Über die Ostertage habe ich „Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ gelesen. Oder zumindest das, was Tilo Bernhardt dafür hält. Sein Buch mit diesem Titel ist im Schüren-Verlag erschienen und eine weitere Rückschau eines ehemaligen Redakteurs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Anders als der Tagesschau-Mann Alexander Teske, dessen Buch zum Bestseller wurde, war Bernhardt nicht beim Flaggschiff der ARD aktiv, sondern quasi in der Provinz. Er arbeitete für Regionalmagazine des SWR und zuletzt für eine Produktionsfirma, die Online-Kanäle bedient.

Das Buch hätte eine gute Ergänzung zu anderen Medienkritiken sein und die notwendige Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch Beispiele aus der Praxis fundieren können. Ich muss aber den Konjunktiv setzen, weil der Autor diese Möglichkeit größtenteils verstreichen lässt. Das passt auch deshalb, weil Bernhardts Buch ebenfalls vor allem im Konjunktiv verbleibt. Neben der stetigen Wiederholung, dass etwas „vielleicht“ sinnvoll sein könnte, schränkt der Konjunktiv die Kritik ein.
Natürlich ist es sympathisch, wenn ein Kritiker nicht gleich mit der großen Keule kommt und seine Vorschläge scheinbar als allein seligmachend auf den Tisch legt. Hätte sich Bernhardt aber wirklich in die Reihe der Medienkritiker eingereiht, hätte er fundierte Kritiker wie Michael Meyen, Stephan Russ-Mohl, Alexander Teske oder Marcus Klöckner – dieser ist als einziger der Genannten in den Fußnoten erwähnt – rezipiert, stünde sein Buch nicht nur in einem größeren Rahmen, er könnte seine Kritik durch den Abgleich auch auf stabileren Boden stellen und systematisieren. Stattdessen scheint er zu schwimmen. Er mutmaßt und relativiert seine Kritik, ist sich dann aber doch auf einmal an einer Stelle sicher, bei der es einen gruselt. Dazu später.
Bernhardt hat, wie er schreibt, mehrfach erlebt, wie im SWR mit anderen Meinungen umgegangen wurde. Und er kann von Verfilzungen berichten zwischen Sender und Landesregierung. An diesen Stellen ist sein Buch am interessantesten. Genau hier hätte er es ausbauen können. Dass er es nicht getan hat und stattdessen nur etwas nebulös darüber berichtet, dass er einen kritischen Beitrag über den ÖRR für das Medienmagazin ZAPP und ein ähnliches Video für den MDR produziert habe, beide Beiträge aber nie gesendet wurden, ist interessant und lässt die Motive für das Ausbrechen aus dem System verstehen – Bernhardt ist seit 2024 nicht mehr Redakteur. Aber wenigstens etwas vom Inhalt dieser Videos hätte man als Leser schon gerne gewusst – Interviewpartner, Kritik am ÖRR, Plot. So steht im Buch nur, dass die Beiträge ohne Angabe von Gründen nicht gesendet wurden. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen der Autor im Allgemeinen und Ungefähren bleibt. Vieles von dem, was er kritisiert, ist auch bei den anderen genannten Autoren (und vielen anderen) zu lesen und das oftmals systematischer.
Es wäre also viel interessanter gewesen, mehr und substantiierter von den Erfahrungen aus einer Regionalredaktion zu erfahren, als der Autor es dem Leser in seinem Buch ermöglicht. Er scheint noch zu sehr Teil des Systems zu sein, zumindest gedanklich, als dass er wirklich fundamentale Kritik wahrzunehmen bereit ist und selbst üben kann. Das zeigt sich auch darin, dass er gleich zu Beginn die Hoffnung ausdrückt,
dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Aufgabe ganz und gar gerecht wird (Seite 20).
Das steht da genau so. Im Präsens. Als Fakt. Nicht als Ziel, was es allerdings vermutlich sein soll. Auf der nächsten Seite steht dann, dass er eigentlich die Meinung vertrete, dass „interne Kritik im Grunde Erfolg versprechender ist, dass man mehr verändern kann als Teil des Systems“. Gleichzeitig seien kritische Stimmen unerwünscht und sein eigener Einfluss sei zu gering, weswegen er nun also dieses Buch geschrieben habe, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für „unsere Demokratie“ (ja, auch das noch) zu erhalten. An anderer Stelle heißt es dann:
Wahrscheinlich braucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr Input von außen. Vielleicht kann er sich von innen heraus nicht schnell genug verändern. (Seite 160)
Wahrscheinlich, vielleicht und offenbar ist ihm der Widerspruch nicht aufgefallen.
In den „Sieben Vorschlägen“ Bernhardts wimmelt es von Gemeinplätzen. Seine Wünsche:
Das haben diejenigen, die seit vielen Jahren die Medien kritisch begleiten, schon oft genug gelesen und gehört. Würde er eine kundige Zusammenschau an Vorschlägen bringen, wäre daran nichts auszusetzen. Wiederholung prägt sich ein. Und wer wäre dagegen, die Sender stärker von den Parteien zu lösen oder mehr Mut zu beweisen und sich von der Quote zu lösen? Natürlich wäre es auch gut, der Rundfunk würde objektiv und neutral berichten und er wäre unabhängig. Aber es sind zu viele Vielleichts, zu viele Konjunktive und manchmal, wie hier beim Thema Corona, auch ein manchmal zu viel:
Und selbst heute, wo wir vieles besser wissen, ist die Berichterstattung bei diesem Thema manchmal einseitig. (Seite 132)
Ernsthaft? Wirklich nur manchmal? Es ist ja eher andersherum: Manchmal gibt es auch andere Stimmen zu hören.
Bild: Tilo Bernhardt in seinem YouTube-Kanal „Perspektive aus Mainz“ (Screenshot)
An „konstruktivem Journalismus“, für den Bernhardt sich einsetzt, wäre nichts auszusetzen, wenn man allerdings dann genau hinschaut, zeigt sich, dass man tiefer einsteigen müsste. So meint Bernhardt, dass bei der Corona-Berichterstattung „ein ganzheitlicher Blick“ geholfen hätte und dieser insgesamt wichtig wäre (S. 189). Zuvor hatte er bei Themen, in denen einseitig berichtet wurde, kritisiert, dass in der Corona-Zeit zu wenig Wissenschaftler mit anderer Meinung zu Wort kamen. Natürlich hat er recht, aber auch das bleibt so lange ein Gemeinplatz, bis nicht die Frage nach dem Warum gestellt wird. Wer kritisiert, die öffentlich-rechtlichen Journalisten wären zu eng an der Politik, und dann nicht versteht, dass die Abhängigkeit vom Staat, der Staatsfunk an sich das Problem ist, der wird auf allen anderen Feldern gegen Mauern rennen. Es passt ins Bild, dass Bernhardt ernsthaft in diesen Zeiten eine „einheitliche Aufsichtsbehörde“ fordert.
Eine solche Behörde wäre dann für alle Medien zuständig und könnte diese überwachen. (Seite 60)
Hier freut man sich als Leser einmal über den Konjunktiv. Denn wenn eine solche Behörde im Digitalkonzernstaat der Gegenwart von einer Regierung eingerichtet würde, dann sähe diese aus wie die heutigen Landesmedienanstalten und übte selbstverständlich wie diese Zensur aus.
Medienkritik braucht Herrschaftskritik, und sie braucht ein Wissen über die Zusammenhänge der Herrschaft und deren Praxis. Und das gilt für die Gegenwart wie für die Geschichte. Bernhardt weiß dabei immerhin, dass der erste Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg mit deutscher Beteiligung in Serbien stattfand. Und er weist darauf hin, dass dieser völkerrechtswidrig war. Aber er behauptet: „Das [der Krieg] passierte zwar aus guten Gründen sicherlich.“ (Seite 136) Mal abgesehen vom schlechten Deutsch: „Es begann mit einer Lüge.“ Die WDR-Dokumentation über den Kosovo-Krieg 1999, der eben mit einer Lüge begann, sollte man heute in der Volontärsausbildung im ÖRR zum Pflichtprogramm machen. Denn der Film zeigt, dass es zumindest einst anders ging. Warum das heute nicht mehr geht, warum kritische Berichte wie beispielsweise der MDR-Beitrag zu verunreinigten „Impfstoffen“ aus dem Jahr 2023 vollständig verschwinden, das müsste in einer Analyse erst einmal dargelegt und erklärt werden, bevor man Vorschläge für eine Zukunft entwickelt. Sonst bleiben sie nicht nur sprachlich zwischen „möglicherweise“, „vielleicht“ und Konjunktiven stecken.
Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.
Newsletter: Anmeldung über Pareto