78266cdc5cb6205f31d2e639d6717ecc
Analyse | 12.05.2026
Was Sandmann nicht sieht
Die Debatte um den Corona-Widerstand geht weiter. Unsere Autoren fragen nach Inszenierung und Unterwanderung und plädieren für die Arbeit vor Ort.
Text: Beate Strehlitz und Dieter Korbely
 
 

Daniel Sandmann legt in seinem Artikel „Weiße Sneakers“ dar, warum der Coronawiderstand aus seiner Sicht eine Fehlkonstruktion durch innere Einflüsse war. Ohne den Inhalt im Einzelnen zu diskutieren, wollen wir hier ergänzend unsere Beobachtungen von äußeren Einflüssen auf die Widerstandsbewegung beschreiben.

Sandmann scheint aus einer Außen-Perspektive geschrieben zu haben. Er meint, der Coronawiderstand sei nur von den Protagonisten auf den Bühnen getragen worden. Und da diese immer noch „dem System“ anhängen, was die weißen Sneaker von Daniele Ganser zeigten, sei die Urkonstruktion falsch und der Widerstand folglich unwirksam. Man wird der Widerstandsbewegung aber nicht gerecht, wenn man nur den sichtbaren Protagonisten eine Wirkung zuschreibt – und sei es eine negative. Denn die maßnahmenkritische Bewegung wurde zum größten Teil von den Menschen auf der Straße getragen. Ein Systemwechsel war nie ihr Ziel. Dazu waren die Akteure viel zu verschieden in ihren Interessen und Ansichten. Der kleinste gemeinsame Nenner war die Wiederherstellung der Grundrechte. Den großen Berliner Demonstrationen schreibt er ab, eine politische Kraft gewesen zu sein. Wir sehen das anders. Denn gerade diese beiden Veranstaltungen haben bildlich veranschaulicht, wie groß die Masse der Maßnahmenkritiker war. Allerdings haben wir bereits frühzeitig Einflüsse auf die Widerstandsbewegung wahrgenommen, die von außen kamen. Solche äußeren Einflüsse betrachtet Sandmann in seinem Text nicht.

Wir gehörten zu den vielen regional und überregional Aktiven, die sich in dezentralen Strukturen organisiert hatten und beizeiten ein Agieren unter dem Radar angestrebt haben. Wir waren 2020 bis 2022 in die Organisation sehr vieler Demos eingebunden, insbesondere auch bei den großen Umzügen im August 2020 in Berlin. Eine Reihe merkwürdiger Ereignisse und Personen, die wir kennenlernten, ließen schon relativ früh die Frage aufkommen, wieviel kontrollierte Opposition in der Widerstandsbewegung steckte. Unsere Erfahrung aus der DDR hat uns dafür mit feinen Antennen ausgestattet. Heute fragen wir uns, inwieweit sich ehrlicher Widerstand überhaupt gegen die kontrollierte Opposition durchsetzen kann. Hätte man mehr erreichen können, wenn der Einfluss von Diensten, Behörden und Medien besser erkannt und enttarnt worden wäre? Oder wäre der Widerstand dann noch mehr bekämpft worden? Könnte es sein, dass die Widerstandsbewegung derart gut unterwandert und zerstritten wurde, dass deshalb heute keine kraftvolle Friedensbewegung in Gang kommt?

Bildbeschreibung Bild: Friedrichstraße in Berlin, 29. August 2020 (Foto: Christian Günther)

Die Inszenierung einer rechten und gewaltbereiten Bewegung

Die Diffamierung der Coronamaßnahmen-Widerstandsbewegung als „rechts“ war sehr leicht möglich geworden, als von außen bestimmte Themen hereingetragen wurden, die gar nichts mit dem Coronathema zu tun hatten. So tauchten schnell Personen mit einer Nähe zu 1871ern, Reichsbürgern und Q-Anon in der Bewegung auf. Auf den Demos wurden Reichskriegsflaggen gezeigt, und die Mainstream-Medien stürzten sich auf diese Bilder. Mehr als einmal wurde beobachtet, dass die Flaggen entrollt wurden, wenn Fernsehteams in der Nähe waren, und wieder eingepackt, sobald die Bilder im Kasten waren. Dazu kamen die Frage eines Friedensvertrags für Deutschland, Briefe an Trump und Putin und Übergaben in Botschaften mit der Bitte um Hilfe. Vorläufiger Höhepunkt solcher Aktionen war der sogenannte Sturm auf den Reichstag am 29. August 2020. Aya Velázquez hat die Aktion als Psy-Op entlarvt. Die Medien waren eingebunden – und das Framing der Coronamaßnahmen-Widerstandsbewegung als „rechts“ endgültig gelungen.

Wie die Titulierung der Demo-Teilnehmer als „gewaltbereit“ zustande kam, konnte ein befreundeter Video-Filmer auf einer großen Demo in Dresden am 13. März 2021 zeigen. Bei der Sichtung seines Films fand er wie im Drehbuch die Aktionen eines Agent Provocateur. Unser Freund hatte den Zug längere Zeit an einer bestimmten Stelle gefilmt. Dabei fiel ihm eine Person im roten Shirt auf, die offensichtlich nicht zu den Demonstranten gehörte und Polizisten körperlich provozierte. Ein Reporter machte lautstark auf die Situation aufmerksam. Die Polizisten griffen ein, behandelten die Person jedoch bei genauerem Hinsehen relativ sanft. Ganz anders, als normale Demonstranten in dieser Zeit oftmals durch Polizisten behandelt wurden. Die gleiche Szene mit der gleichen Person im roten Shirt spielte sich kurze Zeit später noch einmal ab. Mitspieler waren der Provokateur im roten Shirt, der Reporter und die Polizisten. Ähnliche Vorkommnisse wurden auf vielen Demos beobachtet.

Bildbeschreibung Bild: Straße des 17. Juni in Berlin, 29. August 2020 (Foto: Christian Günther)

Auch die Planung von Demos wurde beeinflusst. Mehrmals erlebten wir, dass die Route im Kooperationsgespräch so modifiziert wurde, dass eine Einkesselung der Demonstranten einfacher wurde. Das Kooperationsgespräch findet zwischen Demo-Anmelder, Polizei und Ordnungsamt vor der Veranstaltung statt. So sah die Planung des Umzugs für den 29. August 2020 in Berlin, die entgegen der Berichterstattung nicht von Michael Ballweg und seinem Team durchgeführt worden war, als Startpunkt die Straße des 17. Juni vor. Im Kooperationsgespräch, an dem der Planer nicht beteiligt war, wurde der Startpunkt jedoch in die Friedrichstraße nahe der Kreuzung Oranienburger Straße verlegt. Somit konnten Wasserwerfer auf der Oranienburger Straße platziert werden. Hinterher wurde klar, dass von vornherein von der Gegenseite vorgesehen war, den Zug nicht starten zu lassen. Die Wasserwerfer hätten das verhindert, falls sich jemand den Anordnungen widersetzt hätte. Von hinten wurden ankommende Demonstranten in die Friedrichstraße geleitet. Gleichzeitig wurden alle Seitenstraßen geschlossen. Diese Falle wäre nicht entstanden, wenn der Startpunkt wie geplant in der Straße des 17. Juni gelegen hätte, denn dort gibt es ausreichend offene Fluchtwege. Nach einer längeren Sitz-Blockade versuchten die Menschen dann, zur Siegessäule zu kommen, wo inzwischen die von Ballweg und Team organisierte Kundgebung begann. Auf dem Weg tauchten Personen auf, die versuchten, die Menschen zum Reichstag zu schicken, wo sich dann das oben geschilderte Schauspiel abspielte.

Bildbeschreibung Bild: Friedrichstraße in Berlin am 29. August 2020 um 13:20 Uhr (Foto: Geoprofi Lars, CC BY-SA 4.0)

Alles begann mit einer Legende

Michael Ballweg ist die wohl prominenteste Person des Coronawiderstands. Angesichts seiner langen und ungerechtfertigten Haft ist er eigentlich unangreifbar hinsichtlich des Vorwurfs der Einflussnahme von außen. Wir haben keine Beweise für solche Tatsachen, wohl aber Wahrnehmungen, die uns seit Jahren zweifeln lassen. Ballweg erschien bei seinen ersten Auftritten mit einem Rucksack auf der Bühne und erklärte jeweils, dass er seine Firma verkauft hätte und eigentlich in diesem Jahr (2020) mit seinem Sohn eine Weltreise machen wollte. Aber nun halte ihn die Pandemie davon ab und er fühle sich berufen, gegen die harten Maßnahmen in den Widerstand zu gehen. Als DDR-Bürger, der in jungen Jahren Anwerbeversuche der Stasi abgewehrt hat, wittert man hier eine „Legende“. So bezeichnete die Stasi Tarnungen, die ihre Mitarbeiter anlegten, um unerkannt geheimdienstlich ermitteln zu können. Videos mit Sequenzen, die Ballweg bei der Vorstellung mit seinem Rucksack zeigen, haben wir heute im Internet nicht mehr finden können. Aus der Erzählung über den Verkauf der Firma wurde später der Verkauf einer Software und aus der Weltreise ein Sabbatical.

Bei den Veranstaltungen am 29. August 2020 in Berlin machten uns mehrere Details stutzig. Wir hatten Weggefährten von Ballweg kennengelernt, unter anderen die vorher für Sicherheit verantwortliche Person, die schon nach wenigen Monaten aus dem Team ausgeschieden waren. Sie erzählten von der Unterdrückung abweichender Meinungen, was der nach außen zur Schau getragenen Friedfertigkeit überhaupt nicht entsprach. Wir wissen auch vom Eingriff Ballwegs in die Orga-Teams anderer Städte, wo ehrliche und aufrichtige Unterstützer rausgeschmissen und andere Leute gefördert wurden.

Für den Umzug am 29. August 2020 hatten eine Reihe von Initiativen Lkws vorbereitet und geschmückt, die im Demozug mitfahren sollten. Sie mussten wegen der Blockade des Umzugs stehen bleiben, und die Organisatoren blieben auf den Kosten sitzen. Obwohl an der Bühne der Kundgebung Unmengen an Spendengeldern eingenommen wurden (Augenzeugen sprachen von säckeweise Geld), erhielten sie nichts davon. Sie wurden mit einer Klage gegen die Stadt Berlin vertröstet, die aber – wie eigentlich von vornherein klar war – abgelehnt worden ist. Merkwürdig kam uns auch das Franchise-System um die Marke „Querdenken“ vor. Während die Arbeit vieler Organisatoren unentgeltlich erfolgte, flossen hier erhebliche Summen.

Bildbeschreibung Bild: Michael Ballweg am 13. Juni 2020 in Ulm (Foto: Wald-Burger8, CC BY-SA 4.0)

Immensen Schaden verursachte das Geheimtreffen mit dem selbsternannten „König von Deutschland“, Peter Fitzek, am 15. November 2020 in Saalfeld. Aya Velázquez hat auch dieses skurrile Vorkommnis analysiert. Allerdings musste sie eine Unterlassungserklärung unterzeichnen und eine Strafe dafür zahlen, dass sie Ballweg und andere als V-Männer bezeichnete. Daher tun wir das hier ausdrücklich nicht. Wir wissen nicht, was wirklich dahintersteckte. Wir schreiben hier nur die seit Jahren in uns nagenden Zweifel auf. Denn der Einfluss der kontrollierten Opposition war für uns, die wir ehrlichen Herzens regional und überregional in der Demo-Organisation aktiv waren, zwar spür-, aber nicht greifbar. Wir haben uns auf unseren Instinkt verlassen. Dadurch haben wir uns zum Beispiel von der Organisation der großen Demo in Leipzig am 7. November 2020 ferngehalten, die maßgeblich von Ballweg beeinflusst wurde. Auch bei dieser Demo kam es zu inszenierter Gewalt, diesmal im Zusammenspiel mit dem ZDF. Es waren jedoch friedliche Menschen in großer Zahl da, die die Veranstaltung trotz aller möglicherweise von außen kommenden Einflüsse zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben. Merkwürdigerweise kam es danach in Leipzig zur Gründung der „Bürgerbewegung Leipzig“ durch ein ehemaliges NPD-Mitglied aus dem Westen. Ist es Zufall, dass der Name sehr ähnlich ist zur „Bewegung Leipzig“, die bis dahin die Demos in Leipzig mitorganisiert hatte, insbesondere auch die am 7. November 2020? Jedenfalls kam es von da an zu (absichtlichen?) Verwechslungen in der Berichterstattung. Vermutlich bestand das Ziel dieser Gründung in der Spaltung und Diffamierung des Coronawiderstands in Leipzig.

Bildbeschreibung Bild: Kundgebung an der Siegessäule in Berlin, 29. August 2020 (Foto: Christian Günther)

Die Erfolge

Die Coronamaßnahmen-Widerstandsbewegung hatte eine Organisationsstruktur auf Ebene der Bundesländer und Städte aufgebaut. Nicht alle haben sich der Querdenken-Orga angeschlossen. Im Winter 2021/22, als jegliche Zusammenkünfte verboten wurden und Demos nicht angemeldet werden konnten, entstanden aus diesen Strukturen heraus die dezentralen Spaziergänge. Ohne Anmeldung und ohne Losungen trafen sich montags Menschen und liefen still, manchmal mit Kerzen, bei Kälte und Wind durch die Straßen. Die Polizei war überfordert und konnte kaum gleichzeitig mit größeren Aufgeboten an den vielen Orten sein. Wahrscheinlich konnte mit diesem stillen Protest die Impfpflicht verhindert werden. Merkwürdig fanden wir jedoch, dass es recht bald wieder Stimmen gab, die auf eine Zentralisierung der Spaziergänge drangen, was die Kontrollierbarkeit wieder erleichterte und nicht im Sinne der Demonstranten war.

Neben aller Kritik für die Widerstandsbewegung sollte man ihre Erfolge jedoch nicht geringschätzen. Es hatte wohl niemand für möglich gehalten, wie viele Menschen am 1. August 2020 zum Protest nach Berlin gekommen waren. Den Organisatoren wurde von der Polizei mehrfach die Zahl von 800.000 Teilnehmern genannt. Am 29. August 2020 kamen noch mehr Menschen nach Berlin. Zahlen wurden jedoch nie wieder mitgeteilt. Die Medien haben daraus lachhaft niedrige Angaben gemacht. Wäre man ehrlich gewesen, hätte man feststellen müssen, dass diese Proteste weit größer waren als die bis dahin größte Demo in der Geschichte der BRD am 10. Juni 1982 in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss mit 500.000 Teilnehmern.

Bildbeschreibung Bild: Die Rheinwiesen in Bonn am 10. Juni 1982 (Foto: Mummelgrummel, CC BY-SA 4.0)

Ausgehend von den Demo-Organisationsstrukturen haben sich Gruppen und Netzwerke gebildet, die sich neuen Themen zuwenden. Sie treten beispielsweise für Frieden, alternative Wirtschafts-, Versorgungs- und Lebenskonzepte, neue Heilmethoden oder neue Wege in der Bildung ein. Dezentrale Strukturen haben ein höheres Veränderungspotenzial als zentrale. Das ist eine der wichtigsten Lehren aus dem Coronawiderstand. Dort, wo jeder jeden kennt, ist eine Unterwanderung nur sehr schwer möglich. Mit attraktiven Angeboten kommt Zulauf. So können sich mehr und mehr Menschen dem System entziehen. Nein sagen zu Produkten von Großkonzernen, zu Amazon, Microsoft und Apple, zur Plattform-Ökonomie und zu elektronischen Bezahlsystemen kann gesellschaftliche Veränderung bewirken. Nein sagen bedeutet auch, dem System des Globalismus seine Energie zu entziehen. Auf ähnliche Weise entstand in den 1980er Jahren in der Struktur der Kirchen die Friedens- und Umweltbewegung in der DDR, die schließlich in den 1989er Herbst führte.

Eine Aufgabe der neuen Medien sehen wir in der Beschreibung neuer Initiativen und Bewegungen. Statt sich von den Themen des Mainstreams leiten zu lassen, sollten die Journalisten der neuen Medien viel öfter rausgehen und solche neuen Initiativen porträtieren. Das stärkt die aktiven Kräfte, regt zur Nachahmung an und trägt zur Gewissheit bei, dass viele auf dem Weg sind.

Beate Strehlitz und Dieter Korbely waren in der DDR-Bürgerbewegung aktiv und haben mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht. Strehlitz ist promovierte Ingenieurin und hat in einem Biotechnologie-Institut geforscht. Korbely, ebenfalls Ingenieur, hat in der Industrie gearbeitet.

Freie Medienakademie

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto

Bildquellen: Berlin am 29. August 2020 (Titelfoto: picture alliance / SZ Photo | Björn Kietzmann)