Diese kleine feuilletonistische Freude muss ich einfach teilen.
Seit mehreren Jahren versuche ich zu verstehen, wie eine moralisch aufgeladene Schicht zwar ihre eigentlichen Aufgaben nicht hinbekommt, aber von der Schreibstube aus klammheimlich das Regiment übernehmen konnte. Dies gilt für den gesamten Kultur- und Mediensektor, aber auch für viele andere Bereiche, zum Beispiel innerhalb von Unternehmen.
Diese Schicht ist nicht reich. Es geht auch in die Irre, sie im Allerklärungsmodus als Handlanger des Kapitals zu deuten. Nein, eigentlich ist es schlimmer. Mit ihrer Kombination aus Mainstream, Mittelmaß und ganz viel Haltung lähmt sie viele Bereiche unserer Gesellschaft und gefährdet demokratische Prozesse.
Der Arzt, Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich verwendete den Begriff „Priesterkaste“ kritisch im Zusammenhang mit der medizinischen Profession. In seinen Analysen prangerte er an, dass Ärzte sich zu einer Art unantastbarer Priesterkaste erhoben hätten, deren Handeln im „geheimnisvollen Halbdunkeln“ bleibt und der Allgemeinheit entzogen ist. Mitscherlich erkannte in dieser „Priesterkaste“, die er auf Rechtsanwälte oder andere Expertenkasten ausweitete, eine elitäre Haltung, die Eigennutz verfolgt.
In Anlehnung an diese Terminologie hatte ich zunächst den Begriff einer Priesterschicht verwendet. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto weniger fand ich diesen Ausdruck passend für das, was sich abspielt. Für was um Himmels willen ist unsere Bürokratenschicht Experte? Wo ist sie Elite in einem positiven Sinne? Der Arzt mag sich so gottgleich fühlen, wie er will: Irgendwann muss er heilen. Was einem bei unserer Schreibstubenschicht entgegenschreit, ist ja gerade die mangelnde Ahnung. In meinem Buch „Links oder rechts oder was?“ verabschiedete ich mich vom Begriff der Priesterschicht:
Vielleicht ist der Begriff „Priester“ gar nicht treffend, denn nach der alten Vorstellung hat ja der Priester eine unverzichtbare Mittlerfunktion zwischen Gott und den Menschen. Er kann mit seiner Arbeit Wirkung erzeugen – etwa durch Magie kinderlosen Eltern Nachwuchs bescheren, für Regen und reiche Ernten sorgen. Wenn ihm dies nie gelingt, wird sein Ansehen sinken.
Eine Bestätigung, wie ich sie besser nicht hätte erfinden können, entdeckte ich kürzlich in einem der Expeditionsberichte des Abenteurers Georg Kirner. Kirner schreibt über den Priester oder Medizinmann abgelegener Urwaldstämme:
Die von einer Krankheit heimgesuchten Menschen erwarten umgehende Hilfe von ihm und gehen davon aus, dass er sich in dieser Angelegenheit mit den Geistern bespricht und das zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Bleibt die erwartete Hilfe aus, unterstellen ihm die Hilfesuchenden, dass er gelogen hat oder die von ihm gerufenen Geister ihre Hilfe verweigert hätten. Geschieht dies öfter oder in einem besonders schwerwiegenden Fall, muss der Medizinmann selbst um sein Leben fürchten. Es kann dann ohne weiteres passieren, dass er ermordet wird, ehe er sich‘s versieht.
In meinem Buch schlug ich eine andere Bezeichnung vor:
Vielleicht ist der treffende Ausdruck eher „Pharisäer“ – eine Rolle, die ja auch in den biblischen Evangelien neben den Priestern steht. Leute, die nichts beitragen, außer von außen auf die Welt zu blicken und überall Sünde zu sehen.
Entschuldigend fügte ich hinzu, dass wir wahrscheinlich den historischen Pharisäern Unrecht tun, aber halt nur das parteiische Bild haben, das uns von den Evangelien überliefert ist.
Nun traf ich bei der Lektüre des ungefähr 75 nach Christus von Flavius Josephus verfassten Werkes Über den jüdischen Krieg auf eine Passage, die sich auf Salome Alexandra bezog, 76 bis 67 vor Christus Königin von Judäa. Alexandra war gottesfürchtig und achtete peinlich auf die religiösen Gesetze. „Mit ihr“, schreibt Josephus, „wuchsen auch die Pharisäer in die Macht, eine judäische Gruppe, deren Angehörige für besonders fromm und gesetzeskundig gelten.“ Nach weiteren Schilderungen kommt er zu dem Schluss:
Alles in allem genommen, hatten sie die Freuden des Königtums, während Alexandra die Kosten und Beschwerden hatte. So herrschte sie über ihre Untertanen und die Pharisäer über sie.
Also war meine Entschuldigung offenbar überflüssig, denn genau diesen Mechanismus wollte ich mit dem Begriff „Pharisäer“ beschreiben. Alle Komponenten sind versammelt: Ganz viel Haltung, Herrschaftsausübung durch Schuldvorwürfe und schließlich das finale Glück des Pharisäers: Macht ohne Verantwortung – köstlich ausgedrückt in dem Satz von den Freuden des Königtums ohne die Last des Königtums. Man sollte übrigens nicht glauben, dass es das Pharisäertum nur im Raum von Medien und Kultur gibt. Auch in Unternehmen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend Funktionen breitgemacht, die ständig alles von außen beobachten, die überall Fehler sehen, die den Eindruck erwecken, ohne ihr Wächteramt drohe dem Unternehmen der Untergang – die aber wie der Teufel das Weihwasser jede Verantwortung für die Folgen des eigenen Tuns scheuen.
Nicht weniger aktuell ist schließlich das Gebet des Pharisäers im Lukas-Evangelium:
Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
Leicht erkennen wir die moralische Selbstüberhebung etwa gegenüber den Wählern wieder – natürlich auch heute in der Maske der Demut. Bleibt zu hoffen, dass nach so viel Übereinstimmung auch die direkt danach folgende Ankündigung des Lukas-Evangeliums ihre Bestätigung findet:
Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.
Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen "Oben & Unten" sind Ende 2025 als Buch erschienen.
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