Alle Bücher haben eine Vorgeschichte. Selten ist sie so spannend wie in diesem Fall. Am 18. Juli 2023 veröffentlichte die Evangelische Verlagsanstalt Leipzig den Sammelband Angst, Politik, Zivilcourage. Rückschau auf die Corona-Krise. Im Zentrum stand die christliche Botschaft der Furchtlosigkeit und Besonnenheit – als Antidot zu Angst und Panikmache. Am 10. November 2023, kurz vor Drucklegung der zweiten Auflage, wurde der Band depubliziert, das heißt: aus dem Handel genommen. Verantwortlich für den skandalösen Vorgang war das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) als Mehrheitsgesellschafter des betroffenen Verlags. Veranlasst wurde der Coup von einer Rezension, die dem Band nichts weniger als „Demokratiezersetzung“ unterstellte und das „Verlagswesen“ ermahnte, es habe sich „intensiver damit auseinanderzusetzen, welche Inhalte veröffentlicht werden“. Hinweise auf angebliche „antisemitische Klischees“ durften nicht fehlen. Eingefordert wurde eine „klare Haltung in allen Teilbereichen der Gesellschaft“ gegen „populistische, antiliberale und rechtsextreme Narrative“. Der autoritäre Ton der Rezension offenbart eine Gesinnung, die bei Bedarf sachbezogene Argumente durch moralisierendes Pathos ersetzt.
Bild: Cover des gecancelten Buchs
Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Schon im ersten Buch der Bibel heißt es:
Ihr zwar habt Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet (1. Mose 50, 20).
Das Gute in diesem Fall – der Vergleich sei gewagt – ist der vorliegende Band. Er ist in drei Teile gegliedert:
Vier geschichts- und philosophiepolitische Beiträge des Vorgängerbandes sind verschwunden, ebenso die acht historischen Porträts und die Predigt, die zuvor den dritten Teil bildeten. Fünf Beiträge sind in aktualisierter Fassung auch in der neuen Fassung enthalten. Der Band bietet nun einen durchgehenden Fokus auf die Corona-Krise. Zudem konnten die Protokolle des RKI-Krisenstabs und weitere Entwicklungen des Kenntnistandes eingearbeitet werden.
Die Vielfalt und Weite der verschiedenen Zugänge zum Thema beeindruckt. Zu Wort kommen Stimmen aus den Bereichen Medizin, Recht, Theologie, Politik, Geschichte, Psychologie, Literatur und Journalismus, viele davon mit theoretischen und praktischen Kenntnissen und Erfahrungen im jeweiligen Fachgebiet. Die Beiträge sind, auch im Blick auf medizinpolitische Fragen und Empfehlungen, keineswegs einheitlich. Eine kritisch-differenzierte Reflexion dieser Art hat im akademischen Bereich inzwischen Seltenheitswert, nicht nur beim Thema „Corona“. Der Band leistet damit einen einzigartigen Beitrag zur Aufarbeitung der damaligen Ereignisse. Das Inhaltsverzeichnis sowie eine Leseprobe sind hier einsehbar.
Die staatliche Pandemiepolitik nahm schwerwiegende Eingriffe in Grund- und Freiheitsrechte vor. Mahnende Stimmen und der öffentliche Einsatz für ein tolerantes gesellschaftliches Miteinander wurden als „Corona-Leugner“, „Schwurbler“, „Verschwörungstheoretiker“ usw. beschimpft und mit Hilfe juristischer Intrigen (Lawfare) verfolgt. Politische Entscheidungen wurden je länger, je aggressiver als alternativlos verbrämt. Das Zusammenspiel von Journalisten und ausgewählten Spezialisten sorgte für die passende Begleitmusik, so dass der Alarm ganz oben blieb. Wer vom offiziellen Narrativ abwich, wurde ins Abseits gerückt. Die daraus resultierende Polarisierung wurde in Kauf genommen oder war sogar erwünscht.
Bild: Berlin am 29. August 2020 (Foto: Hans der Kleingärtner)
Inzwischen ist jedoch „klar“, so das Resümee der beiden Epidemie-Fachleute Detlev H. Krüger (1989 bis 2016 Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité) und Klaus Stöhr (langjähriger Mitarbeiter in der globalen Influenza- und SARS-CoV-1-Forschung), dass zahlreiche politisch verordnete und von ‚der‘ Wissenschaft „wärmstens empfohlene“ Corona-Maßnahmen „entweder unnötig waren oder mehr Schaden als Nutzen gestiftet haben“ (226). Der Beitrag der Journalistin Christiane Cichy widmet sich den zahlreichen und zumeist verschwiegenen schweren Corona-Impfschäden. Zu den dokumentarischen Beiträgen zählt auch der Bericht über das „Moerser Modell“, geleitet von dem Immunologen und Pneumologen Thomas Voshaar am Krankenhaus Bethanien in Moers. Voshaar und seine Kollegen folgten einem holistischen Ansatz der Patientenbetreuung und wurden international bekannt durch die Vermeidung der frühen Intubation (invasiven Beatmung) bei schweren Covid-Erkrankungen, die von der WHO im Januar 2020 empfohlen wurde und von den Autoren als „medizinischer Jahrhundertfehler“ bezeichnet wird (125). Obwohl der alternative Therapieansatz eine wesentlich geringere Patientensterblichkeit aufwies, wurde er immer wieder angezweifelt und diskreditiert. Umso wichtiger war die Rückendeckung durch den damaligen nordrhein-westfälischen Landtagsvizepräsidenten.
Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier betont, dass die „Grundsätze einer rechtsstaatlichen Demokratie“ bei epidemischen Notlagen und ähnlichen Krisensituationen „bestmöglich“ zu bewahren sind (243). Auch in Notlagen dürfe „keinesfalls der Satz gelten, der – gute – Zweck heilige alle Mittel“ oder es gebe „keine roten Linien“ (246), wie Bundeskanzler Scholz im Dezember 2021 erklärte und im Oktober 2024 als Richtlinie seines Regierungshandelns bekräftigte. Papier nennt nicht weniger als 13 Grundrechte, die durch die Gesetze und Verordnungen des Corona-Regimes beschränkt wurden, und bietet eine differenziert abwägende Reflexion zur Verhältnismäßigkeit von Grundrechtseingriffen. Sein Fazit:
Je mehr Reglementierung … es gibt, desto weniger kann die staatliche Bürokratie der Normenflut Herr werden. Es treten eklatante Vollzugsdefizite auf, was wieder das Vertrauen … in die Handlungsfähigkeit des demokratischen Rechtsstaats wie auch in die Funktionsfähigkeit und Gerechtigkeit seines Rechtssystems schwächt. … Ein Staat, der seinen Bürgerinnen und Bürgern alle persönlichen Risiken abzunehmen versucht, wird selbst zum Risiko für die Freiheitlichkeit des Gemeinwesens (256).
Frauke Rostalski, eine der vier Stimmen im Deutschen Ethikrat, die im Winter 2021 gegen eine gesetzliche Impfpflicht votierten, ermutigt dazu, das zu tun,
was längst überfällig ist: uns den Dämonen der Vergangenheit stellen und fragen, was richtig, was falsch war, um gemeinsam einen Fahrplan für die Zukunft zu entwickeln (200).
Die Protokolle des RKI-Krisenstabs zeigen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten politischer Vorgaben „übergangen“ (205) wurden. Der Theologe Rochus Leonhardt betont, dass die Pandemiepolitik den „Ungewissheitsaspekt“ (50) weitgehend ignorierte, so dass die Bereitschaft zum Lernen aus Fehlern faktisch gar nicht aufkommen konnte. Demnach ging es den Verantwortlichen um „Deutungshoheit“ (52) über wissenschaftliche Fragen, die durchgehend zugunsten der Legitimierung des Ausnahmezustands eingesetzt wurde. Ärzte, die nicht auf Linie agierten, wurden auch dann sanktioniert, wenn ihr Verhalten ethisch vorbildlich war. Während der Impfkampagne sei das Verhältnis zwischen Arzt und Patient durch das Herrschaftsverhältnis von Obrigkeit und Untertan ersetzt worden. Leonhardt veranschaulicht, wie in vielen Kirchen eine regelrechte „Impffrömmigkeit“ propagiert wurde (54). Seine Kollegin Dorothea Wendebourg fragt, ob die Kirchen „ihrer eigenen Arznei nicht mehr viel zutrauen“ (265). Der Schlussbeitrag des Bandes stammt von dem promovierten Pfarrer Wichard von Heyden und formuliert Themen für eine kirchliche Selbstprüfung. Die Frage nach einem an der Botschaft von Jesus Christus orientierten Verständnis von Staat und Gesellschaft sei grundsätzlicher zu stellen, als es oft geschieht.
Bild: Wien am 16. Januar 2021 (Foto: C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0)
Die Corona-Krise war zwar für viele Bürgerinnen und Bürger ein „Weckruf“ (81), aber für die Partei- und Kandidatenpräferenz bei Wahlen scheint das Thema sekundär zu sein. Zudem werden kontinuierlich weitere Krisen verkündet (man gebe die Wörter „Dauerkrise“ oder „Mega-Krise“ in eine Suchmaschine ein!). Die Aushebelung rechtsstaatlicher Verfahren zu politischen Zwecken hat in jüngster Zeit noch zugenommen, wie die auf Vernichtung von Existenzgrundlagen zielende Sanktionspraxis der EU gegen kritische Stimmen belegt. Es überrascht daher nicht, dass die Treiber der Pandemiepolitik bislang kein Interesse zeigen, die eigene Rolle kritisch zu hinterfragen. Die jüngsten Auftritte von Alena Buyx, Christian Drosten (mitsamt nachgereichten Antworten) und Jens Spahn in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags sind dafür bezeichnend. Ähnliches gilt für die Schweiz, denn die Pandemiepolitik verlief im Gleichschritt, trotz geringfügig erweiterter Spielräume. Kinder in Schulen waren ähnlichen Drangsalierungen ausgesetzt. Die Begründung für die parallel zur Impfkampagne eingeführten Beschränkungen des Zugangs zum öffentlichen Leben per Covid-Zertifikat beruhte auf derselben falschen Behauptung wie in Deutschland und Österreich: Geimpfte seien nicht mehr ansteckend, und der Impfstoff schütze vor einer Übertragung des Virus („Fremdschutz“).
Die meisten Beiträge des vorliegenden Buchs hoffen gleichwohl, dass sich die gesellschaftliche Polarisierung überwinden lässt. Erich Freisleben, 37 Jahre lang als Hausarzt tätig, plädiert für einen umfassenderen Begriff von „Aufklärung“, der nicht nur die materielle, sondern auch die „geistig-seelische“ Ebene erfasst und sich am Ideal der „Versöhnung“ religiöser und ideologischer Differenzen orientiert (163). Insgesamt repräsentiert der Band sowohl eine kritische Sicht auf die Pandemiepolitik als auch ein Gesprächsangebot an diejenigen Unterstützer dieser Politik, die bereit sind, ihr damaliges Reden und Handeln auf den Prüfstand zu stellen.
Thomas A. Seidel, Sebastian Kleinschmidt (Hrsg.): Angst, Glaube, Zivilcourage. Folgerungen aus der Corona-Krise. Holzgerlingen: R. Brockhaus, 288 Seiten, 25 Euro.

Matthias Gockel ist evangelischer Theologe und lehrt als Privatdozent an der Universität Basel.
Newsletter: Anmeldung über Pareto