Der Wiener Opernball ist ein „österreichisches Heiligtum“ – Tradition und Kultur werden zu einem globalen gesellschaftlichen Großereignis. Der erste Opernball in der heutigen Form fand 1877 statt, seit 1935 trägt er offiziell den Namen „Wiener Opernball“. Hier trifft sich die Elite aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Es geht darum dabei zu sein. Sehen und gesehen werden. Man blickt in die Kamera und lächelt – rechtzeitig, bevor der Blitz aufscheint. Stefanie Sargnagel war 2024 auf Einladung des Festkomitees dabei, begleitet von zwei Freunden, die sie den „Museumswärter“ und die „Kellnerin“ nennt. Gemeinsam beobachten sie die Reichen und Prominenten und ihr teilweise schlechtes Benehmen.
Bild: Stefanie Sargnagel 2024 bei einer Lesung (Foto: Robert Wetzlmayr, CC BY-SA 4.0)
Beim Aufschlagen des kleinen Büchleins bekommt man gleich einen Eindruck, worum es gehen könnte. Aus einer Loge schaut die Autorin bei Dosenbier und einer Wurstsemmel gelangweilt auf das Geschehen. Satirisch schonungslos porträtiert sie die Wiener Schickeria. „Groteske Fetzen, aus denen das Fleisch quillt“. Die Männer eingezwängt in einen mit Orden geschmückten Frack. „Von ihrem Hintern hängen die Schwalbenschwänze wie mutiertes Geflügel“. Für den Opernball wird aufgepolstert, gestrafft – aber nicht übertrieben.
Man lässt sich bei lebendigem Leib ausstopfen, wie eine Jagdtrophäe.
Pelze werden ausgeführt, der Körper muss ja schließlich aufgewertet werden. „Die schlichte eigene Persönlichkeit wird in mehreren Kostbarkeiten überdeckt: Diamanten überall.“ Die Frisuren erinnern an „Auslagen von Mehlspeisenvitrinen im Wiener Kaffeehaus“.
Jeder achtet auf jeden. Die Wiener suchen nach Gerüchten und Geschichten der Mächtigen, nach Skandalen und Tratsch und auch Bewunderung: Welche Dame ist mit wem dort, welches Kleid wird getragen und welches ist eine Blamage? Die Damen sprechen sich gegenseitig Komplimente aus. Kleider machen Leute. Stefanie Sargnagel ließ sich von einer Stylistin für diesen Anlass zurechtmachen: Vom „Vorstadtbeisl“ gleitet sie in die höfische Gesellschaft. Jetzt ist sie eine von ihnen.
Die Damen sind prächtig wie Blumensträuße, bei den Herren ist es deren Bedeutung: Die Orden bezeugen ihre Leistungen. Die Dame ist der Orden, sie glänzt und stellt das Vermögen des Mannes zur Schau – vielleicht sind auch manchmal die Männer die Orden der Frauen…?
Nach den Ansprachen wird der Opernball künstlerisch von einem Opern- und Ballettprogramm eingeleitet. Den Eröffnungstanz, eine Polonaise, übernehmen traditionell Debütantinnen und Debütanten. „Die meisten dieser Jugendlichen sind extrem behütet aufgewachsen, die Schlimmen unter ihnen koksen dafür umso mehr, seitdem sie in der Kanzlei vom Papa die geheime Lade entdeckt haben.“ Danach dürfen alle tanzen: „Alle Walzer.“
Wie erkennt man, wer wer ist?
Es ist die Haltung, der leicht erhobene Kopf. Der lange Hals ist ein Zuchterfolg der höheren Gesellschaft. Der Hals symbolisiert das weit in die Vergangenheit reichende Vermögen, denn man vermählt sich traditionell mit anderen, um Kinder mit noch längeren Hälsen zu gebären. (…) Je höher der Stand, desto dünner sind die jungen Frauen. Die Damen müssen so dünn sein, weil das Magere einen abhebt vom lustgetriebenen Gsindl.
Die günstigste Eintrittskarte kostet in dem Jahr 360 und ein Glas Champagner 46 Euro. Da ist es doch in der Mitarbeiterkantine wesentlich günstiger, wo der Spritzer nur drei und die Wurstsemmel fünf Euro kosten. Und es ist viel lustiger und gemütlicher dort. Hier kann man „man selbst sein“ auf eine ehrliche unverstellte Art.
Dann kommt ER. „Der King, Der Patron, Der Erlöser, Der Mörtel: Der Bauherr Richard von Lugner“, umringt von Sicherheitsmännern und begleitet von Priscilla Presley. Mit seinen neunzig Jahren und seiner Macht strahlt er eine innere Befreitheit aus, die ihn unantastbar macht. „Lugners Präsenz frisst sich von innen durch den Traditionsball, wie eine Infektion“. Alle sind sie da: van der Bellen, Schallenberg – der Kurzzeitkanzler, Waffenproduzent Glock, FPÖ-Chef Kickl, Nadja Swarovski, Heino und viele Prominente mehr. Es wird sich erbrochen und vom Kronleuchter gepinkelt.
Bild: August 2024 in einer Wiener Shopping-Mall – Gedenken an Richard von Lugner (Foto: WWWeb.pix, CC BY-SA 4.0)
Am Ende dieses kleinen, sehr unterhaltsamen und lustigen Buches beschreibt Stefanie Sargnagel das Gefühl, das sie am Ende empfindet:
Seit jenem Abend wächst mein Hals, wird länger und länger. Und wenn ich jetzt in den Supermarkt komme, wird sofort eine zweite Kasse aufgemacht.
Der Leser bekommt für einen Moment das Gefühl, dabei gewesen zu sein, auch wenn manches übertrieben scheint.
Stefanie Sargnagel (bürgerlich Sprengnagel), gebürtige Wienerin, veröffentlichte satirische Texte, Romane, Cartoons und ist auch als humorvolle „Momfluencerin“ aktiv. Ihr Buch Iowa stand 2024 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Opernball wurde 2025 im Wiener Rabenhof-Theater aufgeführt und ist dort auch noch in diesem Jahr zu sehen.
Stefanie Sargnagel: Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee. Berlin: Rowohlt 2026, 80 Seiten, 18 Euro.

Nach einer langen Managementkarriere widmet sich Sabine Keuschen ihrer Leidenschaft für Literatur und arbeitet in einer Buchhandlung.