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Essay | 21.04.2026
„Gänsefüßchen“
Hans der Kleingärtner betrachtet frei und akademisch das mediale Grundelement namens „Gänsefüßchen“.
Text: Hans der Kleingärtner
 
 

Gänse fliegen im Keil über den Garten. Gänseblümchen sind vom Rasenmäher bedroht. Meine Frau füllt vegane Gänsekeulen mit Austernseitlingen. Und ich habe hier Gänsefüßchen im Sinn. Anführungszeichen bzw. Gänsefüßchen wegzulassen.

Sprache sammeln

Sammeln gehört zu den kleinsten Übungen. Um der Sprache der Herrschaft und der Herrschaft der Sprache auf die Schliche zu kommen. Türöffner war für mich Victor Klemperer mit LTI. Machtsprache historisch konkret. Die Lektüre von LTI war für mich als junger Mensch so gegenwärtig, dass ich dabei das Dritte Reich nur geflissentlich als Entstehungszeit zur Kenntnis nahm. LTI ermächtigte mich, noch mehr an der Sprache des SED-Staates rumzuningeln.

Bildbeschreibung Bildbeschreibung Hinweis auf Klemperer im Studienbuch meiner Tante von 1946, Humboldt-Universität. Klemperer danke ich die subjektive, tätige Methode. Meiner Tante danke ich Freude beim Wortverstehen.

Tief blicken ließ Klemperer bis in die Interpunktion. Interpunktion mit Gänsefüßchen: „Das ironische Anführungszeichen beschränkt sich nicht auf solch neutrales Zitieren, sondern setzt Zweifel in die Wahrheit des Zitierten, erklärt von sich aus den mitgeteilten Anspruch für Lüge. … Aber in der LTI überwiegt der ironische Gebrauch den neutralen um das Vielfache. Weil eben Neutralität ihr zuwider ist, weil sie immer einen Gegner haben, immer den Gegner herabziehen muß.“ (Victor Klemperer: LTI, Leipzig 1985, S.78f.) So war das.

Als ich jung war, hieß der erste deutsche Staat der Arbeiter und Bauern auf der anderen Seite mal sogenannte DDR, mal SBZ, mal Pankoff, mal „DDR“ in Gänsefüßchen. Im August 1989 habe sich dann die Bildzeitung „entschlossen, DDR ohne Anführungszeichen zu schreiben.“ Dem Zeichenvorrat trage ich Rechnung, indem ich heute ohne Gänsefüßchen zu dem Gebilde östlich der Elbe Zone sage. Zone. Damit unterstreiche ich die Kontinuität meiner Existenz. Einmal Zone, immer Zone. (Besser war mir W. Neuss mit dem Zonen-Sprachspiel Aus der Zyne, für die Zyne.) In der Kontinuität liegt meine Kraft. Meine Sprachkraft.

In der BRD hatte es gänsefüßchen-gebräuchlich für mich zu lauten: „entartete Kunst“, wenn es um entartete Kunst ging. Ich sage von mir aus entartete Kunst. Die Aktion #allesdichtmachen von Brüggemann und Kollegen im April 2021 war zweifellos landauf landab entartete Kunst. Aus allen Rohren der Staatspropaganda bekam jeder unmissverständlich gesagt, das ist entartete Kunst. Die angeprangerten Entarteten sollten leiden. Und sie litten. Und sie leiden beim Thema Ostkrieg und bei Palästina.

Bildbeschreibung Drei Montagsspaziergänger haben für meinen Beitrag hier Gänsefüßchen gemacht. Danke!

Kaum zu toppen ist die Ironie der Gänsefüßchen beim viel zitierten Satz: „Eine Zensur findet nicht statt.“

Schlimmer geht immer. Nehmen wir modernerweise den Genderschluckauf. Da kommt LTI-Zeichensetzung dicke raus mit Sternchen zwischen Wortstamm und Endung. Oder anderweitig wird gar geschlechtergerecht der Wortstamm, der Sinn, der Gehalt angeknabbert. (Gehalt ??, oder heißt das tendenziell Gehältin?) Also Leiter – Leitende. Student – Studierende. Unlängst hat mir eine KI das Wort Studentin aus dem Chinesischen tatsächlich mit Studierende übersetzt. Als ich Student war, haben Studentinnen und Studenten im Studentenwohnheim miteinander Sachen gemacht, die Studierende beileibe nicht vollführen könnten. Ja, ja, die Zeiten werden geändert. Schon mal rein sprachlich.

Kriegstüchtig ist auch so ein Sprachding. Wer A sagt, muss auch B sagen. Und in meinem Kopf echot es dann bei der sozialdemokratischen Sprachvorgabe kriegstüchtig wie von Februar 1943 herüber. Jeder kennt den und das von ihm: … Wollt ihr ihn wenn nötig totaler und radikaler, als wir uns ihn heute überhaupt erst vorstellen können? Ja!

Meine Ironie beginnt also da, wo ich Gänsefüßchen weglasse.

frei medienakademisch:

In der politisch korrekten Zitier-BRD. Das Verbale freier Rede wird aus dem Entstehungszusammenhang gelöst und zwischen Gänsefüßchen gefügt. Was man Schwarz auf Weiß besitzt, …, wusste Goethe. Und wir sind nun Land der Dichter und Denker. Freie Rede, mitgeschnittene freie Rede – und die wird mitgeschnitten. Freie Rede wird verschriftet. Es wird verschriftet. Digitalisiert. Binär mit 1/0. Und wird verfolgt wie ein Gottseibeiuns.

In der BRD hatte ich mir sehr schnell abgewöhnt, Qualifizierungsarbeiten zu lesen. Ich entnahm für mich keine originellen Ansätze, keine Erfindungen, keine Entdeckungen. Dafür Weichgespültes und staatsraisonales Zeug. Und einen irrwitzigen Zitierapparat (der nichts zur Wissenschaft beitrug). Ein Westberliner Freund hatte in den 90ern noch Dissertationen aus Textbausteinen für Andere im Kaffeehaus am Laptop zusammengesetzt. KI macht das heute ratzfatz und ohne Kaffeedurst. Der Fortschritt der Digitalisierung macht es nun möglich, jedes Gänsefüßchen sinnleer auf korrekte Platzierung hin zu überprüfen. Digitale Überwachung hat über den Sinn von Forschung gesiegt. Das ist so.

Heute muss man im akademischen Disput nicht mehr seine Kleider zerreißen und rufen, er hat Gott gelästert, kreuziget ihn. Heute versteckt man sich zum Fertigmachen des abweichlerischen Anderen feige hinter einem digitalen Algorithmus der Aufklärung von Gänsefüßchen. Um jemand Wichtigem, nämlich einem der seltenen Intellektuellen, seine Professur zu stehlen. Und ihn vor aller Augen ins Elend und in Verzweiflung zu stürzen. (Siehe zum Beispiel Ulrike Guérot in Mut zum Widerspruch) Vor aller Augen zeigt dann das angerufene Gericht zur Rechtspflege, dass es den Unfug nicht beendet, sondern dass es nachtritt. Im erreichten Stand der staatlich gewährten Unkultur gilt keine Unschuldsvermutung. Weil sie gar nicht gelten kann. Im Verfahren des Verfolgens. Guantanamolike. Freiheit ist immer die Freiheit ohne Andersdenkende.

Ich zitiere recht. Aus dem verheißungsvollen

Lied der Verfolgten

(Friedrich von Sallet, vor 1843)

… Und wenn sie mir die Hand auch binden / Weil die die Feder schwang als Schwert – / Es wird sich Hand und Feder finden / So lang' ein Herz nach Licht begehrt!

… Deshalb wird nicht der Frühling enden / Mit Sang und Klang, mit Licht und Schall / Weil ihr mit tölpelhaften Händen / Erschluget eine Nachtigall!

Bildbeschreibung Schachtabdeckung östlich von Rom. Ich liebe Spuren von Piepsern. Im Garten und anderswo.

Vielleicht gelingt uns ja, über den allumfassenden Wahn von Digitalisierung zu lachen. Denn LTI wabert uns darin an und vollstreckt sich sofort selbst als Sprachverfolgung. Schon als Student durfte ich mit der Lektüre von LTI verstehen: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. (Bertolt Brecht) Jeder Tag ohne freie Rede wäre ein verlorener Tag. Meinungsfreiheit kommt nicht aus dem Gesetz, es sei denn sie kommt aus einem selbst. Gern singe ich dazu das

Lied von der freien Rede

(LÜÜL)

… Reden werden vorgesagt, Münder geknebelt, / Lügen nicht hinterfragt, Wahrheit wird vernebelt. / Kommt mir alles Spanisch vor, man sagt, ich würde hetzen, / dabei hab ich nichts getan, stehe in Gesetzen.

Ich bin die freie Rede, wie hat man mich geliebt, / wie hat man mich gefeiert, war stolz, dass es mich gibt. / … Ich geb nicht auf, ich mache weiter, stelle mich der Fehde. / Ich gehe nicht, ich bleibe hier, ich bin die freie Rede.

Schön, wa.

Bildbeschreibung Nicht jedes Füßchen stammt von Gänsen. Und nicht jeder, dem ein Schnabel gewachsen ist, macht ihn auch auf.

Ich schließe mit einer

Geschichte über akademisches Zitieren

Ende der 70er hatte ein Professor in Thüringen die Partei verärgert. Zur Strafe musste er als Semestereröffnung das ellenlange Dokument einer Parteitagung vorbeten. Vor allen Studenten. Der große Hörsaal war voll. Sonne. Am Katheder breitete der arme Mann das dichtbedruckte ND aus (das Neue Deutschland, Zentralorgan der SED). Er zitierte. Wortwörtlich. In indirekter Rede. Er zitierte und kommentierte in einem. Jeden der strohigen Sätze aus dem Parteichinesisch trug er im Konjunktiv I vor: Da stünde, die Partei sei, die Arbeitsproduktivität könne, der Sieg des Sozialismus werde. – Ich war köstlich amüsiert. Er hat nichts Falsches gesagt. Es kam nichts nach und seine Strafe hatte er wohl abgegolten.

Hans der Kleingärtner hat sein Leben lang unter Sprache gelitten und sich mit und gegenüber Sprache gewehrt. Garten und Sprache sind ihm eins. Gleich heilig.

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Bildquellen: Hans der Kleingärtner