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Medien-Tresen | 17.04.2026
Angepasste Literatur
Ein Interview von Lukas Rietzschel im Magazin Bücher mutet an wie ein Prüfungsgespräch, in dem der Schriftsteller seine Ideologietreue beweist.
Text: Eugen Zentner
 
 

Das Interesse an Literatur ist in den letzten Jahrzehnten deutlich abgeflacht. Als erster Indikator können Fachmagazine herangezogen werden. Im Bereich der Gegenöffentlichkeit findet man kein einziges, obwohl die Buchproduktion in diesem Segment seit der Corona-Krise stetig steigt. Aber selbst im Mainstream fällt das Angebot spärlich aus. Eines der wenigen Printmagazine ist Bücher aus dem Kieler falkmedia-Verlag. Wer die Zeitschrift aufblättert, merkt schon auf der ersten Seite den ideologischen Einschlag. „Liebe Leser*innen“, wird man im Editorial begrüßt.

In der aktuellen Ausgabe liegt der Fokus auf der Buchmesse in Leipzig, wo Jungautor Lukas Rietzschel „Sanditz“ präsentiert hatte, seinen mittlerweile dritten Roman. Für das Magazin Anlass für ein Interview. Im Editorial wird darauf verwiesen, dass sich auf der Gesprächsebene sofort spüren lasse, wie „politisch das Private“ heutzutage sei. Wer wollte da widersprechen?

Tatsächlich vermittelt das Gespräch mit Rietzschel einen Eindruck davon, wie politisch nicht nur das Privatleben, sondern auch der Literaturbetrieb ist – beziehungsweise wie ideologisch. Angesprochen auf den Titel seines Romans, der eine fiktive Stadt benennt, antwortet der Autor, dass er in den letzten Jahren „nicht nur positive Erfahrungen“ mit „konkreten Ortsnennungen“ gemacht habe. Was bitte schön ist so verwerflich an konkreten Ortsnennungen, fragt man sich, aber Rietzschel erinnert sogleich daran, dass wir in einer woken Ära leben:

Es weckt Befindlichkeiten bei Leuten, die meist die Bücher gar nicht lesen, sondern nur hören, worum es geht, und damit bereits in einer Anti-Haltung sind. Außerdem hängt sich Kritik gerne daran auf.

Ach ja, die Befindlichkeiten, die dürfen natürlich nicht geweckt werden – schon gar nicht negative. Und sind wir doch mal ehrlich: Schwingt nicht immer eine negative Wertung mit, wenn man auf irgendwelche Eigenschaften, wenn man auf irgendeine Herkunft oder eben auf irgendeinen konkreten Ort verweist? So jedenfalls das Mantra woker Sprachregler und mittlerweile Tausender Sensitivity Reader, die Verlage und Autoren kirre machen. Vermutlich liegt hier auch eine Erklärung dafür, warum das Interesse an Literatur in den letzten Jahren abgeflacht ist. Weil Autoren und Verlage verkrampft darauf achten, bloß keine Befindlichkeiten zu wecken und bloß keine Kritik auf sich ziehen, erscheint Jahr für Jahr eintönige, ideologisch konfektionierte Belletristik-Ware, die man nicht voneinander unterscheiden kann. Überall werden die immer gleichen Mainstream-Narrative aufgewärmt, so oft, dass sie die literarische Produktion lenken.

Dass auch Rietzschel konditioniert ist, beweist er im Gespräch mit dem Magazin überaus eindrücklich. In seinem Roman schlägt er einen Bogen von den 1980er Jahren in der DDR bis zur Corona-Krise. „Tatsächlich ist es so“, liefert die Interviewerin eine Steilvorlage, ohne eine Frage zu stellen, „dass zumindest das Selbstverständnis vieler Querdenker im Osten an die Zeit von 1989 anknüpft, also an den revolutionären Gedanken, an das Aufbegehren gegen ein System, das Macht missbräuchlich ausübt.“ Und Rietzschel verwandelt stilsicher im Jargon der Meinungswächter:

Absolut. Viele derer, die das heute proklamieren, waren damals nicht auf der Straße. Dafür gibt es belegbare Zahlen. Aber wie Sie schon sagen: Es gibt Ostdeutsche, die für sich quasi ein Widerstandsgen beanspruchen.

Man fragt sich, ob die „belegbaren Zahlen“ genauso real sind wie der titelgebende Ort seines Romans und ebenso ob der Autor auf der alternativen Buchmesse SeitenWechsel in Halle anwesend war. Vermutlich nicht! Denn dann wäre er vielen Menschen begegnet, die in persönlichen Gesprächen von ihren Erfahrungen mit der Stasi erzählten und Parallelen zur Corona-Politik und der daraus resultierenden Kultur des Überwachens, Denunzierens und Diffamierens zogen.

Dann meldet sich die Interviewerin mit einem weiteren wichtigen woken Thema zu Wort, allerdings wieder nicht mit einer Frage, sondern mit einem Zwitter aus Aussage und Vermutung: „Alle Figuren arbeiten sich an Zuschreibungen von Männlichkeit ab, scheitern aber teilweise daran“, stellt sie fest, um dann suggestiv den nächsten Beitrag Rietzschels einzuleiten: „Das scheint ein wichtiges Thema für Sie zu sein.“ Nicht nur für ihn, möchte man hinzufügen, sondern für das ganze politmediale Establishment, das sich auch im Literaturbetrieb festgesetzt und seine woke Ideologie in alle Köpfe eingeimpft hat. Und Rietzschel gibt es in geradezu freudscher Manier zu: „Vielleicht unbewusst“, sagt er und erkennt wohl selbst die Wirkmacht ständig wiederholter Woke-Narrative. Mehr Selbstentlarvung geht nicht.

Bildbeschreibung

Dass der junge Autor die herrschende Meinung auch wirklich in allen Facetten verinnerlicht hat, demonstriert er nach der nächsten Frage – quasi wie zum Prüfungsabschluss. In seinem Roman gibt es eine Figur namens Tom, die einen Hilfstransport in die Ukraine organisiert und schließlich in einer Söldnertruppe gegen die „russischen Invasoren“ kämpft, fasst die Interviewerin zusammen und fragt schließlich Rietzschel, wie er dafür recherchiert habe. Der Autor beschreibt eine Reise in die Ukraine und vergisst nicht zu erwähnen, dass er sich sogar in „Frontnähe“ aufhielt. „Ich war vorher vehementer Unterstützer der Selbstverteidigung der Ukraine und bin es noch mehr geworden“, lautet sein Statement, mit dem er die Prüfung mit Bravour bestanden haben dürfte.

Alles, was ich tun kann, ist es, aufzuschreiben und zu hoffen, dass endlich genügend Waffen zur Verfügung stehen, dass die Russen zurückgeschlagen werden.

Puh!

Die anderen Beiträge im Magazin gehen in die gleiche Richtung. Glücklicherweise gibt es Gegentendenzen. Neben der Buchmesse SeitenWechsel hat sich mittlerweile unter dem Namen Prometheus ein alternatives Literatur-Netzwerk gegründet. Hier kommen Autoren, Verlage, Lektoren und Veranstalter zusammen, die jenen ideologischen Anforderungen nicht genügen und deshalb weder von den Magazinen noch von anderen Akteuren des Literatur-Mainstreams beachtet werden. Gründer Nero Campanella hat sich zum Ziel gesetzt, unterdrückte und geschmähte Autoren und Texte sichtbarer zu machen. Belletristische Werke sollen nicht mehr nach politischen und ideologischen Kriterien beurteilt werden, sondern nach der literarischen Qualität.

Campanella hat viel vor: Er versucht über Crowdfunding-Kampagnen einen Fonds aufzubauen, um literarische Widerständigkeit zu fördern. Aus ihm sollen ein Literaturpreis finanziert werden sowie Anthologien und themenbezogene Veranstaltungen. Was ebenfalls auf der Wunschliste steht, ist eine Fachzeitschrift. Eine solche braucht es unbedingt, nicht nur weil es mittlerweile viele widerständige und unangepasste Belletrikstik-Werke gibt, sondern damit auch die mediale Vielfalt wächst, insbesondere im Segment der Literatur. Vielleicht steigt dann auch wieder das Interesse an ihr.

Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler. Medien-Tresen

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Bildquellen: Lukas Rietzschel am 21. Oktober 2021 auf der Frankfurter Buchmesse (Titelfoto: Smalltown Boy, CC0)