Tom Lausen hat es geschafft. Der Kopf auf dem Cover. Das ist erste Liga – im Westend-Verlag auf Augenhöhe mit Gabriele Gysi, Wolfgang Kubicki oder Ai Weiwei. Und kein Zweifel: Der Titel ist genial. Wer die öffentlichen Sitzungen der Kommission im Netz verfolgt oder nur ein paar Schnipsel davon gesehen hat, der kennt das Spiel mit der Geschäftsordnung. Die Uhr tickt und frisst das auf, was die Kritiker der Macht wissen wollen. Stefan Homburg, Beate Pfeil und Tom Lausen, allesamt als Sachverständige nominiert von der AfD. Auf dem Cover steht auch Ulrike Lausen, Toms Frau. Erklärt wird das im Buch nicht, und biografische Angaben gibt es nur im Online-Magazin Multipolar. Berichtet wird in der Ich-Form.

Der Text wäre ein Thema für sich mit einer Rhetorik, die wie aus der Maschine kommt. Das zentrale Problem war nicht – das Problem war. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht – die entscheidende Frage lautet. Dazu Analogien aus der Retorte, Schleifen und drei, vier Kernpunkte, die immer wieder aufgegriffen werden. Die SMS von Jens Spahn an Hans-Ulrich Holtherm, General und Arzt, abgeschickt am 19. Januar 2020, einem Sonntag, um 22.15 Uhr. Der Taschenrechner, mit dem Bodo Ramelow am 12. März 2020 in der Ministerpräsidentenrunde ein Horror-Modell für Thüringen überprüft und dann nichts mehr dagegen hat, die Schulen zu schließen. So ist das im KI-Zeitalter. Auch der Leser profitiert. Man muss sich nicht in jeden Satz verbeißen.
Der Leser Michael Meyen ist dankbar für dieses Buch. Ich muss dazu sagen, dass ich ein ganzes Regal mit Corona-Literatur habe. Nicht in der Wohnzimmerwand, die manche von meinen Videos und Gesprächen kennen, sondern im Arbeitszimmer – von Barucker und Christ bis zu Wodarg und Zentner. Auch Tom Lausen steht dort schon, ziemlich in der Mitte. Die Intensiv-Mafia, ein Gemeinschaftswerk mit Walter van Rossum, 2021 bei Rubikon erschienen. Das heißt: Hier spricht jemand, der von Anfang an nah dran war an den Dingen. Das neue Buch ist deshalb mehr als ein Enquete-Protokoll. Tom Lausen kann die Corona-Geschichte heute mit etwas Abstand erzählen. Und er kann vorhersagen, was auf uns zukommen dürfte, wenn die Kommission nicht das leistet, was er und mit ihm viele erwarten, die unter den Maßnahmen gelitten und vielleicht sogar Job, Gesundheit, Leben verloren haben.
Bild: 2022 im Bundestag (Foto: Gerd Eichmann, CC BY 4.0)
Der Reihe nach. Zur Enquete selbst muss ich nicht viel sagen. Das meiste von dem, was Tom Lausen zusammenträgt, kennen die, die sich für das Thema interessieren. Die Erinnerungslücken von Drosten und Co. Das Fehlen jeder Forschung und damit von Daten zu Kollateralschäden. Der Medienwürfel, der zwar im Saal hängt, aber nicht benutzt werden darf. Der RKI-Präsident, der die Kurven deshalb mit den Händen in die Luft malen muss. Anders Tegnell, der Anti-Drosten aus Schweden, der zwar eingeladen war, aber kurzfristig passen musste. Die Spahn-Aussage, dass es beim Impfen nie um Fremdschutz gegangen sei. Sein Nein zu Rehabilitierung im großen Stil. Der Missbilligungsantrag von Kay-Uwe Ziegler gegen Alena Buyx, weil Frau Professorin plötzlich nicht mehr im Namen des Ethikrats Druck auf den Impfzweifler Kimmich ausgeübt haben wollte.
Es ist gut, dass das alles jetzt auch zwischen zwei Buchdeckeln zu haben ist – ergänzt durch Einblicke in den Arbeitsalltag eines Gremiums, das um jedes Protokollwort feilscht, große Fragen (etwa: wie konnte „aus einer medizinischen Entscheidung ein staatlich organisierter Gehorsamstest werden“) in 20 verdauliche Häppchen teilt und so die Verantwortung im Klein-Klein von Parteikampf und Postenangst verschwinden lässt.
Mindestens genauso spannend ist die Corona-Chronologie, mit der Tom Lausen die wichtigste Schutzbehauptung der Corona-Täter aushebelt. Damals war keine Zeit? Wir mussten schnell entscheiden und wussten es nicht besser? Pustekuchen. Jens Spahn, seinerzeit Gesundheitsminister, wusste schon am 19. Januar 2020, dass er einen General braucht. Am 25. Februar 2020 traf der Minister seine EU-Kollegen in Rom und brachte ein Kampfwort mit nach Hause: Bergamo. Am 3. März 2020 beginnt an der Uni Erfurt die erste COSMO-Befragungswelle (Covid-19 Snapshot Monitoring), die von nun an regelmäßig ein Stimmungsbild einfängt. Zwei Tage später darf das RKI ein Modell nicht veröffentlichen. Am 12. März bekommen die Ministerpräsidenten stattdessen ein Worst-Case-Szenario und schließen die Schulen. Und am 15. März stuft das RKI das Risiko hoch – auf Weisung von, nun ja. Ein Protokoll gibt es dazu nicht. Tom Lausen:
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Reihenfolge: Zuerst liefen die politischen Maßnahmen an. Erst danach folgte die passende Risikostufe!
Ich zitiere gleich noch eine zweite Passage, weil sie einen Link setzt zu dem, was kommen könnte, und zugleich das methodische Fundament zerstört, auf das sich akademische Politikberatung im Moment stützt:
Das Modell sagt die Katastrophe voraus. Die Katastrophe rechtfertigt die Maßnahmen. Tritt sie nicht ein, haben die Maßnahmen sie verhindert. Tritt sie ein, hatte das Modell recht.
Und damit in die nahe Zukunft. Der Zug fährt in Richtung Zentralisierung – zumindest, wenn es nach Leuten wie Helge Braun geht, letzter Kanzleramtschef unter Merkel. Tom Lausen setzt dem eine Frage entgegen („Wollen Sie den Staat beim nächsten Mal handlungsfähiger machen – oder beweispflichtiger?“) und erinnert an die fünf Schritte der Macht, die alle Pandemiepläne zu Makulatur werden ließen:
Tom Lausen sagt nicht, dass es wieder so kommen wird. Er steckt Zeit und Energie in solche Kommissionen und muss vielleicht auch deshalb daran glauben, dass das etwas bewirkt. Sein stärkstes Argument steht gleich am Anfang: Wenn es gut läuft, kann so eine Enquete den Untersuchungsausschuss vorbereiten, ohne den es keinen inneren Frieden geben wird. Hier, in der Enquete, werden die Entscheider von einst zu Sachverständigen, die in lockerer Atmosphäre das Material liefern, das eines Tages hoffentlich Teil der Beweisaufnahme wird.
Tom Lausen, Ulrike Lausen: 5 Minuten gegen die Macht. Was über Corona ans Licht kommt – und was im Protokoll verschwinden soll. Neu-Isenburg: Westend 2026, 227 Seiten, 25 Euro.
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