Filmserien gelten bei Gebildeten meist als Unterhaltungsmüll für die Unterschicht. Sex, Crime, Action. Auf grob geschätzt 80 Prozent der vorwiegend US-amerikanischen Produktionen trifft diese Einschätzung sicherlich zu. Aber so wie es Perlen im aktuellen Kinoprogramm gibt, findet der geduldig Suchende und Vorkoster auch immer wieder Qualitätsware bei Netflix, Prime, Apple TV, Panasonic und anderen Anbietern. Kann sich die Handlung Zeit lassen und in (Un-)Tiefen gelangen, erzählt so manche Serie eindrücklicher von den Zuständen in der Welt und über die Verhaltensweisen von Menschen unter bestimmten Bedingungen, als es die tiefgründigste Sozialstudie oder die umfangreichste akademische Gesellschaftsanalyse vermag (zumal wenn sie im Soziologen-Latein verfaßt ist).
Die US-Serie Yellowstone ist solch ein Filmereignis. Sie greift Momente des klassischen Western auf und läßt sie auf die neue Form des Kapitalismus, also auf den gegenwärtigen (fast schon überholten) Neoliberalismus, treffen, ja prallen.
Bild: Am Yellowstone-Set, Staffel 4, 2020 (Foto: Martina Nolte, CC BY 3.0)
Der Western als literarische und kinematographische Kunstform hat eine lange Tradition. Allein die Liste der europäischen Filme dieses Genres scheint endlos zu sein, beginnend mit einem britischen Stummfilm im Jahre 1899 und einstweilen endend mit dem deutschen Film Das Kanu des Manitu aus dem Jahr 2025. Auch die DDR und Westdeutschland steuerten ein paar Filme bei, vor allem Verfilmungen von deutschsprachigen Indianer- und Cowboy-Romanen (Karl May, Elisabeth Welskopf-Henrich). In den 1960er und 1970er Jahren brachte die ARD zwei US-Fernsehserien zu den Deutschen, die in Ost und West beliebt waren (Rauchende Colts und Am Fuße der blauen Berge). Italienische Western haben seit den 1960ern allerdings den Hauptanteil in Europa, wobei im Zuge der Europäisierung der Themen und Konstellationen meist die ernsthafte amerikanische Wurzel gekappt wurde und häufig Komödien und Satiren das Ergebnis waren: reine, grobsinnliche Unterhaltung ohne Erkenntniswert. US-amerikanische Western waren und sind am zahlreichsten und erleben derzeit sogar eine Renaissance.
Und dies aus gutem Grund: Als 2018 bis 2024 die Serie Yellowstone gesendet wurde, wandelten sich die US-Innen- und Außenpolitik unter Donald Trump und Joe Biden und konnten dennoch am ökonomischen Abstieg der Nation nichts ändern. Ehemalige Industriestädte verkamen, die Zahl der Jobnomaden, Drogensüchtigen und Armen im Land stieg unaufhörlich, und die gesamte politische Klasse verlor das Vertrauen eines großen Teiles der Bevölkerung und erschien als korrupt und unanständig reich. Da kommen Filme, die an den Mythos der Eroberung des Wilden Westens anknüpfen, gerade recht. Es geht erneut um Freiheit, ihre Eroberung oder Bewahrung. Es geht um den Übergang zwischen Zivilisation und Natur. Es geht um den Staat und seine übergriffigen und bürokratischen Entscheidungen und Verfügungen. Es geht um die – offenbar unhintergehbare – Macht des Geldes. Und es geht um das „Spannungsfeld zwischen dem Faustrecht einerseits und dem es ablösenden Prinzip des staatlichen Rechts als Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft andererseits“ (Wikipedia).
In Yellowstone spielen indigene Indianer und ihr Territorium, das von einem Erlebnispark (Flughafen, Shopping-Mall, Casino, Eigentumswohnungen) des Big Business verdrängt werden soll, eine wichtige Rolle. Im Zentrum steht eine Ranch in Montana, die von den Großeltern des Besitzers John Dutton (Kevin Costner) erworben und bebaut wurde und über ein riesiges Areal an Grund und Boden verfügt, das ursprünglich und wild bleiben soll, wenn es nach Dutton und den Indianern geht. Dies beschert dem Zuschauer betörende Naturtotalen. Wir haben die Bösen und die Guten – zumindest zunächst.
Im Laufe der Handlung erweist sich das vordergründig ökologisch vorbildliche Motiv, das Land auf ewig so erhalten zu wollen, wie es war und noch ist, und seinen Familienbesitz zu bewahren, allerdings als anachronistisch und ambivalent. Der Pater familias herrscht mit Herz und Verstand. Er achtet seine zahlreichen Cowboys und unterstützt sie, wenn sie Hilfe benötigen. Aber er ist eben auch ein „richtiger Mann“, im Grunde ein Macho-Patriarch, der immer seinen Kopf, auch gegen Familienmitglieder, durchsetzen will und dem zur Erfüllung seiner selbstgestellten Aufgabe, das Land, so wie es ist, in die Hände seiner drei Kinder zu legen, jedes Mittel recht ist. Seinen Cowboys läßt er das Ranch-Signet aufbrennen, als seien es Kühe. Er wird gesiezt und mit „Sir“ angesprochen, während die Duttons jedermann duzen. Und wer sie verlassen will oder verrät, was innerfamiliär gedacht und getan wird, wird ermordet und in eine Schlucht an der Grenze zum benachbarten Bundesstaat Idaho geworfen – und zwar auf einen Code-Befehl John Duttons:
Bring ihn zum Zug!
Trotzdem gehört ihm des Publikums Sympathie. Und diese Wirkung läßt sich nicht mit der neopuritanischen Wokeness und Political correctness unter einen Hut bringen. Auch seine Tochter Beth ist ein Sturkopf. Sie ist eine emanzipierte, attraktive, aber skrupellose Frau, die mit allen Wassern gewaschen und deren Weg ebenfalls von Leichen gepflastert ist. Nach deutschen Maßstäben würden mindestens 50 Prozent der Ranchbewohner als alkoholkrank geführt, allen voran Beth, die sich bereits vormittags „einen Drink“ genehmigt.
Bild: Beth-Darstellerin Kelly Reilly 2013 (Foto: Georges Biard, CC BY-SA 3.0)
Einmal mehr wird in dieser Serie der amerikanische Mythos beschworen, dem eine Werteskala innewohnt: alles für die Freiheit des Einzelnen. Rechtschaffenheit, Anstand, Familiarität, Achtung vor der Kreatur, Ehre und Würde, die zur Not mit Waffen erkämpft werden müssen. Mord und Totschlag gelten als zu akzeptierende Kollateralschäden. Der Stärkere und moralisch Anspruchsvollere, der Selfmade-Man soll gewinnen. Das strenge juristische Korsett mit seinem Wahn, alles zu regeln, muß hin und wieder der Anarchie weichen. Und der jeweilige Häuptling entscheidet, wann ein Umstand so zu interpretieren ist. Im Grunde ein konservativ-libertärer Standpunkt, wenn man die Morde beiseite läßt, die in dieser Kultur scheinbar unvermeidlich sind. Selbstjustiz ist die logische Konsequenz libertären Denkens.
Als Europäer versteht man nun besser, warum ein windiger Patron wie Donald Trump zweimal zum Präsidenten gewählt wurde. Sein antietatistischer Furor sprach vielen Menschen, insbesondere in den Flächenstaaten, aus der Seele – auch in Europa. Daß er inzwischen die Politik umsetzt, die das Großkapital von ihm wünscht, enttäuscht seine Wähler massenweise.
Weil die Reaktion des Serienpublikums euphorisch war, wird derzeit an einer Fortsetzung der bislang mit fünf Staffeln in sich geschlossenen Serie gearbeitet, deren Beginn bereits bei Paramount+ zu sehen ist: Dutton Ranch und Marshals. Hoffentlich ist das hohe Niveau der Mutterserie zu halten!
Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.
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