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Medien-Tresen Extra | 18.05.2026
Aufklärung 2.0
Ein KI-kritischer Text zieht Leserbriefe nach sich, die mit der KI geschrieben sind und damit das bestätigen, was kritisiert wird. Nachschlag unseres Autors.
Text: Eugen Zentner
 
 

Freitag habe ich am Medien-Tresen einen Text veröffentlicht, der sich kritisch mit der Nutzung der künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Die These ist schlicht: Die KI avanciert zu einer Allround-Autorität, an die sich die Menschen wie in der Voraufklärung wenden, um zunächst ihr Urteil einzuholen, bevor sie selber aktiv werden. Das führt in die Unmündigkeit, aus der sich das Menschengeschlecht laut Kant befreien sollte.

Mich erreichten nun einige Leserbriefe, wobei Leserbriefe nicht ganz korrekt ist: Geschrieben waren sie von der KI. Quod erat demonstrandum! Wieder war es die KI, die man als anwaltliche Autorität zu Hilfe rief, um sich zu verteidigen. Und natürlich hatte die Maschine einiges zu kritisieren:

Zentner zitiert fast ausschließlich ein Nischenmagazin namens PromptPro, eine Quelle, die er selbst als „Praxis-Guide“ bezeichnet. Dass ein Einsteiger-Heftchen KI enthusiastisch bewirbt, ist weder überraschend noch repräsentativ für den Diskurs. Seriöse KI-Forschung (etwa von Emily M. Bender, Timnit Gebru oder dem AlgorithmWatch-Institut) wird mit keiner Silbe erwähnt.

Abgesehen davon, dass nicht ich, sondern das Magazin selbst sich als „Praxis-Guide“ bezeichnet, behandelt die KI meinen Text, als wäre es eine wissenschaftliche Arbeit. Das setzt sich in der nächsten Passage fort:

„Die intellektuelle Verkümmerung schreitet voran“: Das ist eine steile These. Zentner liefert dafür keine empirischen Belege, sondern nur anekdotische Lehrergespräche.

Nun war mein Text aber keine wissenschaftliche Abhandlung und schon gar nicht eine Dissertation – sondern eine Kolumne.

Wodurch zeichnet sich diese Textsorte aus? Zunächst einmal durch den Gegenstand. In einer Kolumne greift man keine wissenschaftliche Frage auf, sondern ein aktuelles Ereignis und formuliert ausgehend davon seine Gedanken. In einer Medienkolumne kann das auch ein Nischenmagazin sein, nichts Ungewöhnliches. Zum anderen zeichnet sich eine Kolumne durch den Stil aus. Da es sich um einen lockeren Meinungsbeitrag handelt, hat man sehr viel Freiheit: Man kann aus der Hüfte schießen, Behauptungen aufstellen, zuspitzen oder polemisieren.

Es geht darum, die Leser zum Nachdenken zu bringen, sie anzuregen, sie auf Probleme hinweisen. Vor allem sollte der Text so geschrieben sein, dass die Leser ihn goutieren können, anstatt auf ihm herumzukauen wie auf einem trockenen Stück Brot. Gleiches gilt zum Beispiel für den Essay, der sich durch gedankliche Sprunghaftigkeit und geistige Blitze auszeichnet – durch Formulierungen, die manchmal bewusst widersprüchlich sind und Leerstellen enthalten, damit man bei dem einen oder anderen Gedanken länger verweilt.

Bei diesen beiden Textsorten geht es nicht um wissenschaftliche Stringenz, nicht um empirische Belege, nicht um Zitationen und schon gar nicht um Verweise auf langweilige Studien, sondern um intellektuelle Stimulierung. Doch derlei Nuancen scheinen für die KI fremdes Terrain zu sein, weshalb man über ihre Argumentationsweise schmunzeln muss. Ihr Optimum hat die Maschine noch lange nicht erreicht. Wichtig ist aber etwas anderes: Mein Vorwurf galt nicht der KI, sondern ihren Nutzern. Sie müssen sich verteidigen, nicht die Maschine.

Wie schrieb diese doch so schön in einem Leserbrief:

Genau hier läge die Chance der Aufklärung 2.0: Nicht die KI abzuschaffen, sondern zu lernen, mit ihr kritisch zu dialogisieren, ihre Unsicherheiten zu erkennen, Gegenfragen zu stellen, ihre Prämissen zu hinterfragen.

Ihr Wort in Gottes Ohr! Nur leider hören die Nutzer nicht, was die mit KI geschriebenen Repliken auf meinen Text ja performativ bestätigen. Sie könnten hinterfragen, sie könnten reflektieren, sie könnten Gegenfragen stellen – aber sie machen es sich einfach. Warum? Weil die Verlockungen der KI zu groß sind? Sie verführt zur Faulheit – und damit zur Unmündigkeit.

Was heißt es eigentlich, mündig zu sein? Das wird bereits auf der Sprachoberfläche ersichtlich: mündig sein bedeutet, den Mund aufzumachen, selbst zu denken, selbst zu sprechen. Wer aber spricht in den Leserbriefen? Wer macht dort den Mund auf? Wer reflektiert und argumentiert? Deswegen, liebe Leser: Denkt und sprecht für euch selbst! Zum wiederholten Mal: Werdet nicht unmündig!

Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.

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Bildquellen: PromptPro, Heft 1/25