Dieter Hahn hat zwei Modelle mitgebracht. H0, sagt er. Und für alle, die keine Modelleisenbahn haben: eins zu siebenundachtzig. Winzig klein wirken Autos, Bus und Lokomotive unter den beiden riesigen Windmühlen vorn auf der Bühne, die Hahn mit seinem Demo-Mobil beleuchtet. Mitten im Vortrag schaltet er die rote Rundumlampe ab. Ihr seht selbst, wie das nervt, sagt er. Das hättet ihr dann jede Nacht. Und: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und ein Modell sagt mehr als tausend Bilder. Deshalb habe ich keine Folien mitgebracht.

Dieter Hahn ist ein Star in der Szene der Windkraftkritiker. Auf YouTube gibt es etliche Videos, in denen er als Insider auftritt und damit punkten kann, dass er selbst buchstäblich erlitten hat, worüber er da spricht. Bei mir zu Hause, sagt er in Bodenmais, ist das alles schon Realität. Windmühlen, wohin das Auge blicket. Und etliche davon überhaupt nicht in Betrieb. Hier bei euch können wir das noch verhindern. Ihr könnt das verhindern. Dazu müsst ihr aber den Hintern hochbekommen und eure Rolle als Souverän ernstnehmen. Schreibt. Beschwert euch. Mobilisiert die, die auf eurer Seite sind, die Bürgermeister zum Beispiel, die den Tourismus brauchen und damit einen Wald, der diesen Namen verdient. Vergesst Mahnwachen. Das bringt nichts, glaubt mir. Nur wer schreibt, der bleibt.
In Bodenmais hat die Gemeinde ihr Wohnzimmer geöffnet für diesen Info-Abend. Im Glück-auf-Saal sitzen weit über hundert Menschen, etwas älter zumeist, die eigentlich wissen, was die Landesregierung plant, und trotzdem noch einmal getroffen werden von dem, was Josef Erhard zum Einstieg zusammenfasst. Tausend neue Windräder in Bayern bis 2030, die Hälfte davon im Staatswald. Er zeigt zwei Bilder. Erst der Bayerwald heute. Ein Baum-Meer unter blauem Himmel, dazu die Wellen der Kammlinien. Das grüne Dach Europas, das Ruhe ausstrahlt, Tradition, Geborgenheit. Ein Traum. Dann ein Bild des Schreckens, das die Pläne der Staatsregierung aufnimmt und überall dort Mühlen zeigt, wo Windvorranggebiete ausgewiesen sind, vom Planungsausschuss im Juli 2025 im Beisein der Landräte abgesegnet.
Quelle: GEGENWIND Bayerischer Wald
Josef Erhard hat ein Leben als Förster hinter sich und sagt: Sie wollen Wälder roden und Ökosysteme zerstören. Da muss man doch was machen. Also hat er eine Bürgerinitiative gegründet und klärt auf – über eine Webseite und über Veranstaltungen, zum Beispiel mit Dieter Hahn. Nach Bodenmais hat Erhard seine Tochter mitgebracht und jede Menge Wut im Bauch. Wir wollen reden, sagt Silvia Erhard zu Beginn. Aber nicht so. Sie zeigt zwei Folien mit Schnipseln aus dem Shitstorm, der nach einem Vortrag in Arnbruck über ihren Vater und seine Leute hereinbrach, weil dort Stefan Spiegelsperger gesprochen hat, ein Experte aus dem Chiemgau, der einen großen YouTube-Kanal betreibt und im Januar auch beim Windkraft-Symposium der AfD im Bundestag zu Gast war. Kommentare auf Facebook: Rechtsextreme, Dummbürger, Prepper, „selbstgeschnitzte Experten“. Das ganze Programm. „Super Standort“, schreibt einer. „Für ein Atommüllendlager oder Fracking“. Silvia Erhard spricht von einem Maschinengewehrbeschuss und vom Verdacht, dass eine NGO dahinterstecken könnte. Vor Ort in Arnbruck jedenfalls habe sich niemand beschwert. Die schlimmsten Sachen zeige sie lieber gar nicht erst. Nazischlampe, Dummschwätzer, ekelhafte scheintote alte Säcke.
Die junge Frau ist sichtlich erregt. Sie spricht über Corona und über den Bürgerkrieg, der seinerzeit begonnen hat. Dafür oder dagegen und nichts mehr dazwischen. Zum Schluss wirft sie einen Hilferuf an die Wand:
Eine starke Demokratie erkennt man nicht an der Lautstärke der Parolen, sondern am Respekt im Streit.
Gestritten wird in Bodenmais nicht. Eher verdaut. Ein Wald von Windmühlen von Arnbruck bis Kirchberg – in der letzten großräumigen Naturlandschaft im Herzen des Kontinents. Keine Kommunalklausel mehr in Bayern, abgeschafft 2024, und damit auch keine Möglichkeit mehr für die Menschen vor Ort, abzustimmen über das, was vor ihrer Haustür passiert. Josef Erhard zitiert aus einem Gutachten von Volker Boehme-Neßler, Jura-Professor in Oldenburg, der nachgewiesen hat, dass Paragraf zwei des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2023 gegen das Grundgesetz und gegen EU-Recht verstößt – ein Paragraf, der behauptet, dass neue Anlagen „im überragenden öffentlichen Interesse“ seien, „der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit“ dienen und deshalb andere „Schutzgüterabwägungen“ ausstechen. Erhard weiß auch, dass Katherina Reiche die Anreize kappen und den Ausbau damit verlangsamen oder gar stoppen will. Das Netz in Bayern verträgt nicht noch mehr Strom. Und wo es so wenig Wind gibt wie im Bayerischen Wald, da lohnen sich die Mühlen nur, wenn der Staat zuschießt. „Wie Bayern seine Windkraft vor Ministerin Reiche retten will“, steht auf der nächsten Folie. Text und Überschrift: Bayerischer Rundfunk. Und Hubert Aiwanger, Reiches Amtskollege in München? Chef des Aufsichtsrats beim Staatswald. Mehr muss Josef Erhard gar nicht sagen.
Dieter Hahn hat neben seinen Modellen und dem Demo-Mobil samt Rundumleuchte zwei Themen im Gepäck. Infraschall und PFAS, die Ewigkeitsgifte, die beim Abrieb entstehen und vom Wind auch dorthin getragen werden, wo gar keine Mühle steht. 90 Kilo pro Jahr und Anlage. Deshalb der Wald, sagt Hahn. Der Wald kann sich nicht wehren. Aber ihr könnt das. Ihr müsst das. Der Bayerwald, das ist doch ein Trinkwassergebiet. Habt ihr schon das mit den Wildschweinen aus Thüringen gehört? PFAS in der Leber, über alle Grenzwerte hinaus. Und der Infraschall? Man kriegt einen mit, ohne etwas davon zu merken. Der Schlaf, der Herzschlag. Fragt Leute wie mich, die schon jetzt damit leben müssen. Oder die Bauern. Fehlkalbungen. Und die Gebäude wackeln.
Dieter Hahn hat jede Menge Zahlen dabei, die den Wahnsinn greifbar machen. Das gewaltige Gewicht, das auf wasserführende Schichten drückt und Quellen zum Versiegen bringt. Die Windschleppe, die noch in sieben oder acht Kilometern Entfernung Blätter verkümmern lässt und so den Wald trockener und wärmer macht. Und da hat er noch kein Wort zu den Kosten gesagt. Spannender sind ohnehin die Schildbürgergeschichten, die von Windparks handeln, die gar keinen Strom liefern, sondern ihn nur verbrauchen – weil die Räder in Bewegung bleiben müssen oder weil die Starkstromleitungen fehlen. In Bodenmais rennt er damit offene Türen ein.
Bild: 30 Minuten vor Beginn. Der Saal füllt sich langsam.