Als ich heute im Supermarkt an der Kasse stand, musste ich an die Seminare der Freien Akademie für Medien & Journalismus denken. Sie empfehlen immer wieder, aus dem Haus zu gehen, vom Leben und den Leuten da draußen zu berichten, anstatt Wiedergekäutes aus dem Internet zu erbrechen.
Es war die Kassiererin, die mit ihrem zerknirschten Gesichtsausdruck meine Aufmerksamkeit in den Bann gezogen hatte. Als ich nach einigen Minuten Wartezeit in der Schlange an der Reihe war, blickte sie kurz auf, grüßte mich, und mir entwich eine spontane Bemerkung. Ohne mir groß Gedanken zu machen, sagte ich zu ihr, dass sie wohl froh sei, wenn sie Feierabend hätte. Ihr Gesicht hellte sich auf, und sie erwiderte freundlich, dass sie Kopfschmerzen habe und acht Stunden lang dieses blöde Gepiepse vom Scanner ertragen müsse. Bei jedem Produkt, das sie über den Scanner schiebt, ertönt ein schriller lauter Ton. Ich sagte noch, ich würde verrückt werden, wenn ich das den ganzen Tag ertragen müsste, wünschte ihr einen erholsamen Feierabend und verabschiedete mich.
Zwar bin ich heute nicht zum LIDL gepilgert, um eine Feldstudie zu betreiben. Aber diese kurze Begebenheit hat mich dazu veranlasst, ein wenig über die negativen Auswirkungen der Scanner-Pieptöne zu recherchieren. Mich hatten schon die paar Minuten, die ich an der Kasse stand und diese akustische Belästigung ertragen musste, ausreichend gestresst. Wie mag es wohl den Menschen ergehen, die das den ganzen Tag hinnehmen müssen?
Tatsächlich belegen Studien, dass mehrere tausend wiederkehrende tonhaltige Signale eine erhebliche Belastung für die Gesundheit sein können. Nicht die Lautstärke allein ist das Problem. Ein kurzer hoher Piepton kann auch bei relativ niedrigem Schallpegel belastend sein. Jeder dieser Töne ist ein neues akustisches Ereignis, auf das unser Gehirn reagiert. Lärm kann das zentrale und vegetative Nervensystem aktivieren und zu einer Stresshormonausschüttung führen. Eine erhöhte Herzfrequenz sowie Bluthochdruck können die Folge sein.
In entsprechenden Studien wird zwischen auralen Wirkungen (direkte Schädigung des Gehörs) und extra-auralen Wirkungen unterschieden. Gerade bei tonalen, wiederkehrenden Signalen können Reizbarkeit, Stress, Ermüdung und Konzentrationsprobleme auftreten, ohne dass der Schallpegel hoch genug wäre, um das Gehör zu schädigen. Entscheidend ist bei alldem die Gesamtexposition.
Ein kleines Rechenbeispiel mag verdeutlichen, wie vielen Pieptönen eine Kassiererin an einem achtstündigen Arbeitstag ausgesetzt ist. Bei beispielsweise 15 bis 25 gescannten Artikeln pro Minute wären das 900 bis 1.500 Pieptöne pro Stunde. Bei durchgehendem Scannen über acht Stunden hinweg summiert sich das auf 7.000 bis 12.000 Pieptöne. Man kann sich vorstellen, dass ein Scanner, der unmittelbar neben dem Kopf piept und dies tausende Male pro Schicht tut, bei den betroffenen Personen nicht nur Kopfschmerzen und andere körperliche Symptome auslöst, sondern darüber hinaus auch jedwedes reflexive Denken unmöglich macht.
Ich frage mich: Würde ein kaum hörbares und wohlklingendes Signal nicht ausreichen? Will man die Menschen absichtlich ihres Verstandes berauben? Solange Personen derartig stupide Tätigkeiten ausführen müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, bleibt das Ideal vom mündigen Bürger eine Illusion. Wer aufgrund einer monotonen und intellektuell anspruchslosen Tätigkeit nach einem langen Arbeitstag dermaßen geschafft ist, dass am Abend zur Entspannung nur noch Alkohol und Fernsehen dient, ist sicherlich nicht in der Lage, die vielfältigen Manipulationsbestrebungen via Werbung und Nachrichten zu durchschauen. Zu einem mündigen Bürger kann sich nur derjenige entwickeln, der den Kopf frei und Zeit zur Verfügung hat, sich mit den Machtstrukturen unserer Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen. Wohl dem, der ökonomisch unabhängig ist!
Staat und Bürger, Politiker und Wähler, Machthabende und Machtunterworfene, Elite und Pöbel, Arbeitgeber und Arbeitnehmer … Lässt sich an diesen konstitutiven Bedingungsverhältnissen unserer Gesellschaft jemals etwas ändern? Die enervierenden Pieptöne an der Kasse haben mich daran erinnert, wie aussichtslos die Lage ist. Demokratie bleibt eine Utopie.
Donar Rau hat mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht.
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