Der 11. September 2001 hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Ich weiß noch, wo ich war und was ich an diesem Tag tat. Ich hatte Spätschicht, als mich meine Frau anrief und mir von den Ereignissen erzählte. Einen Fernseher hatten wir auf der Arbeit nicht und das Internet gab solche Bilder damals nur sehr vereinfacht her. So gehörte ich zu denen, die erst spät nach Hause kamen und das Ganze dann in Endlosschleife über den Bildschirm laufen sahen. Bei RTL moderierte, so wie ich es in Erinnerung habe, Peter Kloeppel, und der Sender verzichtete tagelang auf Werbung, weil sie ihm angesichts der Ereignisse unangemessen schien.
Screenshot aus dem Gespräch, Teil 1
Genauso fassungslos wie die Bilder machte mich etwas anderes: dass schon nach wenigen Stunden Namen mutmaßlicher Täter genannt wurden. Warum ging das so schnell, fragte ich mich, und wer hatte womöglich weggesehen, falls es anders war? Ich war nicht der Einzige mit solchen Fragen. Gerhard Wisnewski gehörte damals zu den Ersten, die sie öffentlich stellten. Fünfundzwanzig Jahre später stellt er sie immer noch. Anlass ist die Neuausgabe seines Buches „Operation 9/11”. Auf das zweiteilige Gespräch, das er mit seinem Sohn darüber führt, bin ich auf YouTube gestoßen. Und je länger man zuhört, desto mehr verschiebt sich die Frage: weg von der, ob Wisnewski recht hat, hin zu der, warum das Fragen selbst als Vergehen gilt.
In diesem Gespräch steht zwischen Vater und Sohn ein Stück Pappe. Zwei schwarze Quader, davor eine silbern bemalte Spielzeugmaschine, der zweite Einschlag, nachgebaut vom Sohn, als er noch ein Kind war. Das Kind hat es dem Vater geschenkt, damals, als am Küchentisch nur von Türmen, Flugbahnen und Sprengstoff die Rede war. Über zwanzig Jahre hat die Familie das Modell aufbewahrt. Jetzt sitzt derselbe Sohn, erwachsen, dem Vater zum Interview gegenüber. Ein Sinnbild dafür, wie tief sich ein einziger Tag in ein Leben graben kann. Nicht nur in ihres.
Screenshot aus dem Gespräch, Teil 1
Gerhard Wisnewski ist Journalist und Sachbuch- und Filmautor, mit dem Etikett „Verschwörungstheoretiker“ versehen, das ihm spätestens der Spiegel mit der Titelgeschichte „Verschwörung 11. September – Wie Konspirations-Fanatiker die Wirklichkeit auf den Kopf stellen“ (Nummer 37, 8. September 2003) anheftete und das er als Kampfbegriff zurückweist. Der Sohn, der wie der Vater Gerhard heißt und inzwischen selbst Journalist ist, nähert sich dem Thema mit eigenen Fragen, Perspektiven und Recherchen. Aus ihrem Gespräch wird die Chronik eines Mannes, der sich früh und laut gegen die offizielle Darstellung stellte und dessen berufliche Laufbahn im Mainstream danach endete.
Wisnewskis Misstrauen begann nicht nach langer Recherche, sondern sofort. Am 12. September 2001 sagte er im Radio, bei MDR Info, ein Tatort dieser Größe lasse sich nicht in Stunden aufklären und ein Täter nicht seriös in Stunden benennen. Dass Wisnewski so schnell so sicher fragte, hatte eine Vorgeschichte. 1992 veröffentlichte er mit Kollegen das Buch Das RAF-Phantom und fragte dort nach den Beweisen für eine dritte RAF-Generation. Die Frage nach den Beweisen ist sein Grundmuster – und er legt es von einem Fall auf den nächsten.
2003 reiste Wisnewski mit Willy Brunner, seinem Kollegen und Mitautor beim WDR, in die USA. Beide fuhren ohne Presseausweis, um ungehindert filmen zu können, in einer Zeit, in der über Einreiseprobleme von Journalisten berichtet wurde. Für den WDR entstand so die Dokumentation „Aktenzeichen 11.9. ungelöst“. Sie wurde am 20. Juni 2003 gesendet und erreichte rund 770.000 Zuschauer, Marktanteil 4,8 Prozent und damit fast das Doppelte des auf diesem Sendeplatz Üblichen. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeit meldete im Sommer 2003, dass 19 Prozent der Deutschen einen inszenierten Anschlag zumindest für möglich hielten.
Dann drehte sich der Wind. Im Spätsommer 2003 kam der Gegenschlag der etablierten Medien. Die Spiegel-Titelgeschichte, Beiträge bei Panorama und die WDR-Sendung „Täuschung oder Wahrheit“, in denen Wisnewskis Thesen als absurd zurückgewiesen wurden. Kurz darauf endete seine Zusammenarbeit mit dem Sender, auch die mit Brunner: Der WDR sah Mängel in Sachen journalistische Sorgfalt, die Autoren wiesen das zurück. Aber der Ruf war geschädigt – aus dem gefragten Autor wurde binnen Wochen ein Ausgestoßener.
Am schärfsten entzündete sich der Streit an einem Satz: Nahe der Absturzstelle von Flug 93 filmte Wisnewski im März 2003 den Bürgermeister Ernie Stull. „There was no airplane”, sagte Stull. Der Spiegel warf Wisnewski vor, aus einer beiläufigen Bemerkung eine Sensation gemacht zu haben. Stull selbst widersprach der Deutung: Seine Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, er habe nicht bestreiten wollen, dass ein Flugzeug abstürzte, sondern gemeint, nach der Explosion sei kaum etwas übrig geblieben; er sprach von Wrackteilen, darunter einem Triebwerk. Wisnewski hält dagegen, er habe dreimal nachgefragt, und verweist auf eine andere Aussage Stulls im Film. Bemerkenswert ist die rechtliche Tragweite der Wortwahl, auf die er selbst hinweist: Das Blatt schrieb, er habe sich „am Rande der Fälschung“ bewegt, nicht, er habe gefälscht. Diese Formulierung, so Wisnewski, habe eine Klage aussichtslos gemacht. Wer hier wen wie zitiert hat, bleibt am Ende Aussage gegen Aussage.
Wisnewskis stärkstes Argument ist kein Verdacht, sondern ein Papier: Operation Northwoods, 1962 als Vorschlag der Vereinigten Stabschefs (Joint Chiefs of Staff) entworfen, aber nie ausgeführt, 1997 im Zuge der Freigabe der Kennedy-Akten veröffentlicht. Darin ist ernsthaft geplant, Zwischenfälle mit fingierten Opfern und falschen Identitäten zu inszenieren, um einen Kriegsgrund gegen Kuba zu schaffen. Die Kennedy-Regierung wies den Plan zurück. Für Wisnewski ist das die Blaupause.
An einem Punkt des Gesprächs geschieht etwas. Der Sohn fragt, ob in New York womöglich gar keine Flugzeuge geflogen seien. Hologramme, Raketen, nachträglich montierte Bilder: So lautet die These der sogenannten No-Planer, die bestreiten, dass überhaupt Maschinen einschlugen. Wisnewski, der nach eigener Logik alles bezweifeln dürfte, bremst. Nein, sagt er. Seiner Meinung nach seien echte Maschinen geflogen. Er begründet es: Dutzende Zufallsvideos. Der aufgezeichnete Radarweg, mit dem jede eingefügte Fälschung übereinstimmen müsste. Die durchgebogenen Tragflächen des zweiten Fliegers, ein Detail, das ein Grafiker kaum bedacht hätte. Wer die Szene kennt, der weiß, wie selten dieser Satz ist. Dort gilt der radikalere Verdacht meist als der mutigere. Wisnewski geht den umgekehrten Weg. Er misstraut auch der eigenen Seite. Dass „Operation Northwoods“ einmal existierte, beweist für ihn nicht, dass ein solcher Plan 2001 ausgeführt wurde. Aber über den Schritt vom „so wurde gedacht“ zum „so ist es geschehen“ darf jeder nachdenken.
Auch das Gespräch selbst ist geschlossen. Vater und Sohn bestätigen einander, Gegenstimmen kommen fast nur als kurzes Zitat vor, das sofort widerlegt wird. Wer Wisnewskis Methode ernst nimmt, wird sie deshalb auch gegen ihn selbst wenden. Vermutlich würde ihm das gefallen. Er stellt lieber eine unplausible Frage weniger, als eine Behauptung zu viel aufzustellen. Wisnewski nennt Quellen, er unterscheidet zwischen belegt und vermutet, und er verwirft konsequent, was er nicht halten kann. Man muss seine Schlüsse nicht teilen. Man kann trotzdem sehen, wie er dahin kommt.
Wenn ich die Bilder der Maschinen sehe, die mit voller Wucht in die Hochhäuser rasen, sträubt sich alles gegen den Gedanken, den Wisnewski für möglich hält: dass diese Flugzeuge in einem anderen Auftrag unterwegs gewesen sein könnten, als die offiziellen Stellen es darstellen. Belegt ist das nicht. Und doch erinnere ich mich an jenen alten kriminalistischen Grundsatz:
Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrigbleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich es auch klingen mag.
Der Satz stammt von Sherlock Holmes, der Romanfigur von Sir Arthur Conan Doyle, ersonnen vor mehr als 130 Jahren. Ob das Unmögliche hier wirklich ausgeschlossen ist?
Vielleicht ist das die eigentliche Erbschaft dieses Tages: Die Frage, wie aus einem einzigen Tag über zwei Jahrzehnte Krieg, Angst und staatliche Überwachung entstehen konnten, die ohne den 11. September als Begründung nicht möglich gewesen wären, und wem das genützt hat. Und die bittere Erkenntnis, dass das Fragen selbst als das eigentliche Verbrechen gilt.
Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.
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