In seinem neuesten Buch, Mitte 2023 beendet, prüft Ray Kurzweil, Zukunftsforscher, Tech-Visionär und ehemaliger „Director of Engineering“ bei Google sowie Mitgründer der Singularity University, die Prognosen aus dem Buch „The Singularity is near“ von 2005. Die Singularität sollte seiner damaligen Analyse zufolge im Jahr 2045 eintreten. Was versteht der Autor unter „Singularität“? Den Moment, in dem
wir mithilfe der übermenschlichen KI Gehirn-Computer-Schnittstellen bauen werden, die unseren Neokortex durch Schichten virtueller Neuronen stark erweitern. Dadurch werden uns völlig neue Denkweisen eröffnet und unsere Intelligenz am Ende millionenfach ausgedehnt.
Dem vorausgehen soll die vollständige Bewältigung des Turing-Tests im Jahre 2029. Das bedeutet, daß es von da an nicht mehr möglich sein wird, zu unterscheiden, ob der Mensch mit einem anderen Menschen oder mit einer KI kommuniziert. Paradox erscheint, daß diese Ununterscheidbarkeit voraussetzt, daß die KI sich dann dümmer stellen muß, als sie ist, weil sie andernfalls von dem Mängelwesen Mensch sofort als KI erkannt werden würde.
Bild: Ray Kurzweil 2024 (Foto: Jay Dixit, CC BY 4.0)
Im erwähnten Vorgängerbuch formulierte Kurzweil ein fragwürdiges Telos: Geschichte wird von ihm als Aufeinanderfolge von Paradigmen der Informationsverarbeitung betrachtet. Seit dem Beginn der Menschheit entwickele diese sich in sechs Stadien in Richtung Singularität. Wir befänden uns derzeit in der vierten Epoche.
Unsere Technologie zeitigt jetzt schon bei manchen Aufgaben Ergebnisse, die unser Verständnis übersteigen.
Beim Bestehen des Turing-Tests hätten wir bereits gute Ergebnisse erzielt. Was der KI heute noch fehle, seien Kontextgedächtnis, Weltwissen und soziale Interaktion. Mit dem Abschluß dieses Prozesses träten wir in die fünfte Epoche ein, in der wir
biologische menschliche Intelligenz unmittelbar über Gehirn-Computer-Schnittstellen mit der Geschwindigkeit und Rechenleistung unserer digitalen Technologie verbinden. Menschliche neuronale Informationsverarbeitung vollzieht sich mit mehreren Hundert Zyklen pro Sekunde, bei der digitalen Technologie sind es mehrere Milliarden Zyklen pro Sekunde. Neben Geschwindigkeit und Speicherkapazität können wir durch nichtbiologische Computer auch unseren Neokortex um viele zusätzliche Schichten erweitern – und dadurch weit komplexere und abstraktere Denkleistungen ermöglichen, als wir uns derzeit vorstellen können.
Dazu würden wir in den 2030er Jahren die oberen Bereiche des Neokortex mit der Cloud verbinden und so unser Denkvermögen unmittelbar erweitern. Die nichtbiologischen Teile unseres Gehirns würden im Vergleich mit den biologischen eine tausendfache kognitive Leistung liefern.
Ende der 2030er Jahre wird unser Denken weitgehend nicht biologisch sein.
Dies werde notwendig sein, wollten wir der KI noch folgen können und ihr nicht blind ausgeliefert sein. Wir würden unsere Denkfähigkeit schnell genug erweitern, um uns den radikalen Veränderungen rechtzeitig anpassen zu können. Mit der sechsten Epoche würde die Geschichte der Menschheit enden. Sie sei ihr letzter Endspurt. Unsere Intelligenz breitete sich dann über das ganze Universum aus, „wobei normale Materie in Computronium umgewandelt wird, Materie mit höchstmöglicher Rechendichte.“
Soweit der Plan des Transhumanisten.
Nur an einer Stelle des Buches thematisiert Kurzweil den voraussehbaren Unwillen vieler Menschen, ihren Gehirninhalt auf eine Cloud zu laden und ihr Gehirn direkt mit einem Computer zu verbinden. „Fundamentalistischer Humanismus“ könnte Widerstand gegen den Fortschritt leisten: einen „Widerstand gegen jede Veränderung dessen, was uns von Natur aus zum Menschen macht“. Er werde scheitern, „da sich die Nachfrage nach Therapien, die die Schmerzen, Krankheiten und kurze Lebensdauer unserer Körper in der Version 1.0 überwinden können, als stärker erweisen wird“. Technikfeindliche Stimmen hält er für töricht. Für religiös Gläubige, die dem Großen Creator nicht ins Handwerk pfuschen wollen, findet sich kein Platz in Kurzweils größenwahnsinnigen, blasphemischen Visionen. Für ihn ist der Prozeß der Transhumanisierung ein zwangsläufiger, ja ein natürlicher. Mit der Entwicklung von Quantentechnik und selbstlernender KI sind die materiellen Voraussetzungen dieser technischen „Aufnordung“ der Spezies Mensch gegeben – also wird sie durchgezogen. Zwar konzediert Kurzweil, daß dieser Prozeß nicht nur Chancen, sondern auch Risiken und Gefahren mit sich bringt – allerdings nur dann, wenn die neuen Fähigkeiten falsch eingesetzt oder bewußt mißbraucht würden. Die absehbare Massenarbeitslosigkeit sei bewältigbar. Wirkliche Gefahren bestünden in verheerenden Pandemien oder in Kettenreaktionen selbstreplizierender Maschinen. Letztendlich aber stünden die Menschen nicht in Konkurrenz zur KI.
Darüber hinaus quälen den Autor keine Bedenken. Dieselben „Bereiche der Technologie, die Gefahren heraufbeschwören, bringen auch leistungsstarke neue Werkzeuge zum Schutz vor ihnen hervor“, ist der Autor überzeugt. Und daß die Betroffenen, „die letzte Generation der Welt, wie wir sie kennen“, nach ihrer Einwilligung gefragt werden müßten, kommt ihm gar nicht in den Sinn.
Wenn wir die wissenschaftlichen, ethischen, gesellschaftlichen und politischen Probleme (psychische oder sozialpsychologische werden wohlweislich nicht genannt), die diese Fortschritte mit sich bringen, lösen können, werden wir bis 2045 das Leben auf der Erde grundlegend transformiert und verbessert haben. Wenn uns das nicht gelingt, könnten wir das nicht überleben.
(In diesem Buch nennt er die Gründe für diese Behauptung nicht. Aber seinen früheren ist zu entnehmen, daß er die globalen Probleme ohne Singularity nicht für lösbar hält, Stillstand als Rückschritt deutet und der Auffassung ist, daß ohne die Ausbreitung seiner Form von Intelligenz intelligentes Leben womöglich auf die Erde begrenzt bleibt und langfristig verschwinden würde.) Aber wenn wir diese Probleme bewältigen, erwarten uns angeblich paradiesische Zustände, zumal wenn wir erfolgreich die „Schwächen unserer Biologie“ bekämpft haben, „den Alterungsprozess unserer Körper besiegen“ sowie unsere begrenzte Gehirnkapazität erweitert haben.
Diese Vision wirft eine Vielzahl von Fragen auf, solche philosophischer Natur, aber auch psychologische und logische. Beginnen wir mit letzteren.
Wozu benötigt der Mensch eine Steigerung seiner komplexen und abstrakten Denkleistungen bei radikal erhöhter Geschwindigkeit? Wie bereits angedeutet, bedarf er der technischen Aufrüstung doch nur deshalb, weil mit der KI ein Werkzeug geschaffen wurde, dem ein Zauberlehrlingseffekt innewohnt. Der Mensch muß künstlich auf die Höhe seiner Kreation gehoben werden, um nicht Gefahr zu laufen, von ihr beherrscht zu werden. Er hat eine Hybris zur Welt gebracht, ohne die er ganz der alte Adam bleiben könnte, der ja immer noch irritiert ist von seiner Natur und seinen allen anderen Lebewesen überlegenen Fähigkeiten bei der Aneignung und Gestaltung seiner Umwelt. Die philosophische Frage „Was ist der Mensch?“ hat im Laufe der Menschheitsentwicklung viele Antworten gefunden, eine endgültige gibt es nicht. Doch unter den genannten Umständen wird sie dringend gebraucht. Welche ist die conditio humana? Welches ist das menschliche Maß? Wer ist der Mensch und wer will er sein? Erhebt er sich in einer bestimmten Anzahl über die Masse, indem er zum Übermenschen wird – allerdings in ganz anderem Sinn als dem, der Friedrich Nietzsche vorschwebte? Transhumanismus ist per se undemokratisch. Man kann davon ausgehen, daß die technische „Aufnordung“ und Lebensverlängerung nur einer Elite zuteilwerden soll und würde – schon aus finanziellen und Kapazitätsgründen. Regiert diese Hybridkaste dann besser, kompetenter oder gar humaner? Stellt sie die Massen von Arbeitslosen mit Konsum- und technischen Mitteln ruhig, etwa mit Junkfood und Netflix, wie Yuval Harari vorschlug? Oder exterminiert sie die vielen Überflüssigen, die wertvolle, weil begrenzte Ressourcen verbrauchen?
Bild: Ferdinand Barth (1842 bis 1892), Zauberlehrling
Eine erfolgreiche Singularität im Sinne Kurzweils würde zunächst einmal zu einer weiteren narzißtischen Kränkung der Gattung Mensch führen, der vierten nach der kosmologischen, anthropologischen und psychologischen. Nach jeder mußte er sein Selbstbild infrage und erneut die Frage stellen: Was ist der Mensch? Kann er seine Hybridisierung und die rationale Überlegenheit seiner eigenen Schöpfung integrieren? Oder dekompensiert er in der Folge? Zerstört er die Server wie einst die Webstühle? Die Digitalisierung der individuellen Daten wird wohl in Kürze ohne nennenswerten Widerstand über die Bühne gehen. Doch eine gravierende Veränderung am und im Körper und Gehirn wird instinktiv von vielen Menschen als Grenzüberschreitung empfunden werden.
Zudem: Warum will jemand heute ewig leben? Der Autor, 1948 geboren, nimmt seit langer Zeit täglich einen Cocktail von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich, um die von ihm prognostizierte Singularität 2045 noch zu erleben und den Sprung in die Unsterblichkeit zu schaffen. Doch gravierende Lebensverlängerung und Unsterblichkeit setzen die Beantwortung der Frage nach dem Sinn voraus. Wozu sollte der Zyklus von Entwicklung und Verfall im individuellen Leben, von Reifung mit einem Anfang und einem Endpunkt, der das Lebensgefühl jedes Menschen bestimmt, außer Kraft gesetzt werden? Würde der Mensch nicht irre an sich selbst werden? Und würde nicht die Psyche eines Menschen kollabieren, wenn seine „Rechenkapazität“ um ein Vielfaches erhöht wäre? Wenn man ins Kalkül zieht, daß schon Inselbegabungen Hand in Hand gehen mit geistig-sozialen Fehlentwicklungen, liegt diese Annahme nahe.
Sieht man die Menschheitsgeschichte nur als Aufeinanderfolge von Paradigmen der Informationsverarbeitung und betrachtet den Menschen lediglich als rechnendes, kalkulierendes Wesen, wie Kurzweil das tut, ignoriert man seine nichtmateriellen bzw. nichtrationalen Seiten: Seele, Gefühle, Lebensqualität, das Bedürfnis nach Transzendenz. Es fällt bereits dem heutigen Menschen schwer, im Prozeß seines Lebens Verstand, Vernunft, Emotionen und Instinkte, also Stammhirn und Neokortex, in ein stabiles und andauerndes Gleichgewicht zu bringen. Gehirninvasive Technik würde dieses Gleichgewicht oder auch nur die Möglichkeit des Gleichgewichts vollkommen zerstören. Es wird Experimente geben. Das werden einschlägige Forscher und Enthusiasten sich nicht nehmen lassen. Aber sie werden scheitern oder Homunculi produzieren, die aufgrund ihrer Allgemeingefährlichkeit in Anstalten gesperrt werden oder exterminiert werden müssen.
Die Dialektik der Aufklärung: Walle! walle / Manche Strecke …
Ray Kurzweil: Die nächste Stufe der Evolution. Wenn Mensch und Maschine eins werden. München: Piper 2025, 496 Seiten, 24 Euro.

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.
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