Wenn das ZDF bei einer Verschwörungstheorie mitwirkt, kann es nur einen Grund geben. Es muss um Putin gehen. Um den Erzfeind, den Bösewicht vom Dienst. Angesichts des Anschlags auf den Berliner Christopher Street Day muss sich doch irgendeine Verbindung ziehen lassen? Und natürlich ist dies längst geschehen. Ein linker Influencer, ein SPD-Bundestagsabgeordneter, der Moderator des heute-journals, Karl Lauterbach und einige andere haben die Verschwörungstheorie in den Mainstream verfrachtet – wo sie an anderer Stelle gleich wieder kassiert wurde, vermutlich unbemerkt von vielen Fernsehzuschauern. Wir schauen heute am Medien-Tresen auf allerlei Verschwörer und Verschwörungstheorien, mit denen man schnell bei der Hand ist, wenn sie einem zu nützen scheinen.
Denn wie sehr tönen doch immer die Mainstream-Medien, dass die Rechten, die Alternativmedien oder eben diese bösen Russen Verschwörungstheorien verbreiten würden. Dabei soll hier weder bestritten werden, dass es Verschwörungen gibt und folglich auch Verschwörungstheorien. Später schauen wir vertieft auf diese Sache. Zunächst soll es, wie oft an dieser Stelle, um das Geraune im Mainstream gehen. Und davor gibt es eine kurze Erinnerung an das Ereignis, um das es geht, eingedenk der Tatsache, dass viele Leser mit guten Gründen den Nachrichtenkonsum verweigern.
Bild: Berliner Parade am 25. Juli (Foto: Rue Kha, CC BY-SA 4.0)
Also: Am Rande des Christopher Street Days in Berlin fuhr Samstagabend ein junger deutscher Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln in die Menge, tötete eine Frau und verletzte mindestens 29 weitere Menschen. Er soll Islamist gewesen sein, galt als radikal, war verurteilt, aber auf freien Fuß gesetzt worden und wurde nach der Flucht am Sonntag getötet. Soweit der Grundstock der Tatsachenerzählung, in der bereits einige Merkwürdigkeiten enthalten sind, die im Vergleich zu früheren (vermeintlichen) Anschlägen aufhorchen und manchen Beobachter Verschwörungen vermuten lassen. Aber: Dafür waren bisher Nutzer sozialer Medien oder manch oppositioneller Journalist zuständig. Weniger die SPD, der Nachrichtenkanal Phoenix, n-tv oder das ZDF.
Ausgangspunkt der Verschwörungstheorie soll Dara Marc Sasmaz („DerDara“) gewesen sein, der eine beträchtliche Zahl von Followern hat, Mitglied der Linkspartei ist und schon früher durch Pietätlosigkeit gegenüber Hinterbliebenen von Gewaltopfern aufgefallen war. Er sagte bereits am Sonntag, also einen Tag nach dem Attentat:
Gestern ist in Berlin ein Anschlag passiert und es gibt schon länger Hinweise darauf, dass die AfD über ein paar Ecken selber hinter solchen Taten steckt.
Ganz zufällig passiere das vor den Wahlen in Berlin. Beweise? Ein paar fragwürdige Artikel, ganz viel Meinung gegen Putin und die AfD sowie, wie er dann zwei Videos später behauptet, der Widerspruch zu seinem Video von Nius. Denn wenn man sich da an ihm störe, habe er wohl eine Wahrheit ausgesprochen.
Wer diesen Zirkel für schlüssig hält, dem ist nicht zu helfen. Das hat mit Journalismus nichts zu tun, soll es vermutlich auch nicht, aber ins ZDF gehört das dann auch nicht. Wobei wir aus Mainz ja schon allein dieses Jahr einiges erlebt haben. Heute gehen wir gleichwohl noch einmal recht naiv davon aus, was eigentlich sein sollte. Programmgrundsätze und so. Der Moderator des heute journals, Christian Sievers, griff am Montagabend im Gespräch mit dem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die Verschwörungstheorie ohne Quellenangabe und damit quasi als eigene Beobachtung auf (sorry für das falsche Deutsch):
In Berlin wird bald gewählt: Die Abstände solcher Attentate und dem jeweils nächsten Wahltermin sind auch in der Vergangenheit schon häufig jeweils sehr kurz gewesen. Sehen Sie da einen Zusammenhang oder ist das ein völlig grundloser Verdacht?
Der Minister äußerte Verständnis für das Gefühl, aber es gebe kein Muster. Wenn ein Minister mit Gefühlen Sicherheitspolitik macht, dann schwant einem nichts Gutes. Russland kam an dieser Stelle übrigens gar nicht zur Sprache und lief eher unter der Hand mit.
Bild: Alexander Dobrindt (links) und Christian Sievers am 27. Juli im ZDF (Screenshot)
Interessant ist: Wenige Stunden vor der Sendung lieferte das ZDF selbst einen Faktencheck, laut dem es keine Hinweise gebe, dass Russland Urheber des Attentats sei. Nun sind wir nicht gerade als Fans solcher Faktenchecks bekannt, aber warum machen die das denn, wenn nicht für sich selbst und ihre Nutzer? Hätte nicht eine gute Redaktion auf die eigene Arbeit im Netz hingewiesen? Wobei: Gute Redaktion? Wir sind beim ZDF. Schon in der Vergangenheit hatte das ZDF über eine russische Beteiligung an Anschlägen spekuliert, auch damals hatten Experten die Beweise für diese Vermutung zurückgewiesen.
Aber wenn es gegen Russland und Putin geht, brauchen gewisse Kreise keine Belege. Der innenpolitische Sprecher der SPD, Sebastian Fiedler, verwies diese Woche bei Phoenix auf eine „heftige Auffälligkeit“ von Anschlägen unmittelbar vor Wahlen. Man wisse nichts über die Täter im Hintergrund. Eben, man weiß nichts, Herr Fiedler. Deswegen setzte er wohl vor dem folgenden Satz zur hybriden Kriegsführung Russlands in Europa einen „gedanklicher Absatz“. Außerdem unterhalte Russland Kontakte in dschihadistische Netzwerke und arbeite über Proxys. Womit dann die Verbindung trotz allerlei Nichtwissen gezogen wäre – täten es andere, würde man von einer Verschwörungstheorie sprechen. Im nächsten Satz folgt dann gleich noch das Vorhaben, die Nachrichtendienste Deutschlands „zu verbessern“, wobei selbst im Mainstream aktuelle Reformversuche als unanständig bezeichnet werden. Auch n-tv-Hauptstadtkorrespondent Martin Schmidt und der alte Corona-Schwurbler Karl Lauterbach raunen ohne Quellengrundlage mit.
Andere Mainstream-Medien sind – hier das Funke-Portal Der Westen – verwundert über die Verschwörungstheorie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Neue Zürcher Zeitung, die von außen oftmals kritisch auf den deutschen Mainstream blickt, hat auch in diesem Fall etwas genauer hingeschaut. Und da vor allem Angst vor Russland und der AfD geschürt wird, hier aber (wieder einmal) ein Islamist der Täter war, sieht die NZZ die Urheber der aktuellen Verschwörungstheorie in der Klemme:
Was hier passierte, könnte man in Anlehnung an Sigmund Freud ein Scheitern der Realitätsprüfung nennen. Weil die reale Tat nicht mit dem empfundenen Bedrohungsszenario zusammenpasste, deutete man die Wirklichkeit eben nach den eigenen Vorstellungen um.
Zitiert wird zum einen eine Musikerin aus Berlin, die gehofft hatte, der Täter möge eine „weiße christliche Person“ gewesen sein. Zum anderen kommt die rechte Publizistin Anabel Schunke zu Wort, die ehrlich bekannte, dass auf beiden Seiten so lange rumgeschwurbelt werde, bis es ins Weltbild passt. Der Großteil in diesem Land läge längst im ideologischen Schützengraben. Damit hat sie zweifellos recht. Während also die Verschwörungstheoretiker des Mainstreams die Russen am Werk sehen, vermuten viele Autoren bei den oppositionellen Medien andere Mächte. Mossad, CIA, Geheimdienste.

Aber wir wollen hier am Medien-Tresen nicht den Fehler machen, den wir dem Mainstream vorwerfen: Nur weil etwas als Verschwörungstheorie bezeichnet wird, ist es nicht automatisch falsch. Als dem Magazin Multipolar nach der Veröffentlichung der RKI-Files vor zwei Jahren in den Leitmedien ein „Hang zu Verschwörungsmythen“ nachgesagt wurde, reagierte der Herausgeber Paul Schreyer – dem selbst wegen seiner Arbeiten zum 11. September schon länger das Verbreiten von Verschwörungstheorien vorgeworfen wird – mit einem Stück zu Journalismus und Verschwörungen, in dem er den Soziologen Andreas Anton zitiert.
Der Begriff „Verschwörungstheorie“ (oder wie es heute gerne heißt: „Verschwörungserzählung“ oder „Verschwörungsmythos“) ist mehr denn je ein Kampfbegriff, der häufig genutzt wird, um Meinungen oder Personen zu diskreditieren. Angesichts der Tatsache, dass es reale Verschwörungen gibt und Verschwörungstheorien damit selbstverständlich auch wahr sein können, ist der Vorwurf, dass jemand ein „Verschwörungstheoretiker“ sei, an sich vollkommen inhaltsleer. Verschwörungstheorien können plausibel sein oder eben nicht. Pauschalurteile verbieten sich hier.
Wer noch ausführlicher einsteigen will, lese zudem am gleichen Ort den interessanten Essay des Juristen Carsten Forberger. Wer anderen Verschwörungstheorien vorwirft, sei in Dualismen von Schwarz und Weiß verfangen und einer Projektion erlegen, schreibt Forberger im Jahr 2020 mit Blick auf Corona.
Ich nenne es ein Prinzip, mit dessen Hilfe Tatsachen willkürlich zu geächteten Meinungen umgedeutet werden. Das ist hochgradig unwissenschaftlich sowie gefährlich ideologisch.
Anders gesagt: Wer Tatsachen zu Meinungen und damit zu einer Verschwörungstheorie umdeutet, der will mit den Tatsachen nichts zu tun haben. Wenn aber wie im aktuellen Fall Meinungen auf einmal zu Tatsachen werden, dann haben wir es streng genommen nicht mit einer Verschwörungstheorie, sondern mit Mythen zu tun. Zum Beispiel mit dem, dass der Islam (und der Islamismus) eben kein Problem darstellt, wie es viele Linke parallel zu den Islamisten selbst – diese Woche beispielsweise die salafistische Influencerin Hanna Hansen – suggerieren. „Hass befeuern und die Tat zugleich wegreden – das ist kein Widerspruch, das ist Methode“, schreibt Eren Güvercin mit Blick auf den Islamismus.
Schauen wir zum Abschluss noch einmal auf das Attentat vom Samstagabend. Eva Schweitzer verweist in ihrem lesenswerten Stück auf die lange Liste an islamistischen Attentaten in Deutschland. Denn diese gab es und es spricht einiges dafür, dass es auch diesmal so war. Aber offene Fragen bleiben. Wie immer. Hoffen wir, dass sich Leute dransetzen, die ohne ideologische Scheuklappen recherchieren können.
Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.
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