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Kommentar | 01.04.2026
Vollkaskomentalität
Der Sicherheitsfetisch hierzulande treibt absurde Blüten und verhindert, sich an geänderte Verhältnisse anzupassen – individuell und als Gesellschaft.
Text: Felix Feistel
 
 

Neulich war ich in meiner Stadt unterwegs. Ein Frühlingstag, das Wetter lockte viele Menschen nach draußen. Dabei beobachtete ich im Vorbeigehen eine Mutter, die ihr vielleicht zwei- bis dreijähriges Kind auf ein Dreirad setzte. So ein Dreirad ist sehr niedrig, hat sehr kleine Räder und der Fahrer kann es mittels Pedalen antreiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es umfällt und das Kind stürzt, ist äußerst gering.

Dennoch sah ich, wie besagte Mutter ihr Kind auf diesem Gefährt anschnallte. Tatsächlich verfügte das Spielzeug über einen Sicherheitsgurt. Ich dachte daran, dass auch ich in meiner Kindheit ein Dreirad besaß und oft damit umhergefahren bin. Einen Gurt zum Anschnallen gab es allerdings nicht. Passiert ist mir trotzdem nie etwas. Wie auch, denn selbst wenn diese Dinger doch einmal umfallen: Wirklich tief fällt man nicht.

Im Umgang mit Kindern muss sich irgendwann in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten etwas grundlegend gewandelt haben. Ich erinnere mich noch, dass ich als Kind stundenlang unbeaufsichtigt unterwegs war. Niemand hat sich die Mühe gemacht zu schauen, ob wir uns auch nichts tun, ob wir sicher seien. Es wurde einfach davon ausgegangen. Was hätte auch Schlimmes geschehen sollen? Schrammen und Verletzungen sind in der Kindheit relativ normal, gehören zum Aufwachsen und heilen meistens schnell. Sicherheitsgurte auf Dreirädern wären für uns eine absurde Vorstellung gewesen.

Heute scheinen die Menschen in Deutschland von einer Vollkaskomentalität besessen zu sein. Man will sich gegen jedes noch so unbedeutende Risiko absichern – selbst wenn die Verwirklichung dieses Risikos keine langfristigen, gravierenden Schäden mit sich brächte. Ein Kind auf dem Dreirad anzuschnallen, damit es sich bloß keine Schramme holt, ist Ausdruck dieser neuen Mentalität. Dass Mütter ihre Kinder nicht mit dem Panzer zur Schule fahren liegt wohl nur daran, dass es für Privatpersonen schwierig ist, einen Panzer käuflich zu erwerben. Und teuer ist es ohnehin. Es würde aber dem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis der Menschen entgegenkommen.

Die deutsche Vollkaskomentalität kann politisch hervorragend instrumentalisiert werden – etwa, indem man die Menschen dazu bringt, sich Masken ins Gesicht zu ziehen, angeblich um eine Krankheit zu verhindern. Dass sie damit nicht nur sich, sondern auch ihren Kindern enormen Schaden zugefügt haben, erfahren diese Menschen nicht. Ebenso verhindert die Vollkaskomentalität, auf die sich national sowie international drastisch wandelnden Verhältnisse entsprechend zu reagieren und notwendige Anpassungen im individuellen Leben ebenso vorzunehmen wie im gesellschaftlichen. Denn die Welt, an die sich die meisten Menschen klammern, gibt es eigentlich gar nicht mehr – sofern es sie überhaupt je gegeben hat.

Das macht die deutsche Gesellschaft insgesamt enorm unflexibel. Man wählt die immer gleichen Parteien, die immer die gleichen Sachen predigen und immer die gleichen Finanzinteressen bedienen, in der Hoffnung, alles bleibe möglichst, wie es ist. Das ist zwar schon seit Jahren nicht mehr der Fall – Kriege überall auf der Welt, steigende Preise, Energiemangel – aber die Illusion wird dennoch nicht aufgegeben. Denn ein echter Wandel und notwendige Anpassungen an die Realität bergen Risiken. Und Risiken eingehen, das wollen viele nicht. So klammern sie sich an eine Illusion – bis zum bitteren Untergang. Denn wer unflexibel ist und nicht in der Lage, sich an sich verändernde Verhältnisse anzupassen, der geht unter wie jene Passagiere auf der Titanic, die bis zum Schluss zum noch immer spielenden Orchester getanzt haben.

Felix Feistel veröffentlicht seit 2017 Texte über das aktuelle Zeitgeschehen bei Manova, Apolut, tkp & Multipolar. Mehr auch auf seinem Telegram-Kanal. Sein Buch Corona - Next Level erscheint in der Hintergrund-Reihe „Wissen Kompakt“.

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Bildquellen: Dorian Krauss auf Pixabay