Robert Fisk praktiziert in seinem letzten, 2025 posthum veröffentlichten Buch „Night of Power. The Betrayal of the Middle East“ eine fast verlorene Art des Journalismus: Er stellt die Scheinrealität der Politik und der „offiziellen Quellen“ der Realität seiner persönlichen Wahrnehmungen gegenüber. In der heutigen festgefahrenen Debatte über das Verhältnis des Westens zum Nahen Osten und zum Islam atmet man beim Lesen dieser kritischen Auseinandersetzung mit der Macht der Sprache und der Sprache der Macht auf. Der britische Journalist Robert Fisk, der die meiste Zeit seines Lebens in Beirut verbrachte und von dort aus die Region bereiste, kritisiert jene Berufskollegen, die nur die Interessen der herrschenden Elite vertreten:
Our own cowardice, the manufacture of deceit, the safe, formulaic expressions used to mask the reality of this tragic place, have turned us journalists into blood-soaked brothers of the politicians who go to war. In Iraq. In Afghanistan. In Pakistan. In Yemen. By proxy in Lebanon. In Libya and Syria. And of course, in ‚Palestine‘.
Die Beobachtungen und Urteile Fisks haben angesichts der Entwicklungen seit seinem Tod im Jahr 2020 nichts an Aktualität eingebüßt. Die Kriege in Palästina, im Libanon und im Jemen, der Regime Change in Syrien und der Krieg gegen den Iran: Es ist unvermeidlich, das Buch mit den Augen von heute zu lesen. Sein Plädoyer für ein Ende der westlichen Interventionen ist relevanter denn je.
Militärische Interventionen, Menschenrechtsverletzungen und westliche Heuchelei prägen den Verrat, über den Fisk nicht nur in diesem Werk, sondern in seiner gesamten Karriere berichtet hat. Die Nacht der Allmacht, auf die im Titel verwiesen wird, bildet einen Kontrast zu diesem Verrat. Sie ist nach dem Koran jene Nacht, in der dem Propheten Mohammed der Koran offenbart wurde – sie ist „voller Heil und Segen / Frieden, bis die Morgenröte sichtbar wird“. Im Gegensatz dazu hat der Westen den Nahen Osten in eine tiefe Finsternis gestürzt.
Bild: Robert Fisk beim Al Jazeera Forum 2010 (Mohamed Nanabhay, CC BY 2.0)
„Night of Power“ setzt dort an, wo Fisks Bestseller „The Great War for Civilisation. The Conquest of the Middle East“ (2005) endet: bei der angloamerikanischen Besetzung des Irak. In den ersten Kapiteln prangert Fisk die Folgen dieses illegalen und auf Lügen beruhenden Kriegs für die irakischen Bürger und die irakische Gesellschaft an. Die Stärke des Buchs liegt in Fisks Gabe, aus kleinen Geschichten das große Bild der Konsequenzen des gegenwärtigen Imperialismus zu zeichnen. Die Entwicklungen und Kriege in den verschiedenen Ländern der Region, die in unseren Medien oft als separate Themen präsentiert werden, sind für Fisk durch ihre gemeinsame Geschichte des westlichen Imperialismus miteinander verknüpft.
Exemplarisch ist die Geschichte eines Hassan Jamal Suleiman Oweydah, der in einem palästinischen Flüchtlingslager im Libanon geboren wurde und während der amerikanischen Besetzung nach Irak aufbricht, um dort als Selbstmordattentäter den Märtyrertod zu sterben. Das Leben Hassans zeigt, wie der Begriff Terrorismus – dessen Verwendung im westlichen Diskurs Fisk immer wieder kritisiert – nichts weiter ist als eine Plattitüde, die die Aufarbeitung der wahren Ursachen verhindert:
To search the wretched foundations of the unjust world in which Arab Muslims lived and died would mean exploring historical events for which the West might well be to blame.
Sobald Fisk sich von dieser Art der Berichterstattung entfernt – mir fällt das Kapitel über die Machtwechsel infolge der ägyptischen Revolution ein –, verliert das Buch einen Teil seiner Brisanz. Allerdings verflachen die mehr als 600 Seiten keineswegs zu einer trockenen Aufzählung von Fakten und Ereignissen. Fisks Formulierungen zeichnen sich durch eine Klarheit aus, die das Leben in der Region und die Realität vor Ort nacherlebbar machen.
Fisk zeigt, dass er versteht, was guter Journalismus nicht ist: Wer tiefgehende geopolitische Analysen erwartet, wird von diesem Buch enttäuscht sein. Anstatt sich weitreichende Gedanken über die Weltpolitik zu machen, erzählt Fisk Geschichten, in der die Opfer der Macht eine Stimme bekommen. Dabei nutzt er einen Zynismus, der noch stärker als in „The Great War for Civilisation“ den Ton angibt. Kein einziges Machtzentrum bleibt verschont – weder Washington noch Tel Aviv, weder Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi noch Baschar al-Assad. Herrscher, die vom Westen unterstützt wurden, wenn sie seinen geopolitischen Interessen dienten, und gestürzt, sobald ihre Politik diesen Interessen im Wege stand.
Ja, Fisk verwendet die Begriffe Diktator und Tyrann so häufig, dass sie fast redundant wirken. Für Menschen, die der US-amerikanischen Außenpolitik kritisch gegenüberstehen, ist Fisk manchmal diesen Machthabern gegenüber zu kritisch. Ihm ist allerdings die Solidarität mit den Unterdrückten wichtiger, unabhängig davon, welche Regierung die Folterkammer kontrolliert oder die Bomben wirft. Das ist vielleicht das größte Zeugnis für die Integrität seiner Berichterstattung: eine Position einnehmen, die aus allen Richtungen des Diskurses kritisiert werden kann.
Auf die Frage, warum er nach mehr als 40 Jahren im Nahen Osten nicht die Nase voll habe, antwortete Fisk in einem Vortrag, dass der Nahe Osten wie einer der großen Romane Tolstois sei: Man will immer wissen, was auf der nächsten Seite passiert. Diese Analogie ließe sich auch auf dieses Buch anwenden, wären da nicht die Millionen Toten und Vertriebenen, die diese Geschichte gefordert hat – und weiter fordert. In „Night of Power“ ist die Realität tragischer als jede Fiktion.
Robert Fisk: Night of Power. Zum Beispiel bei HarperCollins Publishers: 2025, 672 Seiten, Taschenbuch, ca. 13 Euro (nur auf Englisch verfügbar).
Jordi Beckers ist Niederländer, Slawistik-Student und absolviert derzeit ein Semester an der Russisch-Armenischen Universität in Jerewan. Er hat am Kompaktkurs Journalismus der Freien Medienakademie teilgenommen.
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