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Ostdeutschland | 08.07.2026
Kanonen statt Butter
Die Bundesregierung setzt immer stärker auf Aufrüstung. Auch Standorte im Osten werden so zu einer Zielscheibe.
Text: Sven Brajer
 
 

Während nicht nur im Osten des Landes ein Traditionsbetrieb nach dem anderen seine Pforten schließt, verspricht derzeit vor allem eine Branche noch Arbeitsplätze und Gewinne (in den Portfolios der Anleger und auf den Konten der Lobbyisten): die Rüstung. Dabei fällt auf, dass immer mehr Standorte großer Konzerne in jüngster Zeit Ableger rechts von Elbe, Werra und Saale errichten. Doch wer will schon Waffenproduzenten vor der eigenen Haustür haben?

So beschleicht beispielsweise viele Menschen in Görlitz ein mulmiges Gefühl. Wo von 1849 bis März 2026 Bahnwaggons hergestellt worden sind, hat nun der Rüstungskonzern KNDS das Alstom-Werk übernommen. Viele Proteste unterschiedlichster Parteien und zivilgesellschaftlicher Gruppen gab es im Vorfeld. Einige Mitarbeiter gingen, kündigten oder streben einen vorzeitigen Ruhestand an. Andere wiederum freuen sich über die Arbeitsplätze. Entschieden hat ohnehin „die Politik“. So schrieb Sachsens Ministierpräsident Michael Kretschmer (CDU), der selbst aus Görlitz stammt, Anfang Juli bei Facebook:

KNDS liefert in Görlitz Verlässlichkeit für die Zukunft der Region. Heute arbeiten hier noch 300, bald 400 und mit dem weiteren Wachstum noch weitere von Alstom übernommene Mitarbeiter. Davon profitieren alle: Wertvolle Kompetenzen bleiben erhalten, Arbeitsplätze werden langfristig gesichert und der Industriestandort entwickelt sich weiter. Wir sind gemeinsam einen neuen Weg gegangen – und der Einsatz für den Erhalt der Jobs hat sich gelohnt. Die Entwicklung des Unternehmens ist beeindruckend.

Bildbeschreibung Bild: Görlitz 2018 (Foto: Ralf Roletschek, GFDL 1.2

Das zumindest die großartige Architektur von Görlitz im Mai 1945 – also kurz vor Kriegsende – von der roten Armee größtenteils und eher zufällig verschont blieb, scheint Kretschmer vergessen zu haben. Das größte Rüstungsunternehmen der Stadt, die Waggon- und Maschinenbau AG Görlitz (WUMAG,) kam ebenfalls einigermaßen unversehrt durch die alliierten Luftangriffe und das irre Frühjahr 1945. Eine Tragik der Geschichte ist, dass 81 Jahre danach KNDS genau auf diesem Gelände wieder geschweißte Rohbauteile für deutsche Militärfahrzeuge wie den Kampfpanzer Leopard 2 oder Module für den Radpanzer Boxer bauen lässt.

Dabei ist Rüstungsproduktion gleich aus mehreren Gründen als katastrophal zu bewerten. Diese Waffenschmieden haben einerseits ökonomische Anreize wie steigende Verteidigungsausgaben und anhaltende internationale Spannungen, um ihren Absatz zu sichern. Anderseits haben ihre Produkte keinerlei Konsumwert und werden fast ausschließlich durch Steuergelder finanziert, die dem Bürger durch staatlichen Zwang entzogen werden. Am Börsengang von KNDS wird all das nichts ändern – auch wenn sich der IPO wohl noch ein paar Monate verschieben wird, denn, so ein Finanzportal, „Banken und Investoren liegen bei der Bewertung des Unternehmens [momentan noch] weit auseinander.“

Das freut den Konkurrenten von Rheinmetall, dessen Aktie in den letzten Tagen um gleich fünfzehn Prozent zulegen konnte und bei dem sich die Gesamtbewertung an der Börse seit 2022 mehr als verzehnfacht hat. Das größte Pyrotechnik-Werk des Konzerns weltweit befindet sich in Sachsen-Anhalt. Rheinmetall investiert in Harzgerode im Stadtteil Silberhütte 30 bis 40 Millionen Euro in den Ausbau der Produktion von militärischer Pyrotechnik, Nebelwerfern und Leuchtmunition für Nato-Staaten. Auch hier rührt die CDU, maßgeblich für die Abwicklung von Deutschland als Exportweltmeister verantwortlich, die Werbetrommel für die Aufrüstung. Landrat Thomas Balcerowski:

Wir sind ein Landkreis, der stark von der Automobil-Zulieferindustrie geprägt ist, die Automobilindustrie insgesamt ist in der Transformation. Insofern müssen wir neue Arbeitsplätze schaffen, um weiterhin den Menschen hier ein Zuhause zu geben, Lohn und Brot. Seit 1790 wird hier pyrotechnisch gearbeitet, diese Entwicklung geht jetzt weiter.

Auch die Tochtergesellschaft der Düsseldorfer, die Rheinmetall EOD Services GmbH, ist mittlerweile im „Land der Frühaufsteher“ beheimatet (in Gardelegen) – spezialisiert auf Kampfmittelbeseitigung sowie „Munitions-Lebenszyklusmanagement“.

Im sächsischen Hartha stellt die Rheinmetall Automotive Gruppe laut eigenen Angaben „Wasserumwälzpumpen und Kühlmittelpumpen auf modernsten Fertigungslinien“ her – 330 Menschen sind in der Produktion tätig. Und auch im hohen Norden ist Rheinmetall präsent: Nach der Übernahme der Marinesparte des Yachtherstellers Lürssen gehört die Peene-Werft in Wolgast seit März zum Konzern. Rheinmetall baut den Standort aus, um Schiffe für die Bundeswehr zu fertigen und die Schneid- und Schweißtechnik zu erweitern.

Bildbeschreibung Bild: Die Peene-Werft 2021 (Foto: Niteshift, CC BY-SA 3.0)

Ob so „der große Sprung nach vorn“ – eine Wortwahl, mit der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor einigen Tagen bewusst oder unbewusst an Mao Zedong erinnerte, realisiert werden kann? Wir werden sehen, doch eines ist jetzt schon klar: Auch 2027 werden bei der Rüstungsindustrie die Sektkorken knallen. So ordnete Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) die nächste milliardenschwere Ausgabenorgie für den Steuerzahler schon einmal ein:

Dass wir Schulden machen, hat damit zu tun, dass wir unsere Bundeswehr aufrüsten, dass wir modernisieren.

Das mulmige Gefühl in Görlitz, Silberhütte oder Wolgast wird dadurch nicht besser. Kaliningrad ist nur 500 bis 700 Kilometer weit weg.

Sven Brajer ist promovierter Historiker, freier Journalist sowie gelernter Einzelhandelskaufmann. Er lebt und arbeitet in Berlin und Görlitz und betreibt den Blog Im Osten.

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Bildquellen: Der HX3 2021 (Titelfoto: Rheinmetall, CC BY-SA 4.0)