einer Geschichtsschreibung, die ostdeutsche Biografien entwertet und von jedem eine Rechtfertigung verlangt, der 1989 schon erwachsen war. Am 28. März 2002 war das vorbei. Ich durfte mit dem Dekan ins Rektorat und meine Berufungsurkunde abholen, datiert auf den 1. April.

Das Ende ähnelt dem Anfang. Am 28. März hat mir die LMU per Postzustellungsurkunde mitgeteilt, dass sie mich zum Monatsende in den Ruhestand versetzt. In einem Video zu meiner zweiten Disziplinarstrafe habe ich berichtet, dass ich schon seit einer Weile krank bin. Insofern: Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Datum und Ablauf werden meinen guten Geistern gefallen – genau wie das Datum über diesem Text. Könnte ein Scherz sein, ist es aber nicht.
Ich war Sonntag noch einmal im Büro, um das zu holen, was ich für die nächste Lebensphase brauche und für eine Bilanz. Dafür sind etwas Abstand und vor allem Ruhe nötig. Ein erster Blick in die Papiere: „Warum ich Journalist werden will“, ein Text von 1983. Ich dachte: Sportreporter werden. Heinz Florian Oertel beerben. Denkste. Den Sport hat der junge Meyen schon erwähnt, aber auch die „sozialistische Ideologie“. Dann der „Arbeitsvertrag für die Ausbildung von Volontären“ bei der Ostsee-Zeitung, unterschrieben am 1. September 1985, und jede Menge Texte – erst aus dem Übungssystem an der Leipziger Sektion Journalistik, dann aus der DAZ, einem Kind der Bürgerbewegung, und schließlich aus Regionalzeitungen in Sachsen und Bayern, für die ich in den 1990ern geschrieben habe, um die Dissertation zu finanzieren und zugleich ein Standbein zu haben, wenn es mit der Wissenschaft nichts wird.
Wurde es dann aber. Ich hatte vergessen, worum es in meinem Bewerbungsvortrag an der LMU ging. Die Mappe in meinem Büro sagt: „Haben die Westmedien die DDR stabilisiert?“, gehalten am 15. Juni 2001. Wenn man so will: ein Treffer mit dem ersten Schuss. Ich war jung (noch nicht einmal 35) und habe folglich verschmerzt, als man mir mitteilte, dass die Stelle nun doch nicht auf Lebenszeit besetzt werde (wie in der Ausschreibung angegeben), sondern vorerst auf sechs Jahre befristet sei. Auch das war eine Premiere.
So eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit fördert Dinge zutage, die man längst verdrängt hat. Fast vom ersten Tag an Stress mit den Kollegen und im Fach insgesamt. Einer von den Altvorderen ärgert sich, dass ich die Magisterarbeit seiner Studentin nur mit „befriedigend“ bewertet habe, weil es kaum Literaturangaben gibt und die wenigen allesamt auf den Betreuer zurückführen. Ein anderer beschwert sich über einen Halbsatz in einem dicken Buch, bei dem er glaubt, nicht gut weggekommen zu sein, und wirft mir vor, sein Lebenswerk in den Dreck zu ziehen. An seiner Seite: jede Menge Unterstützer, damals noch per Brief. Ein etwas jüngerer Professor mag eine meiner Vorlesungen nicht, die ich ins Netz gestellt hatte, weil ich glaubte, jeder interessiere sich dafür, wie die Propagandawissenschaft in die Welt gekommen ist und welche Probleme damit verbunden sind. Schnee von gestern – genau wie ein Verfahren vor dem Ethikausschuss der Fachgesellschaft, weil ich in einer Rezension an einer bestimmten Forschungsrichtung gezweifelt hatte. Die Angriffe auf meinem Blog Medienrealität, gestartet 2017, und die Kritik an meiner Einschätzung des Corona-Journalismus haben nur in aller Öffentlichkeit fortgesetzt, was lange vorher unter der Decke gegärt hatte.
Bist du erleichtert oder verärgert, fragte ein Freund, als ich ihm vom Ruhestand berichtete. Bis zu einer Antwort wird es noch ein wenig dauern. Was sich in der Publikationsliste schnell liest, hat sich Sonntag im Kofferraum materialisiert. Ein Bücherberg. Insofern: Ich habe das knappe Vierteljahrhundert auf der LMU-Professur nicht vertrödelt und freue mich jetzt auf das, was kommt. Mindestens ja ein Gerichtsverfahren zu meinen Disziplinarstrafen.
Newsletter: Anmeldung über Pareto