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Oben & Unten | 11.03.2026
Gurkenjournalismus
Vermutlich werden journalistische Texte zunehmend von KI geschrieben. Jedenfalls könnte KI das locker. Was ist daran problematisch und was nicht?
Text: Axel Klopprogge
 
 

Kürzlich hatten wir im Freundeskreis eine Diskussion über den Verfall des klassischen Journalismus und altgedienter Qualitätsmedien. Langjährige Spiegel-Leser zeigten sich zunehmend genervt, nicht nur von der Online-, sondern auch der Print-Ausgabe. Das betraf zum einen die dümmliche Schlagseite in den politisch-gesellschaftlichen Artikeln. Von einem Spiegel-Redakteur wurde bestätigt, dass der politische Teil immer schwächer werde und dass es in der Redaktion genau so zugehe, wie man sich das verschwörungstheoretisch ausmalen würde: Da sitzen 80 bis 90 Prozent „Linke“ und jeder Abweichler wird „geshamed“. Die Linien sind größtenteils klar vorgegeben: Me too, Zero Covid, woke, pro Ukraine, gegen Trump usw. Am Ende müssten die Analysen immer ungefähr darauf hinauslaufen.

Vor allem aber nervte die treuen Spiegel-Leser, dass hirnlose Lifestyle-Artikel überhandnehmen. Auf meine Frage, was damit gemeint sei, wurden umgehend folgende Überschriften präsentiert:

  • „Mein Nachbar grüßt mich nicht – warum mich das heimlich freut“
  • „In Skandinavien hat sich Anna bei einer Panikattacke gefilmt“
  • „Ich bin beziehungsunfähig – habe ich das von meinen Eltern?“
  • „Heute entrümpele ich mich gesund“
  • „Wenn Du jetzt gehst, siehst du Fabian nie wieder, sagte sie“
  • „Lieber jetzt trennen, solange wir uns noch in die Augen schauen können“

Und natürlich in der Endlos-Schleife immer neue Varianten von: „Das Spiegel-Workout für den ganzen Körper und das ganze Jahr.“ Bevorzugt in der Multipurpose-Version für Körper, Geist und Seele.

Das kam mir sofort bekannt vor auch aus den online-Ausgaben anderer „Qualitätsmedien“:

  • „Heterofatalismus: Die alte Form der Verpartnerung ist tot“
  • „Meine Frau rastet ständig aus – und ich halte still. Wie soll das weitergehen?“
  • „Liebeskummer trifft Männer anders“
  • „Male Loneliness Epidemic: Unabhängig, unerreichbar, unverstanden – Warum junge Männer heute oft so einsam sind“
  • „Warum Kinder wie ihre Eltern werden – selbst, wenn sie es nicht wollen“
  • „Wo finden Erfolgsfrauen Männer ohne Egoprobleme?“
  • „Mama, wofür braucht man Männer?“

Meine Lieblingsautorin ist Katrin Hummel („Ich mag die neue Freundin meines Freundes nicht – und jetzt?“ oder „Legen Sie morgens 30 Sekunden die Hand auf die Vulva“). Aus dem Gespräch mit einer einzigen Bekannten formt sie freihändig einen globalen Trend. Besonders fasziniert hat mich neulich der Artikel „Wie ich fast zum Escort wurde“ über einen Selbstversuch, dessen Inhalt darin bestand, dass der Selbstversuch nicht stattfand.

Übrigens ist nicht nur im Spiegel, sondern auch bei FAZ, Welt oder NZZ eine Prise Wokeness nicht verpönt. Vor allem das Narrativ der unter unsensiblen Männern leidenden Frauen scheint besonders leicht die Hürde der Redaktionskonferenz zu passieren.

Mich erinnern diese Artikel stark an das, was ich schon als junger Mann im Wartezimmer in Neue Revue oder Praline neben Klatsch und Tratsch aus Königshäusern, der Serie „Sexualbräuche fremder Völker“ und den Angeboten des „Tina-Versand Hamburg“ zu lesen bekam. Aber seien wir nicht zu streng. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag bei einem Entspannungs-Bier durch das Fernsehprogramm zappe, dann sehe ich auch lieber zum siebzehnten Mal Manche mögen‘s heiß oder Ziemlich beste Freunde als einen deutschen Problemfilm mit sozialkritischem Einschlag.

Ich warf die Frage in die Diskussion, ob die genannten Lifestyle-Artikel eigentlich noch von Menschen geschrieben werden. Kann das nicht auch eine KI erledigen? Da meine Gesprächspartner noch etwas ungläubig schauten, machte ich mich gleich an einen Versuch. Das war mein Prompt – man erkennt leicht das zuvor identifizierte Strickmuster:

Schreibe mir eine Kolumne zu dem neuen europäischen Trend, dass Frauen keine Gurken mehr essen, weil sie darin ein Phallus-Symbol und Zeichen des Patriarchats sehen. Die wichtigen Mineralien und Vitamine, die in Gurken enthalten sind, ersetzen sie, indem sie an Treppengeländern lecken. Baue in den Text authentisch wirkende Selbstzeugnisse ein, die sagen, dass sich die Frauen seitdem besser fühlen und zu sich gefunden haben. Länge des Textes ca. 5000 Zeichen. Fetzige Überschrift und Teaser von 150 Zeichen.

Nach wenigen Sekunden kam das Ergebnis, von mir an keiner Stelle verändert:

Die entgurkte Seele – Europas neuer Emanzipationsknackpunkt aus Edelstahl

Gurken gelten plötzlich als Patriarchat in Grün. Europas neue Avantgarde findet Mineralien am Treppengeländer – und sich selbst gleich mit.

Es beginnt wie jeder Trend: leise, urban, mit einem Hashtag, der nach Beton und Bewusstsein riecht. Erst flüsterten es Yogastudios, dann raunte es durch Coworking-Spaces, schließlich schallte es von Panels mit Mikrofonen aus Recyclingplastik: Frauen essen keine Gurken mehr. Nicht aus Diätgründen, nicht wegen Pestiziden – sondern aus Prinzip. Die Gurke, so heißt es, sei „ästhetisch problematisch“, ein „vegetabiles Echo des Patriarchats“. Ein Phallus, sagen die einen. Ein Machtinstrument mit Schale, sagen die anderen.

Was früher Tzatziki war, ist heute Trauma. Und wer glaubt, das sei übertrieben, war lange nicht mehr auf einem europäischen Wochenmarkt. Dort liegen sie nun, die Gurken, unangetastet, ungeliebt, mit kleinen Zetteln beklebt: Nicht heute. Daneben Edelstahlflaschen, gefüllt mit Leitungswasser, und der neue Heilsbringer: das Treppengeländer.

Denn die wichtigen Mineralien und Vitamine – Kalium, Magnesium, ein Hauch Eisen, vielleicht auch Zink, man ist sich nicht einig – werden nun anders bezogen. Nicht gegessen, sondern geleckt. Öffentlich. Bewusst. „Es geht um Rückaneignung“, erklärt man mir ernsthaft. „Der Körper entscheidet, wo er sich nährt.“

Selbstzeugnisse gibt es viele, und sie klingen erstaunlich ähnlich. „Seit ich keine Gurken mehr esse und morgens das Geländer im Altbau ablecke, fühle ich mich klarer“, sagt Lea, 34, Kommunikationsberaterin. „Es ist kalt, ehrlich, ungeformt. Ich bin danach mehr bei mir.“ Oder Jana, 41, Kulturarbeiterin: „Die Gurke hat mir immer etwas aufgedrängt. Das Geländer fragt nichts. Es ist da. Ich nehme, was ich brauche.“ Sogar Kathrin, 27, Studentin, berichtet: „Ich dachte erst, das sei ironisch. Aber nach zwei Wochen Edelstahl habe ich das Gefühl, mein Körper hört mir wieder zu.“

Natürlich gibt es Kritikerinnen. Sie verweisen auf Hygiene, auf bakterielle Realitäten, auf den schmalen Grat zwischen Symbolpolitik und Schleimhaut. Doch der Trend ist immun gegen Einwände. Wer zweifelt, hat offenbar noch nicht „richtig geleckt“.

In den sozialen Netzwerken kursieren Anleitungen: Achtsam lecken, Grenzen spüren, Nicht saugen, nur berühren. Treppengeländer aus Messing gelten als „wärmer“, Edelstahl als „ehrlicher“. Holz ist umstritten. Plastik verpönt.

Was bleibt, ist die Frage, ob Emanzipation wirklich über Gemüse definiert werden muss. Oder ob es nicht vielmehr um etwas anderes geht: um Kontrolle, um Abgrenzung, um das gute Gefühl, Teil von etwas zu sein, das gleichzeitig radikal und lächerlich ist. Vielleicht ist das Geländer am Ende nur ein Spiegel. Kalt, reflektierend, voller Fingerabdrücke.

Und die Gurke? Sie liegt da, schweigend, grün, unschuldig. Wartend auf bessere Zeiten. Oder zumindest auf einen Salat, der sie wieder will.

Was bedeutet das Ergebnis?

Erstens einfach anerkennend: Der Artikel hat zwar nicht die geforderten 5000 Zeichen, aber er ist gut geschrieben. Keine sprachlichen Fehler, keine Ungeschicklichkeiten. Der Aufbau ist logisch, durchaus flott und intelligent und führt zu einer Pointe. Ehrlich, ich lese jeden Tag menschengeschriebene Texte, die schlechter sind. Und ich würde nicht behaupten, dass meine Kolumnen besser geschrieben sind. Wir sollten auch gar nicht daran herumnörgeln, sondern es zunächst einfach als eine neue Möglichkeit begrüßen. Während man noch vor wenigen Jahren über den von Übersetzungsprogrammen produzierten Murks lachen konnte, ist das heute nicht mehr der Fall. Vielleicht wird der Connaisseur noch subtile Unterschiede spüren, aber besser als unsere normalen Übersetzungskünste sind die Programme allemal.

Dasselbe passiert, wenn man mit KI-Programmen für Musik arbeitet, etwa mit SUNO. Da wird nichts Ungeschicktes generiert, schon gar nicht, wenn man eigene Kompositionen einsteuert. Zugegeben, wenn man ohne eigene Inhalte mit dürren Kommandos promptet, spürt man bei Musik wie bei Texten nach kurzer Zeit die stets gefällige Machart und wird ihrer rasch überdrüssig. Aber gleichzeitig wird einem bewusst, wieviel der Musik, die uns ständig umgibt, sich genau so anhört – und zwar nicht nur das Kaufhaus-Gedudel, sondern auch Musik profilierter Bands. Warum sollte das nicht auch für journalistische Texte gelten? Aus Redaktionen hört man, dass es vielfach schon der Fall ist. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit das stimmt. Aber überraschen würde es mich nicht. Vor allem nicht, wenn die Online-Portale unter dem Druck stehen, zu möglichst geringen Kosten ständig Content einzuspeisen.

Wird diese Technologie im Journalismus und anderswo Arbeitsplätze kosten? Meines Erachtens ja. Zwar führen Substitutionspotenziale, die stets apokalyptische Zahlen liefern, nicht zwangsläufig zu tatsächlicher Substitution, für die noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Aber alle Tätigkeiten, die in definierter Weise definierte Aufgaben erfüllen, besitzen Substitutionspotenzial, weil genau das die Definition einer Maschine ist. Ein Bildungssystem, das unter der Fahne der Prüfungsgerechtigkeit, der Studienquote oder einfach nur der Massenabfertigung darauf ausgerichtet ist, mit dem Repetieren von Wissensbausteinen und Multiple-Choice-Prüfungen den Eindruck zu erwecken, es gäbe immer feste Fragen mit einer richtigen Antwort, erzeugt jedes Jahr eine große Kohorte, die weder akademisch oder unternehmerisch selbständig denken noch eine Waschmaschine reparieren kann. Diese Kohorte ist ziemlich wehrlos gegenüber einer KI, die nach Jahrzehnten ernüchternder Vorarbeiten plötzlich in wenigen Jahren eine erstaunliche Reife erreicht hat.

Ist es schade um diese Jobs? Nicht unbedingt, auch wenn ich keinem Menschen einen Arbeitsplatzverlust wünsche. Mir würden genügend Funktionen und Funktionsträger einfallen, die nichts zur Wertschöpfung beitragen, die niemals die Extrameile gehen, aber auf die hinabblicken, die sich täglich mit den Widrigkeiten der wirklichen Wirklichkeit auseinandersetzen. Meine kritischen Fragen zur KI gerade auch im Journalismus entzünden sich weniger hier, sondern an anderer Stelle.

Wir können der realen Welt nicht entkommen

Mein Freundeskreis hat sich köstlich über den Gurken-Artikel amüsiert. Eine Freundin schrieb zurück: „Ich schmeiß mich weg!“ Warum empfinden Leute diesen Artikel als lustig oder auch erhellend? Zum einen ist er wie gesagt gut geschrieben. Aber der humoristische Effekt ergibt sich daraus, dass einerseits das Thema durchschaubar absurd ist, wir aber andererseits Menschen, Milieus oder Texte kennen, die tatsächlich so sprechen und denken. Wenn es solche Gedanken nicht gäbe und sie nicht im Netz zugänglich wären, könnte die KI gar nichts davon wissen.

Umgekehrt durchschauen wir es, weil die feministische Ablehnung der Gurke vielleicht noch glaubhaft ist, aber das Ablecken der Treppengeländer unserer Welterfahrung widerspricht. Es wäre aber ein Leichtes, Artikel so zu prompten, dass es weniger auffällig ist, vielleicht ein Thema betrifft, das uns am Herzen liegt, oder Aussagen enthält, zu denen wir keine eigenen Erfahrungen besitzen. Daraus ergibt sich ein grundsätzlicher Gedanke: Wir stutzen, weil wir Welterfahrung besitzen, die uns warnt. Aber was, wenn die Welterfahrung nicht mehr vorhanden ist, wenn wir einen Tunnel nicht mehr von der Simulation eines Tunnels unterscheiden können, weil wir noch nie einen richtigen Tunnel und noch nie die Mühen seines Bauens gesehen, angefasst, gefühlt, gerochen haben?

Man könnte an dieser Stelle leicht alle möglichen Missbrauchs- und Manipulationsszenarien ableiten und möglicherweise zu Recht. Ich möchte auf etwas anderes hinweisen: die Sinnlosigkeit des Ganzen.

Das beginnt beim Geschäftsmodell. Wenn man mit KI in Sekundenschnelle gute Texte zu vorhandenen Inhalten erzeugen kann, dann brauche ich als Leser oder Interessent nicht zu den Online-Portalen von Spiegel, FAZ oder NZZ gehen, um dort die KI-erzeugten Texte zu lesen. Ich kann sie mir selbst erzeugen. Wenn mir noch der Kick fehlt, könnte ich mir in Sekundenschnelle extremere Varianten generieren lassen, in denen Kürbisse verschmäht und Klobrillen abgeleckt werden. Das gilt nicht nur für das Verfassen, sondern auch für das Lesen: Woher wissen wir, dass der Leser noch ein Mensch ist? Immer wieder wird vorausgesetzt, dass sich nur eine Seite optimiert. Aber warum soll sich in Auswahlgesprächen nur der Arbeitgeber durch eine KI vertreten lassen und optimieren, warum nicht auch der Bewerber? Gilt nur für den männlichen Sexroboter, dass er besser aussieht und ein besserer Liebhaber ist als wir Mängelwesen aus Fleisch und Blut? Gilt es nicht auch für die weibliche Ausführung? Und wäre es besserer Sex, wenn sich die beiden Roboter ohne unser Zutun miteinander vergnügten? KI-Assistenten schlagen uns Antworten auf Mails vor. Woher wissen wir, dass nicht bereits die erhaltene Mail KI-generiert ist? Müssen wir überhaupt noch selbst lesen? KI-Assistenten in Mail-Programmen lesen für uns, sortieren die Eingänge und warnen: „Sie erhalten nicht häufig Mails von N.N.“ Egal ob bei der Personalauswahl, beim Sex, beim Briefeschreiben, beim Journalismus oder zig anderen Themen: Zwei Computer machen sich gegenseitig vor, dass sie Menschen seien – ist das die glorreiche Zukunft, in der wir endlich „Zeit für das Eigentliche“ haben? KI erzeugt exponentiell Inhalte, die dann über das Netz verbreitet und wieder von KI rezipiert und verarbeitet werden. Im Klartext: Da frisst jemand seine eigene Scheiße – und zwar immer wieder mit exponentieller Geschwindigkeit nach dem Motto „Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“.

Müssen wir vor KI warnen, sie regulieren oder gar verbieten? Ich würde sagen: Nein! Und zwar nicht nur, weil man eine Technologie sowieso nicht mehr aus der Welt bekommt. Mir würden aus dem Stand zwanzig Felder einfallen, wo KI wunderbare Dienste leistet. Aber wie bei jedem Werkzeug müssen wir lernen, mündig und kritisch damit umzugehen. Das lernen wir nicht durch Kurse, die vor den Gefahren der KI warnen. Wie beim Ablecken des Treppengeländers lernen wir es, indem wir echte Welterfahrung erwerben. Die Simulation eines Tunnels ist gewiss sehr wertvoll für den Tunnelbau, aber die Simulation eines Tunnels ist kein Tunnel. Auch das raffinierteste Simulationsprogramm kann nicht seine eigene Stromversorgung simulieren. Die frühere Erzählung, dass die Vergangenheit materiell und die Zukunft virtuell sei, ist längst obsolet. Sie hat zum Beispiel einen gigantischen Energieverbrauch. So entstehen Rechenzentren neben Kernkraftwerken und umgekehrt. Und dann werden dicke Kabel hinüberführen. Oder die Rechenzentren werden in kalten Gegenden gebaut. Die Entwicklungsgeschichte von ChatGPT enthüllt viel Handwerk, teilweise derbster Art. Das ist nicht negativ gemeint, im Gegenteil. Wir müssen vielmehr lernen, dass am Ende alles Handwerk ist. Und dass wir auch mit den tollsten Werkzeugen der realen Welt nicht entkommen.

KI-Systeme landen zwangsläufig beim Durchschnitt des Durchschnitts des Durchschnitts. Sie können nichts anderes als Mainstream, weil sie keine Welterfahrung und keine Intentionalität besitzen. Es gibt genügend Felder, wo das absolut hilfreich ist. Aber aus den vorhandenen Daten, die immer die Vergangenheit widerspiegeln, wäre ein KI-Assistent nie auf die Idee gekommen, die Banane beiseitezulegen, von den Bäumen herabzusteigen und einfach mal aufrecht zu gehen. Musik, die den Durchschnitt vorhandener Musik widerspiegelt, Mailverkehr nur mit Absendern, die uns schon viele Mails geschrieben haben, Bewerber, die möglichst so sind wie der Durchschnitt bisheriger Mitarbeiter – ist es wirklich intelligent, immer im durchschnittlichen Mainstream zu schwimmen? Umgekehrt sehen wir an dem gängigen Verdikt, dass irgendetwas „umstritten“ sei oder „nicht in die Zeit passe“, dass man für das Denken in selbstbestätigenden Durchschnitten keine KI braucht.

Ich persönlich habe kein moralisches Problem damit, dass sich auch der Journalismus der KI bedient. Warum nicht? Aber im Kern sollte er dorthin gehen, wo die KI nicht hinkommt: in den frischen Wind der wirklichen Wirklichkeit. Talkshows, in die Journalisten ständig andere Journalisten einladen, sind nichts anderes als Sex von zwei Sexrobotern oder Mailverkehr zwischen Bots. Aber auch ein menschengemachter Journalismus, der vom Schreibtisch aus die Welt deutet und kommentiert, unterscheidet sich genauso wenig vom KI-Journalismus, wie sich schon vor KI die plastikhafte ESC-Musik nicht von heutiger KI-Musik unterschied. Wenn das alles keine Zukunft hat, ist es nicht schade drum.

Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen "Oben & Unten" sind Ende 2025 als Buch erschienen.

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Bildquellen: Jerzy @Pixabay