Irritation meinerseits hat dazu geführt, dass ich mich in Form des vorliegenden Essays einer Thematik widme, zu der mich indirekt meine achtzehnjährige Tochter unlängst inspiriert hatte. In Gesprächen mit ihr tauchten immer mal wieder Vokabeln auf, deren Phonetik und Bedeutung mir nicht geläufig waren. Die Rede ist von Begriffen, die der heutigen Jugend zur Verfügung stehen, um ihrer sexuellen Orientierung beziehungsweise Geschlechtsidentität verbalen Ausdruck zu verleihen.
Im digitalen Äther können junge Menschen Begriffe für möglicherweise latent vorhandene Empfindungen finden, die in meiner Jugend noch unbekannt waren. Sie können Realitäten jenseits geografischer Grenzen entdecken, sich mit diversen Lebensweisen vergleichen und neue Formen des Selbstausdrucks entwickeln. Noch nie konnten Heranwachsende in solch einem Ausmaß alternative Modelle sexueller Orientierung kennenlernen.
Bild: Transgender Oral History Project in der Universität von Minnesota, 2018 (Myotus, CC BY 4.0)
Neben den Klassikern heterosexuell, homosexuell oder bisexuell gibt es nun auch Adjektive wie beispielsweise: pansexuell, omnisexuell, polysexuell, demisexuell oder grau-asexuell. Das aus dem angelsächsischen Sprachraum stammende Wörtchen „queer“, das ursprünglich „merkwürdig“ oder „seltsam“ bedeutet, wurde lange Zeit abwertend als Schimpfwort für Homosexuelle gebraucht. Im Kontext der sexuellen Variationen gilt es heute als Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht als ausschließlich heterosexuell oder cisgeschlechtlich verstehen. Cisgeschlechtlich? Schon wieder so ein semantisches Ungetüm! „Cis“ ist mir noch aus dem Lateinunterricht geläufig. Aber cisgeschlechtlich? Nun ja. Jedenfalls bezeichnet dieses neudeutsche Adjektiv den Umstand, dass die eigene Geschlechtsidentität dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. Der Normalfall also. Aber was ist schon normal? Wer glaubt, das mit der sexuellen Orientierung sei ein Leichtes, unterschätzt die menschliche Psyche.
Wenn sich die Geschlechtsidentität von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht unterscheidet, wird dies heute als „transgender“ bezeichnet. Bei sogenannten Transfrauen oder Transmännern stimmt die Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem in der Regel anhand äußerer Merkmale vor oder unmittelbar nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht überein. Für die Ursachen, die dazu geführt haben, dass sich Menschen mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren können, haben selbst die Wissenschaften keine plausiblen Erklärungsmodelle zu bieten.
Sexuelle Identität wird oft als Sammelbegriff verwendet. In der Soziologie unterscheidet man jedoch zwischen sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und sexuellem Verhalten. Die sexuelle Orientierung besagt, zu wem man sich romantisch oder sexuell hingezogen fühlt. Die oben genannten Adjektive spiegeln einen kleinen Teil vielfältiger Anziehungsmöglichkeiten. Die Geschlechtsidentität hingegen hat etwas mit dem subjektiven Erleben des eigenen Geschlechts zu tun. Wie gesagt: Das biologische Geschlecht muss nicht zwangsläufig dasjenige sein, das man selbst empfindet. Erschwerend kommt hinzu: Die Geschlechtsidentität ist unabhängig von der sexuellen Orientierung. Eine Transperson kann beispielsweise hetero, bi, schwul, lesbisch oder dergleichen sein. Man möge aber nicht glauben, die Geschlechtsidentität einer Person sei in Stein gemeißelt. Sie kann sich situativ oder im Zeitverlauf verändern. Hierfür hat man den schönen Begriff „genderfluid“ kreiert.
Die Frage, die mich in Anbetracht der vielfältigen identitären Möglichkeiten am meisten interessiert, ist die nach dem Zustandekommen von Geschlechtsidentität. In seinem Hauptwerk Mind, Self and Society beschreibt George Mead Identität als einen Prozess symbolisch vermittelter Interaktion. Das Sich-seiner-selbst-bewusst-Werden ist nur deshalb möglich, da wir so etwas wie Sprache haben. Erst die sprachlichen Mittel erlauben es uns, über Sachverhalte und uns selbst zu reflektieren. Eine Sprache aber ist kein neutrales Medium, vielmehr transportiert sie immer schon ein spezifisches, kulturell und historisch bedingtes Welt- und Menschenbild. Mit dem Erstspracherwerb übernehmen wir implizit die Normen und Werte der Sprachgemeinschaft, der wir angehören.
Identität kann nie losgelöst von gesellschaftlich geprägten Strukturen gedacht werden. Wer wir glauben zu sein, hängt immer auch davon ab, welche Sprache unser sozialer Kontext bereitstellt, um unser In-der-Welt-Sein überhaupt denkbar zu machen. Die Identität eines Menschen ist somit auch immer ein Produkt des Kulturkreises, dem wir angehören.
Erst im 19. Jahrhundert begann man, Sexualität und Geschlecht systematisch zu kategorisieren und damit Identitäten zu produzieren. Radikal verändert haben sich diese Bestrebungen durch die Digitalisierung. Das Internet wirkt heute wie eine Spielwiese möglicher Identitäten. Die generative Qualität der Sprache ermöglicht es uns Menschen, geistige Konstrukte zu kreieren, deren innovativer Charakter in der Folge Auswirkungen auf unser Selbst- und Weltverständnis haben kann. In vielen Bereichen führen die geistigen Konstrukte eher zur Verwirrung, als dass sie Klarheit schaffen würden. Wer den Überblick bei den unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten verlieren möchte, möge sich einmal mit der Liste „72 Geschlechter“ vertraut machen, die im virtuellen Raum kursiert. Ich bezweifele, dass die dort aufgelisteten Geschlechtsidentitäten universelle menschliche Phänomene widerspiegeln. Vielmehr wird hier etwas benannt, das unweigerlich zur mentalen beziehungsweise emotionalen Konfusion Jugendlicher in ihrer Identitätsfindungsphase führen muss. Auf ahnenrad.org findet man in der alphabethisch geordneten Liste beispielsweise folgendes Adjektiv plus Definition:
Alexigender: Die Person hat eine fließende Geschlechtsidentität zwischen mehr als einer Art von Geschlecht, obwohl sie die Geschlechter, in denen sie sich als fließend fühlt, nicht benennen kann.
Wie bitte? Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Noch einmal: Sprache ist nicht nur ein Medium, das es dem Menschen ermöglicht, sich selbst zum Objekt zu machen und ein Bewusstsein der eigenen Bedeutung zu entwickeln, sondern auch eines, das auf mentale Irrwege führen kann.
Sprache bildet eben nicht nur Realitäten ab, ihr generatives Potenzial kann zu geistigen Konstrukten führen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie das denkende Subjekt von sich selbst entfremden.
Ich bin mir nicht sicher, ob das, was heute allseits unter dem Label „Vielfalt“ propagiert wird, zu mehr Toleranz oder glücklicheren Menschen führt. Möge jeder nach seiner Fasson selig werden, solange er oder sie durch seine oder ihre sexuellen Präferenzen niemanden in Mitleidenschaft zieht. Die Freiheit zur identitären Selbstbestimmung in allen Ehren! Ich habe aber den Eindruck, dass es nicht nur Jugendlichen, sondern auch den meisten Erwachsenen an Orientierung fehlt. Woran es uns als Menschheit mangelt, ist eine humanistische Identität.
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! (Goethe)
Das Gegenteil ist leider der Fall. Anstatt die Regenbogenvielfalt im Sinne eines linksgrünen Politikums dermaßen zu propagieren, würde ich mir beispielsweise wünschen, dass sich Öffentlichkeitsakteure ihrer Vorbildfunktion bewusst werden und nach ethisch fundierten Grundsätzen handelten. Es muss ein Ende haben mit der Verlogenheit und dem ekelerregenden Opportunismus derjenigen, die an den Schaltstellen sitzen. Was wir brauchen, sind Menschen mit Rückgrat, Friedensstifter und Liebende.
Donar Rau hat mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht.
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