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Medien-Tresen | 15.05.2026
Zurück zur Unmündigkeit
Mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz ist eine zentrale Forderung der Aufklärung obsolet geworden: sich von Autoritäten zu emanzipieren.
Text: Eugen Zentner
 
 

In seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung“ von 1784 sprach Immanuel Kant vom „Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Der Philosoph betonte dabei den Prozess. Das war im 18. Jahrhundert, und lange Zeit schien es, als würde sich das Menschengeschlecht tatsächlich aus diesem selbstverschuldeten Zustand befreien. Mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz (KI) dreht sich der Prozess des Mündigwerdens jedoch um. Mittlerweile gibt es kaum noch einen Lebensbereich, in dem die revolutionäre Technologie dem Menschen nicht die Arbeit abnimmt – und damit auch das Denken.

Dafür wird sie frenetisch gefeiert. Geradezu enthusiastisch hört sich das Magazin PromptPro an, ein Praxis-Guide für die Nutzung von KI-Tools, der in der aktuellen Ausgabe für jedes Alter „leicht und verständlich“ schreibt: ChatGPT sei ein „Profi im Verfassen von Essays, Artikeln oder Berichten“.

Mit etwas Anleitung schreibt die KI auch Romane, Kurzgeschichten, Gedichte oder Songtexte. Ganz praktisch unterstützt sie zudem bei E-Mails, Briefen, Social-Media-Beiträgen und formeller Korrespondenz aller Art.

Überhaupt: Die KI könne so ziemlich alles, ein Allroundtalent sondergleichen, das sich je nach Situation vom Zimmermädchen zum Freizeitgestalter mausert, vom Finanzberater zum Buchhalter, vom Künstler zum Gesundheitsexperten:

Im Haushalt oder bei Hobbys, für einfachere Kommunikation, besseres Schreiben oder effektiveres Lernen. Sie (die KI) hilft beim Verwalten von Finanzen, bei einem gesünderen Lebensstil sowie beim Planen, Reisen, Einkaufen oder beim kreativen Spaß mit KI-Kunst.

Weil ein solches Universalgenie stets zur Seite steht, beginnt der Mensch bequem zu werden, wie selbst PromptPro zugeben muss. Aber ist Bequemlichkeit nicht der Humus, auf dem Unmündigkeit gedeiht? Wie heißt es so schön in Kants Aufsatz:

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt.

Bildbeschreibung

Der angesprochene Vormund ist die KI; die Autorität, die bestimmt, was richtig und was falsch ist, der Arzt, der mit Kant die Diät beurteilt: „ChatGPT ersetzt keinen Arzt“, schreibt PromptPro, aber, aber, aber: „Es unterstützt dich bei Ernährungsfragen, gibt Hinweise zu guten Gewohnheiten und liefert hilfreiche Informationen zum Umgang mit kleineren Beschwerden.“ Was dafür zu tun ist? Nicht viel, wie das Magazin betont: „Füttere die KI mit Infos über deine Essgewohnheiten, Krankheiten oder Diätvorgaben – und Dinge, die du überhaupt nicht magst. Sie entwirft einen Wochenplan und erleichtert auch den Einkauf.“

Man überlässt also das Denken der KI, während man sich selbst darauf beschränkt, ihr mitzuteilen, was man sich wünscht und vorstellt. Das ist der Beginn von Bequemlichkeit und führt zum Verlust der Mündigkeit. Entgegen der Aufklärungsforderung baut man eine Allround-Autorität auf und bindet sich an sie, macht sich so weit von ihr abhängig, dass man ohne sie gar nicht mehr zurechtkommt. Doch das ist tückisch, schließlich ist die KI nicht fehlerfrei, wie selbst PromptPro allem Enthusiasmus zum Trotz hervorhebt. ChatGPT könne beispielsweise falsche Aussagen aus unzuverlässigen Quellen wiederholen.

Sind Fakten oder Ansichten umstritten, fehlt ChatGPT mitunter der nötige Kontext, um sicher zwischen richtig oder falsch zu unterscheiden.

Man solle auch nicht davon ausgehen, dass alle Antworten stets aktuell seien oder die neuesten Entwicklungen in Technik und Wissenschaft zum Ausdruck brächten. Abgesehen davon besteht die Gefahr, dass die KI in manchen Fällen Inhalte einfach erfindet, weil sie darauf ausgelegt ist, immer eine Antwort zu geben, auch wenn wichtige Infos fehlen.

Außerdem, belehrt PromptPro in woker Manier, ist die KI voreingenommen, weil sie sich auf Informationen aus dem Internet stützt. „Fordert man ein Bild einer Pflegeperson im Krankenhaus an, ist diese meist weiblich“, lautet das Beispiel, bei dem auch dieses Magazin seine Ideologietreue demonstriert. „Ein Firmenchef im Vorstandzimmer“, heißt es weiter, „wird häufig als weißer Mann dargestellt“. So ideologisch die Beispiele sind, so richtig die Feststellung, dass die Antworten der KI voreingenommen und damit wertlos sind.

Doch derlei Details geraten zunehmend in den Hintergrund, wenn man sich daran gewöhnt hat, die KI zu allen Fragen des Lebens zu befragen. Irgendwann geht das kritische Denken aus Bequemlichkeit verloren und die Antworten der KI muten an wie Aussagen, die sicheres Wissen enthalten. Darauf deutet der Trend hin, sich mit der KI zu unterhalten wie mit einem Freund oder Partner, selbst beim Autofahren. Das wird schon deswegen immer häufiger getan, weil man die KI nur so „trainieren“ und nur so darauf hoffen kann, dass sie bessere Antworten liefert, auch wenn aus den genannten Gründen trotzdem ein Restrisiko bleibt.

Bildbeschreibung Bild: Screenshot. „KAA I“ – im Würgegriff der digitalen Schlange, 20. August 2025

Manche sprechen mit der KI zum Zeitvertreib oder um ein bisschen zu plaudern. Das tun mittlerweile auch Personen, die sich für kritische Beobachter des Zeitgeschehens halten. Während sie zumindest eine gewisse Lebenserfahrung (vor allem im analogen Zeitalter) haben, fehlt das Kindern und Jugendlichen, die mit der KI aufwachsen und ohnehin noch nicht gelernt haben können, was es bedeutet, mündig zu sein oder kritisch zu denken. Und sie werden es auch nie werden, wenn man sich tagtäglich mit der KI unterhält.

Schon jetzt ist es unmöglich, Schüler im Unterricht zu einem Aufsatz zu bewegen. Sie wollen ihn lieber zu Hause schreiben – und tun es dann mit der KI. Spricht man mit Lehrern, so bestätigen sie, dass die Leistungsbereitschaft des Nachwuchses sinkt. Sie haben sich daran gewöhnt, die KI für sie denken zu lassen. Die KI entwirft die Ideen für eine Präsentation, liefert die Lösungen für Mathematikaufgaben und übernimmt auch die Recherche. Mittlerweile geht dieser Trend so weit, dass selbst Deutschlehrer eine Rede für Festivitäten mit der KI schreiben.

Die intellektuelle Verkümmerung schreitet voran. Selbst PromptPro erkennt die Gefahr, „dass eine zu starke Abhängigkeit von ChatGPT die eigenen geistigen Fähigkeiten schwächt oder deren Weiterentwicklung bremst“. Wer alles der KI überlasse, heißt es weiter, könnte weniger kritisch denken, eigene Ideen vernachlässigen oder Fehler übersehen. Aber was helfen solche Appelle, wenn sogar Lehrer als Repräsentanten des Bildungswesens, als Botschafter für eigenständiges Denkens der KI verfallen.

Am Ende ist die Faulheit doch stärker – und der Rückfall in die Unmündigkeit unaufhaltsam. Man unterwirft sich wieder einer Autorität, die eigentlich keine ist, wie viele Kritiker der KI anführen: Sie tut nämlich nichts anderes, als zu plagiieren, lautet das Argument. Sie greift lediglich auf Artikel, Bücher oder wissenschaftliche Arbeiten zurück, die andere geschrieben haben, um die Antworten dann als eigene auszugeben. Damit unterscheidet sie sich kaum von ihren Nutzern, die genau das gleiche tun. Oder, um es anders auszudrücken: Sie ist genauso unmündig, wie wir es mit ihr werden.

Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.

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