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Essay | 19.01.2026
Fähnchen im Wind
Wie kollektiver Infantilismus demokratische Prozesse verhindert, warum narzisstische Eliten davon profitieren und wie wir erwachsen werden können.
Text: Donar Rau
 
 

Wenn ich das Schwarmverhalten der regelkonformen Mehrheit beobachte und ihre aus den Leitmedien unreflektiert reproduzierten Äußerungen höre, drängt sich mir stets die gleiche Frage auf: Was sind die Ursachen dafür, dass es in der Bevölkerung so viele überangepasste Mitläufer gibt? Ob Pandemie, Krieg oder Kampf gegen rechts – die Mehrheit jault mit dem Meinungsmainstream, ohne sich auch nur ansatzweise die Mühe zu machen, eine kritische Recherche des jeweiligen Problemkomplexes durchzuführen.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich die oben gestellte Frage im Folgenden nicht befriedigend beantworten kann. Ich sehe den einzigen Zweck meiner Zeilen darin, einen Ansatzpunkt zu illustrieren, in welchem Bereich gehandelt werden müsste, wollte man der Misere entgegenwirken. Im Kern geht es mir dabei um folgendes: Demokratie gemäß ihrer Leitidee kann aus meiner Sicht niemals funktionieren, solange sich die Mehrheit der wahlberechtigten Bürger unbewusst zu willfährigen Erfüllungsgehilfen einer ihnen strukturell überlegenen Elite degradieren lässt.

Die Schwierigkeit, mit der wir es zu tun haben, besteht meines Erachtens in dem Bedingungsverhältnis zwischen Machthabenden und Machtunterworfenen. Aus Angst vor Autonomie und Verantwortung regredieren die meisten Erwachsenen auf ein kindliches Niveau und unterwerfen sich freiwillig einer vermeintlichen Autorität. Vielleicht haben sie von klein auf die Vorstellung internalisiert, dass Autoritäten wissen, was richtig ist. Jedenfalls gebärden sich unsere Politiker gegenüber den wahlberechtigten Bürgern so, als wüssten sie ganz genau, was von Nöten ist. Es ist nicht zu leugnen, dass die Politiker und die mit ihnen verstrickten Medien eine pädagogisierende Kommunikation praktizieren. Die Bürger werden von ihnen wie Kinder angesprochen, die belehrt und moralisch geführt werden müssten.

Bequemlichkeit und Angst

Unsere Kultur ist auf Bequemlichkeit und Konsum ausgerichtet. Die meisten verhalten sich eher wie unterhaltungssüchtige Konsumenten und nicht wie mündige Bürger. Es besteht kein Zweifel: Selbständiges Denken ist anstrengend. Wenn komplexe Themen von sogenannten Experten oder vermeintlichen Führungsfiguren via Leitmedien erklärt werden, und man glaubt, diese nicht mehr hinterfragen zu müssen, erspart dies kognitive Arbeit. Das Denken bereitwillig auszulagern, ist eine Form der mentalen Bequemlichkeit. Das Resultat dieser Mentalstenose lässt sich an der strikten Vermeidung kognitiver Dissonanzen ablesen. Hat die Mehrheit sich erst einmal auf eine Fertiginterpretation versteift, wird alles, was diese irritationslose Behaglichkeit stören könnte, mit aller Vehemenz abgewehrt.

Bildbeschreibung Foto: Sunrise @Pixabay

In Krisenzeiten wächst bei vielen der Wunsch nach klarer Führung. Menschen flüchten sich in die Abhängigkeit, weil Autonomie für sie psychisch nur schwer auszuhalten ist. Um die Last der Freiheit zu vermeiden, schließen sie sich artig dem kollektiven Gehorsamsenthusiasmus an. Im Gegenzug sorgen Politiker und Medien dafür, dass eine kritische Analyse der jeweiligen Problematik verhindert wird. Komplexe Sachverhalte werden auf einfache Schlagworte und Feindbilder reduziert. Anstatt die Bürger zu kritischem Denken und Eigenverantwortung zu inspirieren, werden sie zu moralischer Empörung angestachelt. Die kritische Analyse soll durch emotionale Zugehörigkeit ersetzt werden. Man möge sich auf der richtigen Seite fühlen. Zu den Guten zu gehören, ist die Mehrheitsillusion unserer Zeit.

Das Spiel mit der Angst ist bekanntlich ein wirksames Instrument der Machthabenden. Angst macht Menschen kontrollierbarer. Wir alle haben es in der Vergangenheit erlebt und können es auch derzeit wieder deutlich beobachten. Die politischen Akteure nutzen Angst, um bestimmte Maßnahmen zu legitimieren. Krankheit, Terror, Klima, Armut, Krieg … All diese menschengemachten Phänomene dienen wunderbar dazu, die Bürger auf die Spur zu bringen. Politische Strukturen greifen zunehmend in Alltagsbereiche ein. Gesetze, Regeln, Warnungen, Leitlinien und Verbote … Der Bürger wird wie ein unmündiges Kind behandelt, dem man sagen muss, was gut und notwendig ist. Bei alldem sorgen Politik und Leitmedien für ein Meinungsklima, dessen Qualität darin besteht, kollektiven Gleichklang zu erzeugen. Abweichungen werden mit sozialen Sanktionen wie Shitstorms, Cancel Culture oder Ausschluss vom öffentlichen Diskurs bestraft.

Demokratie gemäß ihrer Leitidee ist sicherlich die beste Staatsform, die wir derzeit zu denken in der Lage sind. Aber „unsere Demokratie“ weist erhebliche Mängel auf. Das Problem besteht in der Dynamik zwischen Machthabenden und Machtunterworfenen. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es im Grundgesetz. Ich kann das, was diese These vorgibt, an den gegebenen Verhältnissen jedenfalls nicht ablesen.

Solange der Staat die Bevölkerung politisch, strukturell und emotional infantilisiert, wird sich die Mehrheit nicht zu mündigen Bürgern entwickeln. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seiten des Staates. Solange sich die schweigende Mehrheit bereitwillig bevormunden lässt und keine Verantwortung übernimmt, kann vom Volk als Souverän nicht die Rede sein. Der Begriff „Demokratie“ dient dann allenfalls noch dazu, die pflichtbewussten Mitläufer zu beruhigen und ihnen glauben zu machen, die Machthabenden handelten in ihrem Interesse.

Lösung mit Heidegger: „Vorlaufen in den Tod“

Was also tun? Schon vor zweihundertfünfzig Jahren hat Immanuel Kant von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ des Menschen gesprochen. Die dargestellte Problematik ist also nichts Neues. Gibt es einen Ausweg aus dieser Misere? Ich weiß es nicht. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass man bei der Psyche des Menschen ansetzen müsste, wollte man eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse herbeiführen und eine wahrhaft humanistische Evolution in Gang setzen.

Eine befreundete Psychoanalytikerin hat einmal zu mir gesagt, fünfundneunzig Prozent der Menschheit befände sich im Tiefschlaf. Das bringt die Problematik auf den Punkt. Die regelkonforme Mehrheit ist sich der Brisanz der gesamtgesellschaftlichen Situation nicht gewahr. Sie fühlt sich in ihrem normopathischen Zustand geborgen und geht widerstandslos im Mainstream auf. Sie vertraut blind darauf, dass Vater Staat die Angelegenheiten für sie schon regeln wird.

In „Sein und Zeit“ unterscheidet Martin Heidegger zwischen zwei unterschiedlichen Formen menschlicher Existenz: „Uneigentlichkeit“ versus „Eigentlichkeit“. Die Uneigentlichkeit ist zunächst unser aller Ausgangspunkt. Wir werden in ein geschichtlich und kulturell geprägtes Umfeld hineingeboren und verinnerlichen unbewusst dessen Normen und Werte, ohne sie selbst geschaffen zu haben. Aus Sicht Heideggers verbleibt der Großteil der Menschen lebenslang in der Fremdbestimmung. Als „Man-selbst“ bezeichnet er jenes Dasein, das sich reibungslos in sein Umfeld einfügt, dessen Werte unreflektiert übernimmt und in den Routinen der Öffentlichkeit aufgeht. Es lebt nach Vorgaben, die seitens Politik und Institutionen gesetzt werden. Es ist angepasst, mental und emotional ohne jeden Anspruch.

Dem gegenüber steht das „eigentliche Selbst“. Dieses aber entwickelt sich nicht von alleine. Es erfordert den Mut zur Selbstermächtigung und setzt Arbeit an der Persönlichkeitsstruktur voraus. Heidegger beschreibt einen strategischen Weg der Selbstwerdung. Er bezeichnet seine Strategie als „Vorlaufen in den Tod“. Vereinfacht formuliert geht es dabei um eine Konfrontation des Subjekts mit seiner eigenen Nichtigkeit. Aus Heideggers Sicht gründet das Man-selbst auf einem kontinuierlichen Fluchtverhalten. Aus Angst vor dem Tod klammere sich dieses an vorgefertigte Lebensentwürfe und entwickle psychische Schutzmechanismen, um der Todesfurcht nicht ins Auge sehen zu müssen. Erst eine existenzielle Erschütterung, ein emotionaler Schock vergegenwärtige dem Subjekt die eigene Relativität und Endlichkeit. In diesem bewusst herbeigeführten Ausnahmezustand öffne sich der Blick auf die Möglichkeit eines eigenen, unverwechselbaren Selbst. Der Durchbruch zur Eigentlichkeit ereignet sich sozusagen als Kontingenzschock, eine Art Initiation.

Das Erwachen aus dem Tiefschlaf ist die Erkenntnis, dass man sich in den kulturellen Anforderungen und Konventionen verloren hatte. Der Übergang vom Man-selbst zum eigentlichen Selbst ist ein Herausfallen aus der vermeintlichen Sicherheit des gesellschaftlichen Daseins. Aus Angst möglicherweise nicht mehr dazu gehören zu dürfen, meiden die Meisten dieses Wagnis. Angepasstheit und Selbstleugnung ist für viele offenkundig erstrebenswerter, als sich der eigenen Angst zu stellen. Im Mainstream fühlt das Man-selbst sich sicher und bestätigt. Der Preis für Unangepasstheit bedeutet soziale Isolation.

Bildbeschreibung Foto: Martin Heidegger 1960 (Willy Pragher, CC BY-SA 3.0)

Erwachsenwerden – sich selbst ein Experte sein!

Dass Menschen Angst vor Krankheit, Isolation, Krieg oder Tod haben, ist durchaus nachvollziehbar. Aber die Angst ist nicht nur ein Warnsignal vor möglichen Gefahren, sie verhindert emotionales Wachstum, wenn man stets vor ihr flüchtet. Zum Erwachsenwerden gehört, dass man sich seinen Ängsten stellt und Licht in die Dunkelheit der eigenen Psyche bringt. Als erwachsener Mensch ist man auch für das eigene Unbewusste verantwortlich. Es ist nicht sehr hilfreich, diesen Bereich zu ignorieren. Anstatt die eigenen emotionalen Unzulänglichkeiten auf andere zu projizieren, sollte man besser den Blick nach innen richten.

Erwachsenwerden bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, und das beinhaltet auch, die Verhältnisse mitzugestalten, unter denen wir leben müssen. In schwierigen Situationen zu regredieren und sich von vermeintlichen Autoritäten den Weg weisen zu lassen, führt nicht nur in die emotionale Abhängigkeit, es verhindert eben auch, sich zu einem eigenständigen Wesen zu entwickeln und sich von den Urteilen anderer unabhängig zu machen.

Erwachsen zu sein, bedeutet, eine eigene fundierte Meinung zu haben und nicht einfach nur nachzuplappern, was der Meinungsmainstream vorgibt. Erwachsen zu sein, bedeutet, sich selbst eine Autorität zu sein. Ich persönlich möchte mir jedenfalls nicht von irgendwelchen autoritären Dilettanten sagen lassen müssen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich weiß selbst, was gut und richtig für mich ist.

Experten in allen Ehren. Aber wie oft haben sich Repräsentanten dieser Spezies schon geirrt? Man muss sich selbst ein Experte sein. Das setzt Wissen und psychische Reife voraus. Dabei ist es keine Schande, sich in Zweifelsfällen Rat oder Hilfe zu suchen, aber man sollte nicht unkritisch den Empfehlungen anderer Folge leisten. Denn am Ende des Tages müssen wir die Konsequenzen und die volle Verantwortung für all unsere Entscheidungen tragen, ungeachtet dessen, ob wir diese eigenständig getroffen oder uns von anderen haben abnehmen lassen.

„Unsere Demokratie“ bedarf dringend einer Korrektur. Möge die schweigende Mehrheit sich aus ihrer Bequemlichkeit begeben und sich zu wahrhaft mündigen Bürgern entwickeln! Und mögen die Volksvertreter nicht länger über die Köpfe ihrer Wählerschaft hinweg regieren! Ich bin mir nicht sicher, ob uns dies als Gesellschaft jemals gelingen wird. Ganz sicher aber bin ich mir bei Folgendem: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, seiner Gefühlswelt mehr Raum zu geben und psychisch zu reifen. Und jedes emotional gereifte Subjekt würde sich unweigerlich positiv auf das Kollektiv auswirken. Weder Narzissmus noch Infantilismus sind der Evolution im Sinne des Humanismus zuträglich.

Erweist sich Demokratie in Anbetracht der Gegebenheiten nicht als Utopie? Ungeachtet dessen, wie man dies beurteilen mag, gilt es unter allen Umständen, an ihr festzuhalten. Die Politik ist zu wichtig, als dass wir sie allein den Politikern überlassen sollten.

Dr. Donar Rau hat am Kompaktkurs Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Mahnwache "Gemeinsam für Demokratie" in Hannover 2024 (Foto: Bernd Schwabe, CC BY-SA 4.0)