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Bericht | 09.07.2026
ÖRR frisst Journalismus
Sprechsaal, Berlin: Annekatrin Mücke und Tilo Bernhardt üben sich in Medienschelte und verhandeln journalistische Gütekriterien.
Text: Björn Kosjak
 
 

„Milliarden, Macht und Meinung – Kann der ÖRR weg?“ Diese Frage stellt Alexander King, BSW-Mitglied und fraktionsloser Abgeordneter im Abgeordnetenhaus von Berlin, am Mittwochabend in Berlin. Der Sprechsaal in der Marienstraße gilt dem Moderator Ramon Schack als „ein Mekka der Meinungsfreiheit“. Das Thema hat zudem Anziehungskraft: Der Saal ist gut belegt und im Publikum sind auch einige neue Gesichter zu sehen. Als Aufhänger für den Abend fungiert die Schlesinger-Affäre. Der neue Berliner Filz sei „sehr grün, sehr weiblich, sehr vielfältig“, so King. Er räumt ein, sich am Beginn seiner politischen Karriere mit Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen zurückgehalten zu haben. Abgeordnete der SPD, der Grünen und der Linkspartei hätten ihm zu verstehen gegeben:

Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisiert, sägt am Ast der Demokratie und spielt das Spiel der Springerpresse.

Auf dem Podium übernimmt zunächst der Journalist und Psychologe Tilo Bernhardt das Wort. Er verweist auf sein Buch Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk und gibt eine Antwort auf die Eingangsfrage: Nein, der ÖRR solle nicht weg, aber in seiner gegenwärtigen Struktur funktioniere er „sehr, sehr schlecht“. Die Gründe liefert Bernhardt gleich mit: Die Aufsichtsgremien seien „viel zu politiknah besetzt“, und die Chefs der Landesstudios wechselten ihre Farbe passend zu jener des jeweils amtierenden Ministerpräsidenten. Bernhardt problematisiert zudem, dass der Journalismus im Spannungsfeld zwischen Nähe und (kritischer) Distanz oftmals aufgerieben werde. Weitere Baustellen des ÖRR: einseitige Berichterstattung, vor allem beim Ukrainekrieg, dem Nahost-Konflikt und Corona, mangelnde Experimentierfreude und wenig Interesse daran, sich mit grundlegenden Fragen (soziale Gerechtigkeit, Kapitalismus) auseinanderzusetzen.

Bildbeschreibung Bild: Alexander King, Annekatrin Mücke, Ramon Schack und Tilo Bernhardt (von links)

Annekatrin Mücke arbeitete als Fernseh- und Radiojournalistin, zuletzt für den RBB. Nachdem sie und andere Mitarbeiter der Anstalt ein kritisches Manifest unterzeichneten, erhielt Mücke keine Aufträge mehr. Die Periode von 1989 bis 1991 sei „die beste Zeit als Journalistin“ gewesen, sagt sie heute. Nach der Wende habe sie beim Kinderkanal angefangen – „die Chefs aus dem Westen, der Maschinenraum aus dem Osten“. An die Reformierbarkeit des ÖRR glaubt Mücke nicht. Sie plädiert für eine Medien-Plattform, freiwillig zu beziehen. Bürger könnten Sparten wie Kultur und Sport gegen einen geringen Obolus hinzubuchen.

Was noch falsch läuft? Das journalistische Handwerk habe Federn lassen, teilweise würden Grundprinzipien nicht mehr zur Anwendung kommen. Journalisten seien immer schlechter ausgebildet, so Mücke. Tilo Bernhardt verweist ferner auf überkommene Strukturen beim ÖRR – diese erinnerten ihn an „ein Haus mit Schimmelbefall“.

Bei den Publikumsfragen geht die Kritik weiter: Eine Anmerkung zielt auf die Mitschuld des Rundfunks am aufgepeitschten Diskurs um den Ukrainekrieg. Fazit auf dem Podium: Es gebe unter ÖRR-Journalisten viel Unwissenheit, sie würden zudem „selbstreferentiell“ arbeiten. Niemand kenne dort etwa die NachDenkSeiten. Tilo Bernhardt macht ein sozial homogenes Milieu der Journalisten aus, das zu den immergleichen Interpretationsschablonen der Wirklichkeit führe. Annekatrin Mücke sagt, sie habe während ihrer Zeit beim ÖRR „eine Herablassung gegenüber den Leuten“ beobachtet, für welche die Journalisten ihr Programm machten. Außerdem seien kaum Ostdeutsche vertreten. Sie sieht eines der wesentlichen Probleme ebenfalls in der Struktur: Schlesinger könne immer wieder passieren – denn „jeder, der dort aufsteigt“, werde am Ende „gefressen“.

Bildbeschreibung

Björn Kosjak hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.

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Bildquellen: Patricia Schlesinger 2018 auf der re:publica (Titelfoto: Sandro Halank, CC BY-SA 3.0)