400f9768c2ebf093635f300d3f33a6c2
Welt-Tresen: Ostdeutschland | 13.01.2026
Im Eck der letzte Dreck?
Ganz rechts in Sachsen leben nur Hinterwäldler, die alle AfD wählen und aus Furcht vor Autodiebstählen bis an die Zähne bewaffnet sind. Wirklich?
Text: Sven Brajer
 
 

Zeitreise in die DDR

Etwa 30 km östlich von Dresden beginnt die Oberlausitz. In den 1970er und 1980er Jahren war die Region von intensiver Industrialisierung geprägt. Der Norden mit den Kreisen Hoyerswerda und Weißwasser war Teil des „Energiebezirks“ Cottbus. Der Braunkohleabbau zog zehntausende Menschen aus dem ganzen „Arbeiter- und Bauernstaat“ in die nördliche Oberlausitz. Kohle gab es auch in der Region um Zittau an der Grenze zur ČSSR und der Volksrepublik Polen. Neben der unvorstellbaren Umweltverschmutzung mussten auch hier ganze Dörfer oder zumindest Teile davon dem Raubbau an der Natur weichen. Die Region bekam den Spottnamen Schwarzes Dreieck. Die Älteren erinnern sich noch gut an den vom Kohlenstaub verschmutzten Schnee im Winter.

Bildbeschreibung Bild: Baumwollfabrik in Leutersdorf 1856

Die flache Gegend nördlich von Bautzen – das Krabatland – bot auch gute Voraussetzungen für die Herstellung von Glas. Und im gebirgigen Süden, dem Oberland, mit seinen pittoresken Umgebindehäusern und den Menschen mit dem rollenden „R“ in der Gurgel dominierten große Textilfabriken das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts und fast das ganze 20. Kurz nach der politischen „Wende“ war damit Schluss.

„Wiedervereinigung“

Plötzlich war „viel Dynamik da und noch mehr Freiheit“ (Frank Peuker, Großschönau), doch rasch setzte Ernüchterung ein. Es folgte eine gigantische Auswanderungswelle, die bis heute im kleineren Maßstab anhält. Vor allem die Jungen und Wissbegierigen zwischen 18 und 40 gingen, nicht zuletzt, weil der Westen mit hohen Gehältern lockte und die Treuhand zuhause Fabrik um Fabrik dichtmachte. Die Bevölkerung schrumpfte bis 2010 um fast ein Viertel. Die vielen, oft nur sehr kurzlebigen neuen Geschäfte mit den langersehnten Westprodukten konnten den bis heute andauernden Niedergang nicht kompensieren. Die Dagebliebenen beschäftigten sich dagegen umso mehr mit der Kultur und Geschichte ihrer Region. Gleichzeitig konnte die Natur durch- und mit der Deindustrialisierung im Laufe der 1990er Jahre aufatmen. Das einstmals schwarze Dreiländereck putzte sich heraus, bis in die 2010er Jahre erblühte die Vereinskultur. Für Städte wie Zittau oder Görlitz hätte die „Wiedervereinigung“ keinen Tag später kommen dürfen: Zum Teil ging historische Bausubstanz seit den 1960er Jahren verloren, viele Gebäude waren stark sanierungsbedürftig oder gar Ruinen, und die Plattenbauten kamen den mittelalterlichen und barockdominierten Innenstädten seit den 1970er Jahren immer näher. Die Grenze zu den nur einen Steinwurf entfernten Nachbarländern war für die DDR-Sozialisierten noch viele Jahre im Kopf. Über die Grenze – und nicht wirklich weit darüber hinaus – fuhr man genau für vier Dinge: billige Zigaretten, Gaststätten, erotische Vergnügungen und Benzin.

Bildbeschreibung Bild: Bahnhof Jonsdorf, 10. November 1989 (Felix O, CC BY-SA 2.0)

Die vor 1945 Geborenen konnten mit dem einstmals böhmischen Niederland im Süden und Niederschlesien östlich der Neiße dagegen deutlich mehr anfangen: Neben westdeutschen Reisebussen begann ein regelrechter Ansturm rüstiger Rentner auf so unterschiedliche Städte wie Liberec/Reichenberg, Rumburk/Rumburg oder Bad Flinsberg/Świeradów-Zdrój. Man konnte es den westdeutschen Altersgenossen endlich gleichtun. Doch all das konnte den wirtschaftlichen Abstieg nicht aufhalten. Dieser ging mit einer Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren einher, die teil- und zeitweise über dreißig Prozent lag – ein Wert, der zuletzt sechzig Jahre vorher unter ganz anderen politischen Vorzeichen erreicht wurde. Damals profitierte die NSDAP davon, in den 1990er Jahren die ihr nicht unverwandte NPD besonders in den Landkreisen Bautzen und Görlitz. Der NDR „berichtete“ marktschreierisch zu Beginn der 2000er Jahre über die Oberlausitz:

Wer verstehen will, wie die Nazis einer ganzen Region ihren Stempel aufdrücken konnten, muss hierher fahren.

„König Kurt“ Biedenkopf schaffte es dennoch – oder wie Kritiker sagen: gerade deshalb – bei drei Landtagwahlen, absolute Mehrheiten für seine CDU zu holen. Ein inhärenter Konservatismus und Bauernschläue einhergehend mit Bodenständigkeit führten die meisten Oberlausitzer in den „wilden“ 1990er Jahren zur CDU, der Rest wählte PDS – oder eben NPD. Dennoch fühlten und fühlen sich alle als Oberlausitzer – während man andernorts in Deutschland an erster Stelle lieber „Europäer“ oder „EU-Bürger“ ist.

Ein wie sonst in kaum einem anderen deutschen Landstrich vorhandener Regionalpatriotismus, der teilweise sezessionistische Züge trägt, prägt die Region seit Jahrhunderten – die Herrscher waren zumeist weit weg. Bis heute blickt man mitunter augenzwinkernd auf die sächsischen „Breitguschn“ (mit kurzen „u“) und „Vielquatscher“ in Dresden oder gar erst in Leipzig. Von denen wurde man im Zuge des Prager Friedens 1635 annektiert, nachdem der sächsische Kurfürst Johann Georg I. 1620 die Oberlausitzer Hauptstadt Bautzen einen Monat belagern und Hunderte von Artilleriegeschossen auf die altehrwürdige Stadt an der Spree abfeuern ließ. Das hat man den Sachsen aber mittlerweile verziehen, und die eine oder andere weiß-grüne Fahne weht heute stolz auch rechts des Flusses Pulsnitz – der alten Grenze zwischen der Meißner (sächsisch) und der Oberlausitzer (böhmisch) Seite. Viel öfter ist allerdings die blau-gelbe Fahne in Vorgärten oder an Heckscheiben zu sehen: Nein, nicht die, die man seit 2022 in Berlin – neben der Regenbogenfahne – allerorten sieht, sondern die fast gleich aussehende Flagge der Oberlausitz. Apropos Berlin und Preußen: Wie sagt man so schön in der sächsischen Oberlausitz, dort wo die Spree entspringt:

Wullmer‘ de Berliner fuppm, dann duhnma den[en] de Spraa vorstuppn (Wollen wir die Berliner ärgern, dann verstopfen wir ihnen die Spree!

Denn noch viel weniger als über die politischen Vorgaben aus der Dresdner Staatskanzlei sind viele Oberlausitzer über die Kanzlerschaften und Regierungsparteien insbesondere der letzten 20 Jahre erfreut.

Bildbeschreibung Bild: Altstadt von Bautzen (Jan-Herm Janßen, CC BY-SA 4.0)

Brüssel, Berlin – und die Nachbarn

Das erklärt vielleicht auch die Annäherung an die Tschechen und Polen. Autodiebstähle, Einbrüche und die große Angst vor dem EU-Beitritt beider Länder 2004 hatten zunächst zu eifriger Selbstbewaffnung geführt und böse Klischees aus den 1930er und 1940er Jahren aufleben lassen. Mittlerweile schaut man mit Anerkennung und Respekt nach Süden und Osten. Migrationskrise? Klimakrise? Corona-Krise? Genderkrise? Pustekuchen. Bis heute fragen sich viele Menschen in den beiden schmucken Nachbarländern mit dem großen Nationalbewusstsein, was die Deutschen im letzten Jahrzehnt eigentlich so geritten hat – wie man sich mittels Kettensäge den eigenen wirtschaftlichen und kulturellen Ast absägen kann, bis eben alles in Trümmern liegt – offenkundig um der Sache willen, offenkundig deutsch? Das fragen sich auch viele Bewohner zwischen Königsbrück und Görlitz, zwischen Ruhland und Ostritz, aber eben zum Teil auch die Bewohner in der polnischen Oberlausitz in Bogatynia/Reichenau oder Złotniki Lubańskie/Goldentraum, die oft nur kopfschüttelnd nach Berlin, Hamburg, Köln oder gar ins ferne Brüssel blicken.

Denn nach der ersten verordneten Deindustrialisierung der frühen 1990er läuft mittlerweile die zweite verordnete Deindustrialisierung seit 2020/2022, und nach der ungefragten Einführung des Euros 2002 läuft mittlerweile die ungefragte Einführung des digitalen Euros. Wenn die Hauptstadt also permanent mit politischen Zumutungen aufwartet, wählen viele Oberlausitzer „Granitschädel“ eben die größtmöglichen Zumutungen für Berlin-Mitte – auch wenn die (Selbst-)Zerstörung des BSW und die zunehmend transatlantisch-bellizistische Einnordung der AfD an den meisten nicht unbemerkt vorbeigeht. Aber Politik ist und war eben immer so. Oder anders ausgedrückt:

Sullnse alle oack machen, wie se wulln – mir brauchen’s ne! (Sollen sie alle bloß machen, was sie wollen – wir brauchen das nicht!)

Sven Brajer ist promovierter Historiker, freier Journalist sowie gelernter Einzelhandelskaufmann. Er lebt und arbeitet in Berlin und Görlitz und betreibt den Blog Im Osten.

Welt-Tresen

Kurse

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto

Bildquellen: Wahlplakat in Lückendorf 2024 (Titelbild, Olgierd Rudak, CC BY-SA 2.0)