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Buch-Tresen | 21.05.2026
DDR-Literatur? Lesen!
Die Vergangenheit ruht in Romanen, sagt Carsten Gansel und erzählt, was mit den Büchern des verschwundenen Landes noch alles ausradiert wurde.
Text: Michael Meyen
 
 

Der Volksmund weiß: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und ein guter Verleger macht daraus ein Cover, das dreihundert Seiten auf den Punkt bringt. Hier: ein Fahrstuhlschacht vor dem Berliner Dom. Mehr ist nicht geblieben vom Palast der Republik. Im Hintergrund grüßt das Internationale Handelszentrum, einer der Vorzeigebauten der DDR aus den 1970ern. Das Vorbild steht in Chicago, sagt Wikipedia. Die Träume von damals? Versunken in Schutt und Asche und im grauen Wasser der Spree.

Bildbeschreibung

Carsten Gansel ist kein Ostalgiker. Jemand wie er dürfe dem „Ausradieren“ nachgehen, heißt es gleich zu Beginn, weil er „nicht im Entferntesten im Verdacht stehe, eine Rechnung mit ‚dem Westen‘ offen zu haben.“ Stattdessen ist von „Demut“ die Rede und von einem „persönlichen Glücksfall“. Gansel, 1955 in Güstrow geboren und in der DDR zum Literaturwissenschaftler geworden, wurde 1995 an die Universität Gießen berufen und hat von dort aus buchstäblich die Welt erobert. Noch einmal Wikipedia: Zielona Góra, Calgary, Havanna, Moskau, Cornell und die Keiō-Universität in Tokio – mit einer DDR-Biografie wohlgemerkt.

Carsten Gansel ist damit eine der Ausnahmen, die die Regel bestätigen, und zugleich der lebende Beweis, dass es auch in der Wissenschaft auf den Menschen ankommt und auf seine Biografie. Man muss dazu nur durch die Liste mit Gansels Publikationen scrollen und einen Link setzen zu den Wegmarken, die sich in seinem neuen Buch finden. Die Oma, eine belesene Frau, „die bis ins hohe Alter fließend Französisch und Englisch sprach“ und auch Latein konnte. Die Russisch-Klasse, Eliteschule in einem Land, das Gleichheit predigte und seine Talente trotzdem fördern und binden wollte. Die Mutter, die mit Uwe Johnson zur Schule ging – einem Landsmann, der zu Hause „immer wieder Gesprächsstoff“ war, als sich Carsten, der Junge, für Literatur zu interessieren begann. Gansel hat schon als Nachwuchswissenschaftler in Archiven gearbeitet und Schriftsteller für lange Interviews besucht – zwei Zugänge, die ihn von vielen seiner Forscherkollegen abheben. Wer sonst hätte Heinrich Gerlachs Manuskript in Moskau finden, „Durchbruch bei Stalingrad“ zu einem Publikumserfolg machen und auch dafür 2017 das Bundesverdienstkreuz bekommen können? Und weiter gefragt: Wer sonst hätte dem Verschwinden der DDR-Literatur nachgehen und daraus zugleich viel mehr herausholen können – eine Geschichte, die DDR, Nachwendezeit und Gegenwart verknüpft und dem deutsch-deutschen Schmerz auf den Grund geht?

Bildbeschreibung Bild: Wieland Försters Uwe Johnson vor dem John-Brinckman-Gymnasium in Güstrow (Foto, 2008: MrsMyer, CC BY-SA 3.0)

Wer sich für die DDR interessiert, sagt Carsten Gansel, sollte ihre Romane lesen. Das heißt auch: Es gab dort eine Literatur, die mehr war als ein Transmissionsriemen der herrschenden Partei. Ein aufstörendes Element, so Gansel mit Niklas Luhmann. Entstanden in einem „Aushandlungsprozess“ zwischen Lektoren und Autoren, die schon deshalb „miteinander im Bunde waren“, weil sie oft jahrelang an einem Buch saßen. Nah an den Menschen und an ihrem Alltag, getrieben von dem Wunsch, „die Lebenswirklichkeit zu erfassen“, das Gespräch anzuregen und so „in die Gesellschaft einzugreifen“. Das ist eine Kampfansage an alle, die bis heute nur ein Qualitätskriterium für Bücher aus der DDR gelten lassen – Kritik an den Verhältnissen. Alles andere, so lässt sich diese Position zusammenfassen, ist Propaganda und kann weg. 80 Millionen Bücher sind 1990 vernichtet worden, schreibt Gansel. Mit im Schredder: Autorenbiografien, ostdeutsches Selbstbewusstsein und eine Chance für das ganze Land.

Es ist deshalb kein Zufall, dass diese Geschichte jetzt geschrieben wird. Carsten Gansel sagt heute, dass er der DDR-Literatur „zeitweise aus dem Weg gegangen“ ist. Sich neue Felder erschließen, nicht festgenagelt werden auf die Herkunft aus dem Osten; dazu das Desinteresse bei den Studenten, das ich in München ganz genauso erlebt habe – bis in die frühen 2010er Jahre, als die Dinge zu rutschen begannen, der Unmut auf die Straße schwappte und jeder dann auch an den Wahlabenden sehen konnte, dass die „mit Milliarden geförderte Aufarbeitungsindustrie“ gescheitert war und mit ihr die Idee, die größere Bundesrepublik zu erhöhen, indem das Projekt DDR abgewertet wird. Die „ständig neu inszenierten Diktaturgeschichten“, sagt Carsten Gansel, erklären nicht, wie eine solche „Diktatur des Proletariats“ funktioniert hat „und über vierzig Jahre existieren konnte“. Diese Geschichten wollten und wollen das auch gar nicht erklären, sondern hatten und haben ein ganz anderes Ziel: ostdeutsches Leben entwerten. Dafür sei es nötig gewesen, das kulturelle Gedächtnis neu zu formen und alles zu löschen, was dort wichtig war – nicht zuletzt die Literatur.

Carsten Gansel spricht von einem „Erfahrungsvorsprung“ der „Ostdeutschen gegenüber ihren Landsleuten in Westdeutschland“. Auf den Punkt gebracht: Wir können vergleichen. Die Romane helfen ihm, zu den Anfängen zurückzugehen – in eine Zeit, in der die Vokabeln „demokratisch und antifaschistisch“ für eine Autorität wie Hans Mayer „Denkwirklichkeit“ waren und damit etwas, was verschwindet, wenn man die DDR nur noch von ihrem Ende aus sieht. Die Schriftsteller haben festgehalten, dass die „da unten“ keineswegs stets und ständig einfach umgesetzt haben, was „von oben“ kam, sondern vor Ort durchaus Einfluss hatten. Sie haben „das gesellschaftlich Vergessene und Verdrängte“ in die Erinnerungskultur eingespeist und so „kommunizierbar“ gemacht – das, was Presse, Funk und Fernsehen nicht auf eine Bühne bringen konnten oder wollten, auf der der Kampf der Systeme vor aller Augen ausgetragen wurde. Und sie haben mit ihren Romanen so ganz nebenbei eine Quelle produziert, die zeigt, was es für das Miteinander bedeutet, wenn Privateigentum, das „Streben nach Geld“ und das „Konkurrenzprinzip“ fehlen. Um nur einen Punkt herauszugreifen: Die Sprache ist anders, wenn sich alles um Besitz und Kapital dreht und nicht um eine Ideologie. Das erklärt, warum viele Ostdeutsche bis heute nichts mit dem anfangen können, was in Filmen oder Romanen aus ihrer Vergangenheit gemacht wird. Uwe Johnson, für Gansel eine der wichtigsten Instanzen, hat schon früh auf die Brechung des Bildungsprivilegs verwiesen, auf die Verführungskraft „moralischer Eindeutigkeit“ und auf das gar nicht so seltene Gefühl, „in einem grundsätzlich anständigen Staat zu leben“. Carsten Gansel schätzt, dass „um die 98 bis 99 Prozent der Bevölkerung“ bis zum Herbst 1989 keinen Grund sahen, die „DDR als System“ abzuschaffen. „Basis für das, was dann zur Wende wurde“, sei vielmehr ein „Gemeinschaftsgefühl“ gewesen: So kann es nicht weitergehen.

Bildbeschreibung Bild: Brigitte Reimann 1966 neben Walter Lewerenz, Cheflektor im Verlag Neues Leben (Foto: Klaus Franke, Bundesarchiv, Bild 183-E1209-0026-001, CC-BY-SA 3.0)

Was kann ein Buch wie Ausradiert? „Schneisen durch die Textmassen“ schlagen, sagt Carsten Gansel. Brigitte Reimann, Christa Wolf, Benno Pludra. Die Grenzen des Sagbaren markieren in einem System, das „Störungen“ ausschließen wollte und so nicht lernen konnte. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Fritz Rudolf Fries, Erich Loest und immer wieder Uwe Johnson. Die Schreibergenerationen porträtieren, voneinander abgrenzen und so wegkommen von der Einheits-DDR aus den Geschichtsbüchern. Carsten Gansel garniert das mit eigenen Leseerlebnissen und wird so nahbar. Nicht jeder wird seine Helden finden und mancher vermissen, wie die SED die Schriftsteller umgarnte. Preise und Privilegien, das Erholungsheim in Petzow, die Nähe zur Macht. Carsten Gansel greift mit diesem Buch ein in den „Streit um die Deutungshoheit“ und zeigt gewissermaßen exemplarisch, welche Folgen es für das kollektive Gedächtnis der Deutschen hatte und hat, dass der Osten nach wie vor „ohne Repräsentationsinstanzen“ auskommen muss und nur dann in den Leitmedien vorkommt, wenn die „Position in den Mainstream“ passt. Noch einmal anders formuliert: Es wird Zeit, dass die Bundesrepublik in den Spiegel sieht und sich selbst erkennt – ungeschminkt und ohne das Zerrbild einer „Diktatur“ im Osten, das einzig und allein dazu dient, sich selbst gut zu fühlen. Dann erkennt dieses Land vielleicht sogar, wie wichtig „Kritiker, Nein-Sager, Aufstörer“ sind und dass die Ostdeutschen „als Seismographen der Demokratie“ funktionieren, weil sie noch wissen, dass die SED nicht einmal Schriftsteller in Ruhe machen ließ, die bis über den Schluss hinaus daran glaubten, ihre Fürsten belehren zu können.

Carsten Gansel: Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand. Stuttgart: Reclam 2026, 383 Seiten, 28 Euro.

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Bildquellen: Christa Wolf und Jurij Brezan 1981 (Titelfoto: Gabriele Senft, Bundesarchiv, Bild 183-Z1229-301, CC-BY-SA 3.0)