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Ostdeutschland | 09.06.2026
Die zweite Abwicklung
Im Osten schließt gerade ein Traditionsbetrieb nach dem anderen seine Pforten. Das weckt traurige Erinnerungen.
Text: Sven Brajer
 
 

Fataler demographischer Wandel, selbstgemachte Energiekrise, gekappte Lieferketten und selbstzerstörerische Sanktionen. Die offenbar von Berlin gewollte und forcierte Deindustrialisierung schlägt in Ostdeutschland immer stärker zu. Das kann man an der Liste von Firmen nachvollziehen, die 2026 Insolvenz angemeldet haben. Diese Firmen haben zum Teil zwei Weltkriege, vierzig Jahre „real existierenden Sozialismus“ und den Furor der Treuhand Anfang der 1990er Jahre überstanden, doch die verhängnisvolle Politik der Ampel, dieser „dümmsten Regierung Europas“ (Sahra Wagenknecht), sowie der Groko, angeführt vom Duo Infernale Merz/Klingbeil, waren schlichtweg zu viel des „Guten“.

Nicht zu unterschätzen am wirtschaftlichen Niedergang ist auch die Rolle des Leviathan in Brüssel mit seinen Bürokratie- und Überwachungsorgien, die für Bürger und Unternehmen von Jahr zu Jahr mehr ausufern. Das zeigt sich an der Anzahl der Gesetze, die sich sehr oft zum Nachteil der mittelgroßen und kleinen Unternehmen auswirken, erst recht in der energieintensiven Branche: (supra-)nationale Kommandowirtschaft statt freier Markt. Eine seltsame Trendumkehr, nachdem die ostdeutsche Wirtschaft sich in einem ökonomisch liberaleren Umfeld und vielen Mühen bis in die 2010er Jahre als erfolgreicher Mannschaftsteil des deutschen Exportweltmeisters etabliert hatte. Dann folgten das überhastete Abschalten deutscher Atomkraftwerke, die zu den besten und sichersten der Welt gehörten, und der fast parallele Verzicht auf Öl- und Gaslieferungen aus Russland. Die einseitige Fokussierung – aus rein ideologischen Gründen – auf Energie vor allen aus den USA, Norwegen und (Atomstrom!) Frankreich hat die Energiepreise am Standort Deutschland in nie gekannte Höhen getrieben. Dazu kommen Steuersätze, die Unternehmer – und auch viele Privatleute – in andere Länder treiben, wo sie zum Teil deutlich weniger von den jeweiligen Regierungen geschröpft werden. Die Auswirkungen kann man hier derzeit hautnah erleben:

Kahla Porzellan (Kahla, Thüringen)

Die geschichtsträchtige Porzellanmanufaktur mit dem kultigen Kobaltblau als Markenzeichen wurde 1844 gegründet und entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg zu einem der größten Porzellanhersteller Deutschlands. In der DDR gehörte Kahla Porzellan als Stammbetrieb zum VEB Kombinat Feinkeramik, bevor ab 1990 mehrere Privatisierungen und Sanierungen folgten. Trotz einer Restrukturierung seit 2020, bei der das Onlinegeschäft ausgebaut und Fertigungsprozesse modernisiert wurden, blieb die finanzielle Decke des Traditionsunternehmens dünn. Die anhaltend hohen Energiepreise für die gasintensiven Brennöfen sowie eine allgemeine Konsumflaute im Haushaltswarensektor belasteten den Betrieb massiv. Um die Finanzen neu zu ordnen, stellte das Unternehmen Anfang März 2026 erneut einen Insolvenzantrag – betroffen sind 175 Menschen.

Bildbeschreibung Bild: Werbung von früher, stolz präsentiert im Buch zum 150. Firmenjubiläum (Foto: Thüringen Porzellan GmbH, CC BY-SA 3.0)

STC Spinnzwirn GmbH (Chemnitz, Sachsen)

Das 1866 in Schönau gegründete Unternehmen blickt auf eine lange Tradition im Textilmaschinenbau zurück, die eng mit dem geschichtsträchtigen Industriestandort Chemnitz bzw. Karl-Marx-Stadt verbunden ist. Als Teil des gigantischen DDR-Kombinats Textima exportierte der Betrieb jahrzehntelang Strick- und Spinnmaschinen in die ganze Welt. Nach 1990 wurde das Werk privatisiert, spezialisierte sich auf Hightech-Anlagen für die Herstellung von Monofilen und Bändchengarnen und firmierte fortan unter dem Namen STC Spinnzwirn. Da der europäische Textilmarkt seit Jahren schrumpft und kaum noch Abnehmer in der Region ansässig sind, geriet das Unternehmen zunehmend in Isolation. Angesichts der übermächtigen Maschinenbau-Konkurrenz aus China, wo die Standortkonditionen deutlich besser sind, und aufgrund eines Mangels an Neuaufträgen musste der Traditionsbetrieb Ende Mai Insolvenz anmelden – 140 Menschen sind unmittelbar betroffen.

Halberstädter Würstchen (Halberstadt, Sachsen-Anhalt)

Der Grundstein für das Unternehmen wurde 1883 in Halberstadt gelegt, wo Gründer Friedrich Heine weltweit die erste Brühwurst in eine Konservendose brachte. Das Unternehmen galt 1913 als größtes Fleischverarbeitungswerk Europas. Nach der Enteignung in wurde die Fabrik als VEB Halberstädter Fleischwaren betrieben, bevor sie 1992 von der Unternehmerfamilie Nitsch zurückgekauft und modernisiert wurde. Der Name „Halberstädter Würstchen“ ist heute sogar als geografische Angabe in der EU geschützt. Das heißt: Produziert werden darf nur in der Region Halberstadt. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades scheiterte die Erfüllung eines früheren Insolvenzplans, da die Liquidität der Unternehmensgruppe aufgrund der drastisch gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise und der hohen Besteuerung erschöpft war. Da die Mai-Löhne nicht mehr gezahlt werden konnten, musste die GmbH Anfang Juni erneut Insolvenz anmelden und die Produktion komplett stoppen. Vorher wurde noch darüber nachgedacht, den Konservenbedarf stärker auf die Bedürfnisse der Bundeswehr als möglichen Großabnehmer auszurichten. Für 150 Mitarbeiter kommt dieser Plan zu spät.

Bildbeschreibung Bild: Ansichtskarte von 1911: Ein Fleischer in Hannover verkauft „Heines echte Halberstädter Würstchen“ (Fotograf unbekannt, Public Domain)

Damino Textilien (Großschönau, Sachsen)

Die Wurzeln des Textilherstellers reichen bis 1906 zurück, als das Unternehmen im sächsischen Großschönau, einem traditionellen Zentrum der Weberei seit über 360 Jahren, gegründet wurde. Zu DDR-Zeiten war der Betrieb Teil des VEB Frottana und erlangte internationale Bekanntheit für seine hochwertigen Damast-Textilien, insbesondere für Bett- und Tischwäsche. Nach 1990 gelang die Privatisierung, und die Damino GmbH positionierte sich erfolgreich als Spezialist für hochwertige Webwaren im gehobenen Hotel- und Bekleidungssektor. Ein extrem schwieriges Marktumfeld, stark gestiegene Produktionskosten in Deutschland und anhaltende geopolitische Unsicherheiten brachten den Betrieb jedoch in Bedrängnis. Nachdem im Sommer des Vorjahres ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung gestartet wurde, reichten die finanziellen Mittel schlussendlich nicht aus, weshalb die Schließung und die Abwicklung des Geschäftsbetriebs für Juni angekündigt werden mussten – für die 81 Mitarbeiter ein Schock, da man bis zuletzt auf einen Investor aus Usbekistan hoffte.

Bildbeschreibung Bild: Zwei sowjetische Monteure und ein DDR-Kollege 1972 im VEB Frottana in Großschönau (Foto: Ulrich Häßler, Bundesarchiv, Bild 183-L1122-0002, CC-BY-SA 3.0)

Eliog Industrieofenbau (Römhild, Thüringen)

Das Thüringer Traditionsunternehmen wurde 1924 in Düsseldorf gegründet. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verlagerte der Spezial-Maschinenbauer seine Produktion nach Römhild, wo es als volkseigener Betrieb (VEB) weiterging. Nach der politischen Wende 1989/1990 geriet das Unternehmen schon einmal in Schieflage, woraufhin die familiengeführte bayerische Rupprecht-Gruppe den Betrieb 2011 übernahm und stabilisierte. Als anerkannter Weltmarktführer im Bereich des industriellen Ofenbaus belieferte die Firma vor allem die Automobilindustrie und deren direkte Zulieferer. Aufgrund der Strukturkrise in der deutschen Automobilbranche brachen der Firma jedoch die Aufträge weg, weshalb im Frühjahr ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt werden musste, der etwa 80 Mitarbeitern den Job kosten könnte.

Nicht nur die Arbeitsplätze werden fehlen, sondern auch die identitätsstiftende, Generationen prägende Markenidentität, die in den jeweiligen Regionen mit den Firmen verbunden ist. Es werden Erinnerungen an die frühen 1990er Jahre wach, als viele ostdeutsche Betriebe geschlossen wurden. Die hier aufgelisteten Betriebe haben diesen Einschnitt überlebt, doch die seit „Corona“ 2020/21 andauernde und sich jedes Jahr zuspitzende Wirtschaftskrise droht zu einer Stagflation – mit hoher Inflation und ausbleibendem Wirtschaftswachstum – zu mutieren. Da man in Berlin diese Entwicklung schulterzuckend – wenn überhaupt – zur Kenntnis nimmt bzw. permanent verschlimmbessert, ist eines klar: Weitere deutsche Unternehmen in Ost wie West werden den Weg in die Insolvenz antreten – und der Wohlstand für weite Teile der Bevölkerung wird weiter schwinden.

Sven Brajer ist promovierter Historiker, freier Journalist sowie gelernter Einzelhandelskaufmann. Er lebt und arbeitet in Berlin und Görlitz und betreibt den Blog Im Osten.

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Bildquellen: Protest bei der Märkischen Faser AG in Premnitz, 10. Dezember 1990 (Titelfoto: Peer Grimm, Bundesarchiv, Bild 183-1990-1210-008, CC-BY-SA 3.0)