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Medien-Tresen | 02.10.2026
Verquere Globalgeschichte
Der Historiker Philipp Blom deutet in seinem neuen Buch die Jahre 2001 bis 2014 und verzerrt die Ereignisse genauso wie sein Schweizer Rezensent.
Text: Eugen Zentner
 
 

In den vergangenen Jahren sind in kleineren Verlagen sehr viele Sachbücher zu den gesellschaftspolitischen Veränderungen auf den Markt gekommen. Die Liste namhafter Autoren ist lang: Ulrike Guérot, Patrik Baab, Walter van Rossum, Rainer Mausfeld und viele mehr. Sie alle üben Machtkritik, analysieren Systemstrukturen, nehmen offizielle Narrative auseinander oder rekonstruieren den Zerfall der alten Weltordnung, so wie es der Historiker Daniele Ganser in seinem neuen Buch „Kampf der Giganten“ tut.

Weil er und die genannten Kollegen aber im Bereich der Gegenöffentlichkeit zu verorten sind, stoßen sie bei den Rezensenten der Leitmedien auf mäßiges Interesse. In den meisten Fällen werden sie und ihre Werke ignoriert. Worauf sich die Schreiberlinge des Mainstreams stürzen, sind „Bestsellerautoren“ wie Philipp Blom. Der deutsche Historiker hat kürzlich sein neues Buch „Die strauchelnde Welt“ vorgelegt, in dem anhand spektakulärer Ereignisse zwischen 2001 und 2014 eine „Globalgeschichte“ erzählt wird. In diesem Zeitraum, so der Subtext, ist der Grund für den heutigen zivilisatorischen Verfall zu suchen.

Bildbeschreibung Bild: Philipp Blom auf der Buch Wien 2024, Österreichs größter Buchmesse (C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0)

Der Rezensent Martin Ebel hat für den Schweizer Tages-Anzeiger die These so zusammengefasst: Macht sei wieder etwas, das die Elite nur noch unter sich verteilt. Aber: Gab es je eine Zeit, in der die Elite nur ein Stückchen davon an das einfache Volk abgeben wollte? Allein das Wörtchen „wieder“ lässt ahnen, wohin die Reise geht: ins Tal ideologischer Muster und abgedroschener Medien-Narrative. Das gilt sowohl für das Buch als auch für die Rezension.

Blom erwähnt in seinem Werk nur ganz bestimmte Ereignisse – solche, die auch die Leitmedien jahrelang heranzogen, um ihre Narrativstränge zu weben: 9/11, den Arabischen Frühling, die Krim-Annexion, den „Black Saturday“ (den 7. Februar 2009 also, als in Australien verheerende Buschfeuer ausbrachen und 143 Menschen ums Leben kamen) oder den Mord am kongolesischen Präsidenten Laurent-Désiré Kabila durch einen ehemaligen Kindersoldaten.

Anhand dieser Beispiele poppen sofort die medialen Stichworte auf, mit denen die Menschen seit Jahren kirre gemacht werden: islamistischer Terrorismus, Russlands Machtstreben, Klimakatastrophe, Neokolonialismus. Rezensent Ebel nimmt diese Steilvorlage bereitwillig an, indem er diese ideologisch aufgeladenen Begriffe nicht nur ganz konkret nennt, sondern sie auch noch im Sinne großer Medienerzählungen ausschmückt. Die „Besetzung der Krim 2014“ bezeichnet er beispielsweise als „ersten Schritt zum Ukraine-Krieg“. Nicht den Maidan-Putsch wohlgemerkt, nein: Die transatlantische Verstrickung in den Konflikt muss wie gewohnt verdeckt und die Schuld dorthin gelenkt werden, wo der medial aufgerichtete Feind steht.

Nicht weniger eigenwillig ordnet der Rezensent die Erfindung des iPhones ein. „Auch Apple-Chef Steve Jobs ist mit vollem Recht Protagonist des Jahres 2007“, schreibt er. „Das Smartphone hat die Welt verändert wie keine Erfindung seit dem elektrischen Strom. Es hat Volksbewegungen gegen Diktaturen ermöglicht, aber ebenso digitale Überwachungen durch Diktaturen.“ Das ist gleich auf mehreren Ebenen manipulativ: Mit Diktaturen sind natürlich nicht Deutschland oder die USA gemeint, sondern Staaten, die in den Leitmedien seit Jahrzehnten als solche bezeichnet werden – Russland, Türkei, China, Iran.

Bildbeschreibung Bild: Der russisch-amerikanische Journalist Yasha Levine 2018 bei Pirate TV Seattle (Ed Mays, CC BY 3.0)

Würde sich Ebel nicht nur auf „Bestsellerautoren“ wie Blom konzentrieren und über den Tellerrand hinausschauen, bekäme er vielleicht auch mal Bücher wie Yasha Levines Surveillance Valley in die Hand. Darin hat der investigative US-Journalist dargelegt, dass das Internet von Anfang an als Waffe gedacht war. Das US-Militär arbeitete schon Ende der 1950er Jahre an einer Technologie, mit der sie mögliche Aufstände bekämpfen oder lenken konnte. Jene „Volksbewegungen gegen Diktaturen“, von denen Ebel spricht, waren somit die Arbeit des militärisch-geheimdienstlichen Komplexes der USA, der auch für die heute allumfassende digitale Überwachung verantwortlich ist, weil er schon recht früh Tech-Unternehmen wie Apple eingespannt hat.

Bildbeschreibung Bild: Silvio Berlusconi mit Wladimir Putin 2019 in Rom (Kremlin.ru, CC BY 4.0)

Neben Steve Jobs tritt in Bloms „Globalgeschichte“ auch Silvio Berlusconi auf, als „Held“ des Jahres 2002. Der ehemalige italienische Ministerpräsident wird als „prophetische Figur für eine Welt“ bezeichnet, „in der die politische Sphäre langsam verkümmerte“. Nicht Angela Merkel wohlgemerkt, erst recht nicht Bill Clinton oder andere transatlantische Helden-Figuren, nein, es muss schon jemand sein, der medial verbrannt ist. Warum? Weil man mithilfe der Assoziation auf eine andere verhasste Figur der Gegenwart verweisen kann. Berlusconi war nämlich der „Vorläufer“ von … na? Nein, nicht von Friedrich Merz, nicht von Robert Habeck, nicht von Joe Biden, und nein, auch nicht von Annalena Baerbock. Sondern, man ahnt es schon: Donald Trump.

Bildbeschreibung Bild: Donald Trump in Saudi-Arabien, Mai 2025 (The White House, Public domain)

Der heutige US-Präsident wird dann auch als eine der katastrophalen und dramatischen Folgen der vielen Ereignisse im untersuchten Zeitraum bezeichnet. Welche die anderen sind, kann man sich ebenfalls leicht ausmalen: „Rechtspopulismus“, „Brexit“ und „Klimawandel“. Letzterer, schreibt Rezensent Ebel in dramatischem Gestus, habe „diesen Sommer auch den Mitteleuropäern gezeigt, was die Stunde geschlagen hat“. Man hätte natürlich auch darauf eingehen können, was Protagonisten wie Angela Merkel oder George W. Bush so alles angerichtet haben und welche Folgen sie zeitigten. Man hätte beispielsweise die Cancel Culture oder die Brandmauer-Politik als dramatische Ergebnisse benennen können.

Man hätte so viel machen können: den Finger in die Wunde legen, den Untersuchungszeitraum näher an die Gegenwart ziehen oder einfach mal die vergangenen Tage etwas realistischer deuten. Hätte, hätte, hätte! Stattdessen dreschen Blom wie Ebel die immer gleichen Phrasen und betreiben das, was sie den Pappkameraden zuschreiben, die sie als Feinde und „Folgen“ jener Jahre darstellen: Populismus.

Die von ihnen angebotenen Erklärungen wirken stark vereinfacht, um nicht zu sagen verzerrt. Sie dienen der Stabilisierung eines Weltbilds, das noch vor dem Untersuchungszeitraum entstanden ist. Hier ist auch die Antwort darauf zu finden, warum Bücher wie Bloms „Die strauchelnde Welt“ zu Bestsellern werden. Weil die Autoren die politmediale Echokammer bedienen und auf Rezensenten stoßen, die sie nicht nur hofieren, sondern diese Werke zum Anlass nehmen, eigene Beiträge zur Narrativstabilisierung zu leisten. Man darf schon neugierig sein, was dieses Gespann sich für die Jahre 2014 bis 2026 einfallen lässt.

Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.

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Bildquellen: Joi Ito from Inbamura, Japan, CC BY 2.0 (Titelfoto: Steve Jobs und Bill Gates 2007 bei einer Konferenz in Carlsbad, Kalifornien)