Thomas Dietz predigt heute nicht von der Kanzel, er steht vorn in der Dorfkirche Malchow am Rednerpult. Sobald seine weiche Stimme zu hören ist, zieht Stille ein in die eng gestellten Stuhlreihen, bis auf den letzten Platz gefüllt mit gut 200 Menschen. Wenn Thomas Dietz spricht, klingt immer ein feiner Schalck mit. Umso mehr überraschen seine ersten Sätze. Psalm 121 habe er auswendig gelernt, als es ihm schlecht ging und er drohte, in eine Depression abzurutschen. Psalm 121 fragt, woher Hilfe kommt. Hilfe, wenn wir erschöpft sind von allem, was wir innerlich tragen, was wir kontrollieren wollen, aber nicht können. Hilfe, so muss der Pfarrer das sagen, kommt vom Herrn. Manchmal aber ist Hilfe auch ganz irdischen Ursprungs.
Thomas Dietz ist ein Pfarrer, der in Corona-Zeiten nicht mitgemacht hat, als Kirchen ihre Tore verschlossen haben, als Menschen einsam gestorben sind und Politiker Angst und Schrecken verbreiteten. Thomas Dietz hat die Kirchentüren weit aufgemacht und nicht nur seine Gemeinde eingeladen zu Gebet und Gesang, sondern alle, die sich in Widerspruch und Hoffnung begegnen wollten. „Das Malchower Format – Kritisches zum Zeitgeschehen“ startete am 24. Januar 2021. Mit Paul Brandenburg diskutierte Thomas Dietz damals über die Frage: Angst oder nüchterne Gelassenheit?
Zurück ins Hier und Jetzt, zurück in die Dorfkirche an diesem heißen Donnerstagabend Ende Juni. Das 70. Malchower Format ist Premiere und Ende. Premiere, weil Thomas Dietz mit Saskia Ludwig, Mitglied des Deutschen Bundestags, erstmals eine CDU-Politikerin in der Kirche begrüßen kann. Beinahe hätte es auch Karina Dörk, gerade wiedergewählte Landrätin der Uckermark, zur Veranstaltung geschafft. Auch wenn es dann doch nicht geklappt hat, war sie immer an seiner Seite, berichtet Thomas Dietz, wenn es Angriffe gegen ihn und seine Veranstaltung gab.
Die 70. ist die letzte Auflage des Malchower Formats. Nicht allein, weil Thomas Dietz Ende 2025 in den Ruhestand gegangen ist. Die Kirchengemeinde wünschte sich eine Nachfolger, der auch die Veranstaltungsreihe weiterführt. Bis heute ist dieser Nachfolger allerdings nicht gefunden, und die Kirche drängte Thomas Dietz bereits im Oktober 2025, nachdem der Polizeigewerkschafter Manuel Ostermann in Malchow aufgetreten war und sich für das Verhalten der Polizei rund um die Corona-Maßnahmen entschuldigt hatte, doch bitte alle noch geplanten Termine abzusagen. Hier hat die Malchower Format-Familie, wie Thomas Dietz seine Mitstreiter und Helfer nennt, nicht mitgemacht. Was geplant war, wurde durchgezogen, bis zur Nummer 70.
Bild: Christian Schubert bei seinem Vortrag (Foto: Claudia Marsal)
Christian Schubert, Psychoneuroimmunologe und Universitätsprofessor in Innsbruck, fordert das Publikum mit seinem Vortrag „Mensch oder Maschine? Wir brauchen ein neues Medizinparadigma!“ nicht nur inhaltlich, sondern auch konditionell. Drei Stunden muss man erstmal durchhalten in Hitze und Enge – und ganz ohne Trinkpause (eine Kirche ist ja kein Fußballstadion). Aber der Stoff ist spannend: Warum werden wir trotz immenser Ausgaben fürs Gesundheitssystem immer kranker, warum fühlen wir uns trotz Behandlung nicht gesund? Warum schaut die Medizin nur aufs Stoffliche, warum spaltet sie Körper, Geist und Seele, warum sieht sie den Menschen nicht als Ganzes? Als Wesen mit einer Biografie, mit Beziehungen, Glaubenssätzen? Warum einigen sich Patient und Arzt auf das Beseitigen von Warnsignalen, auf eine Reparaturmedizin? Der Mensch, so Schubert, ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Sein Immunsystem ist sein sechster Sinn, das mit allen anderen Systemen im Körper kommuniziert. Warum entfremdet uns die Medizin von uns selbst? Warum gehen wir nicht ins Bett, wenn wir krank sind und Energie für die Heilung brauchen, sondern schlucken mit Aspirin die Symptome weg?
Fragen, die zur Diskussion anregen. Thomas Dietz läuft mit dem Mikrofon durch die Stuhlreihen, Menschen berichten über ihre Erfahrungen mit Krankheit und Gesundung. Es scheint, als wollten die Besucher die Veranstaltung nicht zu Ende gehen lassen. Und Christian Schubert spielt mit, beantwortet jede Frage mit Ernst und Ausführlichkeit, auch die letzte.

Dann ist wirklich Schluss. Thomas Dietz schenkt jedem seiner engen Mitstreiter einen Blumenstrauß und Saskia Ludwig einen Corona-Krimi. Damit sich die Politikerin weiter für die Aufarbeitung engagieren möge.
Ein besonderer Dank geht an Claudia Marsal, Lokalredakteurin beim Nordkurier. Sie hat über fast alle Veranstaltungen berichtet, fair und sachlich. Eine Ankündigung, meist als Interview mit dem Gast, dann ein Nachbericht. Thomas Dietz überreicht ihr Blumen, und das Publikum klatscht lange. Die Medienfrau und der Kirchenmann – vielleicht liegt in dieser besonderen Verbindung das Erfolgsgeheimnis. Das wäre ein guter letzter Satz für diesen Text. Aber es geht noch besser, und deshalb gehört das Finale dem Templiner Zahnarzt Falk Hoffert, langjähriger Besucher des Malchower Formats. Er bringt seine Dankesworte und das Motto des Abends auf einen Nenner: Thomas Dietz – der mächtigste Arzt der Welt.
Bild: Falk Hoffert bei seiner Dankesrede mit Thomas Dietz, Screenshot aus dem Veranstaltungsbericht im Nordkurier
PS: Auf das Ende folgt ein Anfang. Mit den „Ueckermünder Gesprächen“ soll das Malchower Format einen Nachfolger finden. Thomas Dietz unterstützt einen Verein in Ueckermünde mit seinem Wissen und Können und sorgt ganz sicher dafür, dass es im Norden nicht langweilig wird.
Newsletter: Anmeldung über Pareto