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Medien-Tresen | 06.11.2026
Medienkrieger im Visier
Der Regionalzeitungsjournalist Michael Clasen schreibt gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Verengung des Meinungskorridors an.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Wenn ein leitender Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung ein medienkritisches Buch schreibt, dann gehört das auf den Medien-Tresen. Warum? Zunächst einmal ist es die Sache selbst: Schließlich ist der Tresen hier ebenfalls ein Ort der Medienkritik. Und da lesen wir gerne nach, was der Kollege so kritisiert. Wenn eben jener Kollege dann auch noch bei einem großen Medienhaus arbeitet, das sich der Meinungspluralität verpflichtet fühlt und für einen 360-Grad-Blick stehen will, dann ist das natürlich doppelt interessant. Es ist eines der großen deutschen Zeitungshäuser, das durch Zukäufe in Norddeutschland mittlerweile eine große Reichweite auf dem Lokalzeitungsmarkt hat. Die NOZ ist einerseits Mainstream und andererseits auch wieder nicht – das mit dem 360-Grad-Blick ist also mehr als nur Werbung. In der Vergangenheit ist die Zeitung immer mal wieder damit aufgefallen, einen anderen Blick zu wagen. Zu nennen wären der Newsletter „Rest der Republik“ des heutigen Chefredakteurs Burkard Ewert – und Buchautor Michael Clasen. Außerdem arbeitete die Zeitung mit Multipolar zusammen. Paul Schreyer konnte im Sommer 2024 ausführlich über die RKI-Protokolle berichten.

Zurück zu Michael Clasen. Er war unter anderem Kriegsreporter in Afghanistan und ist jetzt Chef vom Dienst bei der Gemeinschaftsredaktion der NOZ (vor allem im Westen und Nordwesten Niedersachsens verbreitet) und der Medienholding Nord (Schleswig-Holstein) und hat in seinem Format Clasen Talk neben Politikern wie Armin Laschet, Ricarda Lang oder dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies auch viele kontroverse Stimmen zu Wort kommen lassen. Harald Kujat, Fritz Vahrenholdt, Christian Rieck oder Michael von der Schulenburg. Menschen also, die ansonsten im Mainstream kaum zu Wort kommen.

Bildbeschreibung

Clasen stellt sich gegen die „Medienkrieger“, wie er sie nennt, die den Diskursraum verengen und vorgeben wollen, mit wem man sprechen darf und mit wem nicht. Er hält sich nicht an Kontaktverbote, sprach nach der Veröffentlichung seines Buchs mit dem Kontrafunk oder auch mit Alexander Teske und Co. beim Podcast Sachlich richtig. Logisch also, dass er für uns am Medien-Tresen interessant ist. Die Kritik von Übermedien, man lese bei Clasen nur das, was überall steht, lassen wir vorerst links liegen und schauen ins Buch.

Clasen folgt darin einer These, die zum Apriori der konservativen Medienkritik geworden ist. Er schreibt:

In Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine linksautoritäre Minderheit den Einfluss über die kulturelle Matrix erlangt. Sie stellt an vielen Universitäten, Theatern, Museen und in Redaktionen der Medienanstalten wie ARD und ZDF die Mehrheit, aber auch in etlichen privaten Medienhäusern. Es sind Deutschlands Medienkrieger, die mit Wokeness, Träumerei, Naivität und Unausgewogenheit in der Berichterstattung eine Mitverantwortung an den Polykrisen dieser Tage haben, denn sie verfolgen letztlich eine antikapitalistische und antiaufklärerische Agenda. (Seite 8)

Ob die Begrifflichkeiten passen, ob die Liebedienerei gegenüber der Regierungsmacht und dem Staat wirklich mit „links“ im klassischen Sinne bezeichnet werden kann, soll an dieser Stelle zwar infrage gestellt, aber nicht weiter thematisiert werden. Dies führte zu weit und weg vom Clasen-Buch. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hält er nicht für reformfähig. Er wünscht sich eine

Rückbesinnung auf einen vernünftigen Mainstream […], der sich an den Werten von Aufklärung, Humanismus, Christentum und Marktwirtschaft ausrichtet. (Seite 10)

Clasen sieht den freien Diskurs in Gefahr, erlebt Meinungsmacher statt Journalisten. Er sehnt sich nach einer Zeit zurück, in der Journalisten möglichst ausgewogen, objektiv und wahrhaftig berichten wollten. Ob es dieses Früher wirklich so gab? Zumindest gab es eine Zeit, in der konservative Stimmen auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu vernehmen waren (und die Medienkritik meist von links kam). Er kann sich neben der eigenen Wahrnehmung auf Studien stützen, nach denen die Bundesbürger die öffentlich-rechtlichen Sender als nicht ausgewogen empfinden. Clasen verweist schließlich auch auf Kritiker wie Alexander Teske oder den ZDF-Journalisten Andreas Halbach, der im September 2025 von „Themenfiltern“ beim Magazin Frontal sprach. An dieser Stelle kommt er mit Verweis auf Halbach auch auf die tieferen Abhängigkeiten freier Journalisten zu sprechen, mit denen man zumindest einen Teil der Entwicklung erklären kann. Denn wer nicht sicher sein kann, im nächsten Monat wieder im Dienstplan zu stehen und sein Geld zu bekommen, wer also nicht fest angestellt ist, der wird sich mindestens zweimal überlegen, ob er aus dem Mainstream ausschert.

Solche Analysen, die man natürlich auch schon anderswo gelesen hat, sind im Buch allerdings nicht die Regel. Es ist eher eine Meinungskritik, von der aus Clasen Medienkritik betreibt. Denn nach seiner Kritik an ARD und ZDF arbeitet er sich über etwa 200 Seiten an den kontroversen Themen der Gegenwart ab, bei denen in den Leitmedien des Mainstreams eine Sicht meistens alternativlos war: Flüchtlinge, Corona, Klima, Ukraine-Krieg, Donald Trump, Gaza und der Kampf gegen Rechts. Durch die Verengung des Meinungskorridors würden reale Probleme unter den Teppich gekehrt, schreibt er. In der Corona-Zeit waren „Tech-Giganten in das Geflecht der ‚Medienkrieger‘ eingebunden“ und es wurde „eine von staatlichen Narrativen gestützte Zensur betrieben“. Beim Klima verweist er auf den Aktivismus unter den Journalisten, unter anderem beim Netzwerk „Coverin Climate Change Now“, und zum Ukraine-Krieg zählt er elf „waghalsige Narrative“ auf, die er den meisten deutschen Medien vorwirft.

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Clasen bietet mit seinen Darstellungen ein Korrektiv, wenngleich er nicht immer sauber argumentiert oder auch Fakten weglässt, zum Beispiel wenn er sich beim Ukraine-Krieg über die Kriegsrhetorik der Grünen wundert, dabei aber offenbar deren Unterstützung des Kosovo-Kriegs vergessen hat. Bei der Vielzahl an Aspekten und Themen mag das nicht verwunderlich sein, aber er hätte sich vielleicht zuweilen beschränken und genauer hinschauen sollen. Das gilt auch beim Thema Gaza und Israel, wo er die Einseitigkeit nur auf der Seite derer sieht, die Israel kritisieren. Seiner Meinung nach haben hingegen die Kriege Israels (und der USA) in Syrien, Libanon oder dem Iran die Welt sicherer gemacht. Die Meinung kann man vertreten, es gibt aber auch genügend Gründe für die Gegenposition. Übrigens: Der pro-palästinensische Journalist Fabian Goldmann hat sein ganzes Buch Staatsraisonfunk mit Beweisen für eine Einseitigkeit der deutschen Berichterstattung im Sinne Israels gefüllt. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Clasens Medienkritik ist mindestens auch und oftmals auch nur Meinungskritik.

Dabei gibt er bei vielen Krisenthemen der vergangenen gut zehn Jahren denen eine Stimme, die sonst eher in den oppositionellen Medien zu vernehmen sind. Sein Buch ist über weite Strecken als Zusammenfassung der Kritik derer zu verstehen, die mit der Politik der Bundesregierung und der Europäischen Union nicht einverstanden sind. Dass viele Medien durch ihre Nähe zur Regierung oder mindestens zur Regierungspolitik dabei zur Spaltung beigetragen haben, ist sicher richtig. Dass mit dem Buch möglicherweise auch andere Leser mit einer gewissen Medienkritik in Berührung kommen, schadet in keinem Fall. Mehr erwarten sollte man von Clasens Buch nicht.

Die bereits angerissene Aussage der Übermedien-Rezensentin, es gebe nichts Neues zu erfahren, ist sicher nicht ganz falsch. Das gilt sowohl für diejenigen, die den Mainstream gegen die Medienkritik im Sinne von wirklicher Regierungs- und Staatskritik verteidigen, als auch für die Kritiker auf der anderen Seite des journalistischen Feldes. Wer aus dem Mainstream kommt, vielleicht die Neue Osnabrücker oder eine andere Regionalzeitung liest und ein ungutes Gefühl hat, der bekommt dieses hier bestätigt und wird auf die Zensur durch die EU und andere Elemente der Medienlenkung hingewiesen, die in der Gegenöffentlichkeit längst zum Allgemeinwissen gehören. Was fehlt, ist die tiefergehende Analyse der Medien und ihrer Struktur, der Funktion von Leitmedien und von Definitionsmacht, wie sie Michael Meyen in seinem Buch „Propagandamatrix“ herausgearbeitet und anlässlich der Anhörung in der Enquete-Kommission des Bundestags in dieser Woche noch einmal zusammengefasst hat. Bei Clasen bleibt es meist bei Beispielen, was in jedem Fall als Materialsammlung hilfreich ist.

Nach der Meinungskritik wendet sich Clasen weiteren aktuellen Problemen der Medien zu. Es geht um das deutsche und europäische Zensurnetzwerk, wobei er auch schreibt, dass der Staat die Gesellschaft vor „schädlichen Auswirkungen von Desinformation schützen“ müsse. Eine genauere Klärung, was denn diese „schädliche Desinformation“ sei und wie der Staat diese feststellen und dann davor schützen könne, fehlt. Stattdessen schreibt Clasen mit guten Gründen gegen die Netzwerke an, die vorgeben, für den Schutz zu stehen. Der Widerspruch scheint ihm nicht aufzufallen. Er nimmt sich, unter anderem durch die um sich greifende Unart eines KI-Interviews, des Problems KI, aber auch der Plattformmacht an, ohne jedoch auch hier weiter in die Tiefe zu gehen.

Klar wird am Ende, dass er, der Zeitungsmann, ganz besonders für seine Mediengattung kämpft. Und in der Tat werden die klassischen Zeitungen, die privaten Verlage, von der KI, den Plattformen und eben auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seinen Privilegien zerrieben. Gegen Ende des Buchs merkt man, dass Clasen an vielen Fronten kämpft und zuweilen den Fokus verliert. Vielleicht hätte er seinen Stoff auf zwei Bücher aufteilen sollen. Allerdings können wir am Medien-Tresen seinen Abschlussworten uneingeschränkt zustimmen – gerade nachdem wir erneut die Selbstgerechtigkeit des Mainstreams in der Corona-Enquete am Montag miterlebt haben:

Wir brauchen Liebe zur Wahrheit. Das ist es, was Journalismus ausmacht. Und das ist es, an dem es Deutschlands Medienkriegern mangelt. (Seite 331)

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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Bildquellen: ARD-Studio in Berlin (Titelfoto: Antje Meyen)