Thomas Dietz stand schon lange auf meiner Interview-Wunschliste – eigentlich seit unserer ersten Begegnung im Juni 2021 auf Usedom. Der Lockdown war gerade vorbei, und Carsten Gansel, Literaturwissenschaftler mit ostdeutschen Wurzeln, hatte zu einer Tagung geladen. „Störfall Pandemie“. Die Vorträge und ein paar Ergänzungen sind in einem Buch verewigt, in meinem Gedächtnis aber ist vor allem der Auftritt dieses Pfarrers geblieben, von Carsten Gansel befragt zum Alltag in seiner Gemeinde. Angst, Spaltung, das einsame Sterben: All das war hier sehr konkret – erzählt von einem, der zu den Menschen geht und der die Menschen kennt. Ich dachte: Das verdient ein größeres Publikum als die zwei Dutzend Akademiker in Bansin.
Der Weg in das Apolut-Studio in Neuhaus am Inn war Thomas Dietz zu weit. Ich darf, sagte er mir am Telefon, bei alldem, was ich zu Corona mache, meine Gemeinde nicht vernachlässigen. Taufen, Beerdigungen, Seelsorge. Zwei oder sogar drei Tage auf der Autobahn für 90 Minuten Interview: Das geht einfach nicht. Ich hatte dann Martin Michaelis zu Gast, Pfarrer in Quedlinburg und von Thomas Dietz empfohlen. So viele kritische Geister gab es in der evangelischen Kirche nicht. Jürgen Fliege, Hanns-Martin Hager in Oberbayern und diese beiden Ossis.
Bild: Kirche in Malchow, 25. Juni 2026 (Foto: Antje Meyen)
Ich war dann dreimal beim „Malchower Format“, einer Gesprächsreihe, die Thomas Dietz erfunden hat, um der Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen – zweimal vorn auf der Bühne (im August 2021 und im Februar 2025) und beim letzten Abend vor ein paar Wochen ganz hinten bei den Zuschauern. Ein paar Tage vorher haben wir vor der Kamera Bilanz gezogen – von der späten DDR über den Umbruch bis in die Gegenwart. Es geht um die deutschen Staaten und ihr Verhältnis zur Kirche, um den Wandel, den diese Institution durchlaufen hat, und natürlich auch um die Corona-Jahre. Ein Stück Zeitgeschichte in Interviewform.