Der Medien-Aufreger der Woche kommt vom Lerchenberg in Mainz. Dort beim ZDF geht es gerade vermutlich drunter und drüber, denn das ach so seriöse Aushängeschild Nachrichtenredaktion hat desinformiert. Sie haben es vermutlich bereits mitbekommen, wenn aber nicht, dann erklären wir gleich noch einmal, worum es geht. Es ist ein weiteres Lehrstück an öffentlich-rechtlicher Voreingenommenheit und Haltungsjournalismus. Das alles noch garniert mit dem Thema der Zeit: künstliche Intelligenz. Denn schließlich ist es mittlerweile möglich, ohne großen Aufwand täuschend echt wirkende Bilder oder Videos zu erstellen.
Und das ZDF hat sich täuschen lassen, wobei die Täuschung offensichtlich war. Man hat sie aber wohl nicht sehen wollen. Am Sonntag berichtete das heute journal über Abschiebungen in den USA. Dunja Hayali leitete den Beitrag wie folgt ein:
Wer in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, wird festgestellt haben, dass es sehr viele Videos zu den Einsätzen der ICE-Truppen von Donald Trump gibt. Nicht alle sind echt, aber doch sehr viele. Und die Gewalt, mit der die Abschiebekräfte oftmals vorgehen, und auch die Willkür, die dort zu sehen ist, hat auf jeden Fall eines erreicht: Es herrscht ein Klima der Angst, das selbst vor Kindern nicht Halt macht.
Im ersten Teil der Moderation geht es also um KI-generierte Beiträge in den sozialen Medien. Im zweiten Teil dann eine Einordnung, die nur mit sehr viel gutem Willen noch als nachrichtlich durchgehen kann. Viel eher schwingt hier bereits die Haltung mit, die auch der folgende Beitrag mit seinen Bildern transportieren soll. Hayali spricht von „Gewalt“ und „Willkür“, vom „Klima der Angst“ und von „Kindern“. Der Fokus ist gesetzt, und wir schauen uns die Bilder an. Das ist gar nicht so einfach, denn der Beitrag von Nicola Albrecht aus den USA ist mittlerweile gelöscht. Wir müssen bei den verfemten Kollegen von RT vorbeischauen, um zumindest den Einstieg den Beitrags zu sehen.
Dabei geht es zunächst einmal um ein Mädchen aus Honduras und ihre Mutter. Diese warte auf die Greencard, Mutter und Tochter haben Angst vor Abschiebung. So weit, so journalistisch. Denn natürlich kann man größere Themen an Personen erzählen. Dann wechselt der Beitrag zur Verallgemeinerung und zur Desinformation mit Bildern. Zeigt der erste Ausschnitt noch einen abgeführten Erwachsenen, kommt danach das KI-Video. Das Wasserzeichen von Sora, dem Text-zu-Video-Modell von OpenAI, ist deutlich zu sehen. Wer sich auskennt, sieht sofort: Das ist nicht echt und hat in einer Nachrichtensendung nichts zu suchen. Danach wird im Bild noch ein Kind abgeführt, das Video aber ist alt, es stammt von 2022 und entstand im Kontext einer Amok-Drohung, auf dem Video beim ZDF steht etwas anderes – beide Videos stammen offensichtlich aus den Sozialen Medien.
Das alles erklärt das ZDF selbst – aber erst viel später auf der Website. Immerhin: Am Dienstagabend hat die Moderatorin und stellvertretende Chefredakteurin Anne Gellinek sich in der Sendung vor laufender Kamera entschuldigt. Nach gut 13 Minuten spricht Gellinek von handwerklichen Fehlern, die an dieser Stelle richtiggestellt würden. Die Rede ist von KI-Regeln im Sender. Außerdem gebe es Prüfverfahren, die in diesem Fall zu spät angewandt wurden. Offenkundig passten die Videobilder zu gut und zwar so gut, dass man selbst das Wasserzeichen übersah. Selbst wer mit Sora nichts anfangen konnte, wer diesen Beitrag sieht, wer ihn abzunehmen hat, der wird bei einer einfachen Internetrecherche fündig. Dafür gibt es hausinterne Qualitätskontrollen.
Der ganze Beitrag erinnert frappierend an Claas Relotius, der sich einst für den Spiegel und andere Medien schlichtweg Geschichten ausdachte. Aufgeflogen ist das 2018 bei einem Text, in dem Relotius mit einer Haltung gegen Donald Trump und dessen Flüchtlingspolitik anschrieb. Da die Geschichten gut ins Bild der Redaktionen passten, haben diese nicht weiter nachgefragt, sondern die gut geschriebenen Texte veröffentlicht. Relotius nutzte damals Fotos, die aber oftmals nicht das zeigten, was er behauptete. Mit der Weiterentwicklung der KI kann das jetzt auch (noch besser) mit Bewegtbild gemacht werden. Man baue oder klaue sich ein Video, das die Aussage stützt, und fertig ist der Beitrag. Die Haltung merkt man bestenfalls nicht. Denn das Ganze geschieht möglichst unbemerkt.
Harald Melzer schreibt vor diesem Hintergrund in der Berliner Zeitung davon, dass das Publikum kritischer werden muss. Das Zeitalter der Bildgläubigkeit gehe zu Ende.
An seine Stelle tritt eine neue Öffentlichkeit, in der auch die etablierten Institutionen nicht mehr über jeden Zweifel erhaben sind. Das ist kein Untergangsszenario. Aber es ist eine Zäsur.
Das, was das ZDF Sonntag gemacht hat, war schon ob des Wasserzeichens des KI-Tools Sora maximal dilettantisch, aber vermutlich auch keine beabsichtigte Nutzung von KI. Die Autorin, die Redakteure, die Moderatorin und alle anderen Beteiligten fanden die Haltung gut, sie brauchten verzweifelte Kinder und haben vermutlich deshalb nicht nachgefragt. Natürlich, es ging ja auch um Kinder. Und wenn eine Regierung gegen Kinder agiert, dann muss das gesendet werden. Nachfrage und Nachrecherchieren unerwünscht. Dunja Hayalis Abmoderation im heute journal zeugt von dieser Haltung:
Tja, Trump hatte im Wahlkampf ein hartes Durchgreifen versprochen. Ob allen klar war, dass es auch Kinder treffen wird, darf zumindest bezweifelt werden.
Bei der Korrektur spricht Anne Gellinek zwei Tage danach von einem Doppelfehler, den man gemacht habe und der sorgfältig aufgearbeitet werde. Man investiere in der Nachrichtenredaktion viel Kraft, um geprüfte Information zu liefern. Doppelfehler? Da hört ein ehemaliger Sportjournalist wie ich genauer hin. Schön ist das im Tennis nicht, bei eigenem Aufschlag bedeutet das Punktverlust. Mehr aber nicht. Das Aufschlagspiel kann man durch gute Aufschläge noch gewinnen und der Satz, gar das Match, ist durch einen Ball im Netz und einen anderen im Aus noch lange nicht verloren. Wenn man schon im Bild bleiben will, dann war das ein Doppelfehler bei Matchball des Gegners. Danach geht nichts mehr. Spiel, Satz und Sieg für die andere Seite.
Was Gellinek weglässt, war die Genese der Entschuldigung. Denn die war mindestens so voller Fehler wie der Beitrag selbst. Das sehen natürlich Medien wie Apollo News oder Nius so, aber auch die Mainstream-Beobachter von Übermedien kritisieren das ZDF. Dabei schielen sie gleichzeitig nach rechts, wo sie die Fundamentalkritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk verorten. Nachdem das ZDF also den Beitrag gesendet hatte und nach erster Kritik auf Social Media versuchte, sich mit technischen Problemen herauszureden, schreibt Übermedien:
Wieso sagt das ZDF nicht, dass ihm hier dumme Fehler unterlaufen sind? Weshalb verklärt das ZDF diese Fehler auch noch nachträglich und macht es damit schlimmer? Es ist ein gefundenes Fressen für all jene, die ARD und ZDF sowieso einstampfen wollen. Und bei allen anderen beschädigt es zwangsläufig restliches Vertrauen.
Auch Spiegel-Autor Michail Hengstenberg kritisierte – wie Übermedien vor der Entschuldigung von Gellinek – das Herumlavieren der Anstalt aus Mainz und schreibt:
Ein Sender, der in manchen Kreisen unter „Fake News“-Verdacht steht, tatsächlich Fakevideos sendet, und dann versucht, das wegzunuscheln – ein größeres Geschenk hätte das ZDF seinen Kritikern nicht machen können.
FAZ-Redakteur Michael Hanfeld weist auf weitere Versäumnisse des Senders hin. Hanfeld schreibt mit Bezug auf die ersten ZDF-Antworten auf die Vorhaltungen, KI-Bilder genutzt zu haben:
Ein „technischer Fehler“? Der fiele vielleicht nicht derart ins Gewicht, hätten wir nicht gesehen, wie die ZDF-Nachrichten (die ARD auch) den Abriss der „Brandmauer“ gegen die AfD durch die Grünen im EU-Parlament ignorierten oder Dunja Hayali und der Korrespondent Elmar Theveßen nach dem Mord an dem MAGA-Aktivisten Charlie Kirk mit Schnellurteilen kamen, die nicht trugen.
Gellineks Gefasel vom Doppelfehler, es kam nach dem K.-o.-Schlag des Mainstreams. Dort, im Mainstream, findet sich nicht, dass Gellinek und Co. sich jüngst ausgerechnet vom Volksverpetzer in den Umgang mit Desinformation haben einführen lassen. Das berichtet Nius am Mittwoch. Apollo News spricht, wenig überraschend, dem ZDF jegliche Existenzberechtigung ab. Auch der Medienkritiker und frühere ZDF-Mitarbeiter Peter Welchering sieht im Gespräch mit dem Kontrafunk keine Möglichkeit mehr zur Reform des Senders, er wünscht sich einen Neuaufbau für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Welchering selbst hatte im Dezember 2024 einen Brandbrief über die Missachtung journalistischer Standards an den ZDF-Intendanten geschrieben. Geändert hat sich offenbar nicht viel. Vergangenes Jahr kritisierte dann der langjährige Frontal-Reporter Andreas Halbach öffentlich das ZDF. Er sprach davon, dass bestimmte Perspektiven oder Informationen aus Sorge vor politischer Brisanz oder öffentlicher und interner Kontroverse zurückgehalten werden könnten, obwohl sie sachlich relevant sind. Und, manche werden halt mit KI untermauert. Wenn die politische Brisanz die richtige Richtung hat. Gut, dass es auffällt. Noch.
Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.
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