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Buch-Tresen | 25.06.2026
Das Große im Kleinen
Kenneth Anders und Myrthe Jentgens wandeln auf den Spuren von Vaclav Havel und schreiben über den „Selbsterhalt in zerrissener Zeit“.
Text: Michael Meyen
 
 

Kennen Sie das? Plötzlich ist eine Frage da und stößt eine Reise an. Bei mir: Was macht eigentlich Kenneth Anders? Wir haben uns einmal getroffen, drei Tage lang im Oderbruch. Es goss in Strömen, und hinterher war alles anders. Das hatte nichts mit Kenneth zu tun, aber so ist das mit der Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen: An jeder Weggabelung stehen Menschen. Und wenn wir uns erinnern, tauchen diese Menschen wieder auf, ob sie wollen oder nicht.

Kenneth Anders hatte mich zum Festival „Kunst ist Leben“ eingeladen, Ende März 2023 im „Theater am Rand“. Der Name ist hier Programm. Ein paar Meter weiter mündet die Landstraße von Berlin im Grenzwasser. Für mich endete auf der Fahrt in Richtung Oderbruch die Illusion, dass die Kritik am Journalismus und Auftritte in der Gegenöffentlichkeit folgenlos bleiben würden. Dass ich geschützt sei durch Professur und Beamtenstatus und dass ich sogar Pamphlete kontern, entschärfen und damit überleben könnte, die auf der großen Bühne meinen Rauswurf verlangten (Die Zeit, 2022: „Ein Prof driftet ab“).

An diesem Märzfreitag 2023 waren wir morgens bei Auf1, zu einem Interview mit Martin Müller-Mertens für sein Format Berlin Mitte. Handy aus und weit weg, wie immer bei solchen Gelegenheiten. Im Auto dann: eine Mail aus dem Büro von Bernd Huber, Präsident meiner Uni. Gesprächstermin am Montag. Anlass: Medienberichte über meine Liaison mit der Wochenzeitung Demokratischer Widerstand. Die Begegnung mit Kenneth Anders wurden so zu einer Zwischenzeit. Meine alte Welt war weg, aber ich konnte drei Tage lang so tun, als ob die neue noch nicht da wäre. Damals war mir nicht klar, dass es Kenneth ganz ähnlich gegangen sein muss. Das Festival wurde attackiert, weil ich im Programm stand – von dem Journalisten, der mit der Skandalisierung angefangen hatte, aus dem Ministerium, das Sponsor war. Kenneth Anders hat das weggeatmet, uns „sein“ Museum gezeigt, ein Haus, das die Menschen vor Ort ernst nimmt und zu Wort kommen lässt, und mich am Sonntagvormittag im vollbesetzten Theater als Moderator so wunderbar geführt, dass ich für ein paar Stunden vergessen konnte, wer mir inzwischen alles die Freundschaft gekündigt und das auch öffentlich mit feiner Distanzierungsrhetorik getan hatte.

Bildbeschreibung Bild: Theater am Rand 2022 (Foto: Frank Bothe, CC BY-SA 4.0)

Was macht eigentlich Kenneth Anders? Er hat ein Buch geschrieben, zusammen mit Myrthe Jentgens. Ein kleines Buch, zehneinhalb mal fünfzehn Zentimeter, das gut in der Hand liegt und dort gar nicht wieder weg will, weil es seinen Leser mitnimmt in eine Welt, die die Leitmedien links liegen lassen, weil man aus der Stadt hinausfahren und sich auf Biografien und damit auf Perspektiven einlassen müsste, die wenig zu tun haben mit der Ausbildung, dem Alltag und damit den Sichtweisen der aufstiegsorientierten Mittelschichtmilieus, die die Redaktionen beherrschen. Kenneth Anders und Myrthe Jentgens erzählen vom Dorf, von der Familie und vom Miteinander, das stets Gefahr läuft, zu einem Gegeneinander zu werden. Was macht man, wenn die Frau vom Veterinäramt kommt und möchte, dass man seine sechs Hühner impft? Braucht man einen Hund für ein paar Schafe, wenn der Wolf auch tagsüber unbehelligt durch die Gegend spazieren kann? Übernachtet man mit den Tieren auf der Weide? Und wie spricht man mit Veganern?

Ich gebe zu: Zunächst wollte ich vor allem die Stücke von Kenneth Anders lesen. Die beiden Autoren wechseln sich ab, wie in einem Ping-Pong-Spiel. Ich habe dann schnell gelernt, dass Myrthe Jentgens, Historikern und Landwirtin im Wendland, mindestens genauso viel zu sagen hat und das auch so aufschreiben kann, dass Erkenntnis und Genuss zusammenkommen. Anders und Jentgens bleiben im Kleinen – dort, wo das Leben konkret ist – und kommen genau deshalb zum Großen und Ganzen. Ich kann und will hier nicht jeden der gut dreißig Texte antippen, sondern Lust machen, in das Gespräch der beiden einzusteigen und sich mit ihnen zu fragen, wie wir mit unseren Kindern umgehen und wie mit den Alten, was aus den Studenten geworden ist, was aus Medizin und Medizinern und was aus der Sprache und – nicht zuletzt – warum wir Angst haben, obwohl wir doch wissen sollten, dass es „Kräfte des Gleichgewichtes“ gibt und damit immer wieder einen Ausgleich.

„Über den Selbsterhalt in zerrissener Zeit“ verspricht der Untertitel – eine poetische Übersetzung des Themas, um das Kenneth Anders und Myrthe Jentgens kreisen. Der Einzelne, die Gesellschaft und die Erfahrung, dass das eine nicht mehr sehr viel mit dem anderen zu tun zu haben scheint. Warum finde ich mich nicht mehr wieder in den großen Debatten? Warum verstehe ich nicht, wovon die Nachrichten sprechen und die Politiker? Warum ist das alles so weit weg von mir und den Meinen? Und vor allem: Was kann ich dagegen tun? Klug sein, sagt Kenneth Anders. Weder Opportunismus noch Rückzug oder gar Märtyrertum. Bei sich selbst bleiben, aber das Gespräch suchen und vor allem Verbündete.

In der Autarkie ist man verwundbar, man verkümmert und gerät in die Defensive. (Seite 35)

Vaclav Havel hat in einer anderen Zeit den Versuch beschrieben, „in der Wahrheit zu leben“. Kenneth Anders und Myrthe Jentgens sagen hier und heute: ein Beispiel geben. Räume für die Begegnung schaffen. Im Museum, in der Kirche, daheim. Zeigen, dass man anders miteinander sprechen und miteinander umgehen kann. Mut machen, zum Beispiel mit einer Skizze über den Stimmungswandel in ostdeutschen Dörfern, oft verschrien als „Hort finsterer Wutbürger“. Kenneth Anders:

Ich kann das nicht bestätigen. Die Leute sind gut drauf. Nach fünfunddreißig Jahren der Ausdünnung ländlicher Infrastruktur ist fast nichts mehr da, was noch geschlossen und aufgegeben werden könnte. Die Kneipen, die Geschäfte, die Sparkassenfilialen, die Kindergärten und die Schulen in den Dörfern sind fast alle Vergangenheit. Was nun noch los ist, verdankt sich der eigenen Kraft (Seite 158).

Von dieser Kraft kündet dieses kleine Buch. Unbedingte Leseempfehlung.

Bildbeschreibung

Kenneth Anders und Myrthe Jentgens: Es ist beides da, und es ist beides wahr. Über den Selbsterhalt in zerrissener Zeit. Oderaue: Aufland-Verlag 2025, 228 Seiten, 14 Euro.

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Bildquellen: Hans Bol: Flämisches Dorfleben (um 1562)