Vor nicht allzu langer Zeit galt das „Z“ in Teilen der Gesellschaft als verpönt. Nun tritt der Buchstabe in anderer Funktion wieder in Erscheinung: Die „Generation Z“ betritt lautstark die politische Bühne. Am 31. Oktober lud „Genz Z regelt“ zu Demonstrationen in 32 Städten – in den fünf größten Ballungsräumen Deutschlands übernahm die Initiative die Organisation eigenen Angaben zufolge „hauptverantwortlich“.
Wollte man die Demonstration in Berlin in der Luft zerreißen, ließe sich das recht einfach bewerkstelligen: Von einer Massenbewegung fehlt zu Beginn der Veranstaltung jede Spur. Schon geht ein erstes Raunen um: Der Deutsche habe die Revolte im Gegensatz zum Franzosen eben nicht im Blut. Andererseits: Im zentralistischen Frankreich bündelt sich der Widerstand vor allem in Paris und den größeren Städten; es ist nicht weiter überraschend, dass Berlin dieses Mobilisierungspotenzial nicht aufbringt. Die ARD nimmt den zunächst überschaubaren Andrang zum Anlass, um in einer Überschrift von „Hunderten“ Teilnehmern zu sprechen – was selbst zu Beginn des Protests die wahre Größenordnung um eine Zehnerpotenz verfehlen dürfte. Später folgt die Richtigstellung: „Tausende protestieren bei Jugendprotesten am Brandenburger Tor“. Das Wort „friedlich“, das in der ansonsten gleichlautenden Meldung des RBB Verwendung findet, fällt bei der Tagesschau hinten runter.
Die Veranstalter sorgen allerdings auch selbst für so manches Stirnrunzeln: Die ersten Redner schwärmen davon, ein „geiles Programm“ zu haben, wollen „eine gute Zeit haben“, gendern wenig überraschend bei jeder sich bietenden Gelegenheit („Sanitäter*innen“) und üben kollektiv das Hinsetzen: Komme es zu Randalen, diene die Maßnahme (gepaart mit Summen und Singen) der Deeskalation – die erste Übung wird aber im Laufe des Nachmittags nicht wiederholt.

Die Organisatoren betonen immer wieder, wie wichtig es sei, dass die Zusammenkunft friedlich bleibe. Einen Grund nennen sie auch: Die Presse wolle Gewalt sehen, um die Demonstration verunglimpfen zu können. Tatsächlich ist die Medienhysterie kaum zu bändigen: Im Vorfeld des 31. Oktobers tauchten etwa Berichte über mit Spanplatten verbarrikadierte Schaufenster von Luxusboutiquen am Kurfürstendamm auf, um gegen den Vandalismus gewappnet zu sein. Was die Teilnehmer umtreiben könnte, die rund fünf Kilometer entfernten Geschäfte aufzusuchen, geht aus den Artikeln nicht hervor. Ebenfalls nicht fehlen dürfen Live-Ticker, die über das Geschehen berichten. In Berlin bleibt die mediale Ausbeute mager: Die Demonstration verläuft friedlich.
Die Redner tragen ihre Anliegen durchaus leidenschaftlich vor. Sie fordern eine „Rücknahme der Sozialkürzungen“ und sprechen von einer „Kettensäge“, welche den Sozialstaat demontiere. Ein weiteres zentrales Thema ist die Wehrpflicht. Auch wenn ARD und Co. den „gegenteiligen Eindruck“ erwecken wollten – „niemand will an die Front!“. Die Kritik an der Militarisierung der Bundesrepublik wird an die Verteilungsfrage geknüpft, mitsamt einer entsprechenden Parole:
Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!
Die Repressionen des Staates würden immer stärker, Merz und andere Politiker machten das Leben der Jugend „jeden Tag beschissener“. Ältere Generationen hätten „Geschichten von Freiheit und Gerechtigkeit“ erzählt, die Generation Z aber müsse nun „Ansprüche zurückschrauben“. Die KI vernichte Arbeitsplätze und spiele Palantir in die Hände. Deutsche Waffen kämen zum Einsatz, „um palästinensischen Kindern in den Kopf zu schießen“. Die „Klimakatastrophe“ kommt ebenfalls nicht zu kurz: Eine Rednerin prognostiziert vier Milliarden Tote, „jeder zweite Mensch“ sei somit dem Untergang geweiht.

Um eine demografisch und ideologisch homogene Masse handelt es sich keinesfalls: So sind etwa auffallend viele Teilnehmer älteren Semesters. Die Fahnen geben Aufschluss über manche Gesinnung: Die SDAJ, die Grüne Jugend und die Antifa sind genauso vertreten wie die Partei der Humanisten und die Linkspartei. Dazwischen wehen Palästina- und queere Progress-Pride-Flaggen. Wer genau hinter „Gen Z regelt“ steckt, bleibt ungewiss: Im Impressum der Internetseite wird eine Einzelperson mit einer Schweizer Mietadresse genannt. Auch hier scheinen viele Medien eine unscharfe Trennlinie zwischen Hysterie und soliden Recherchen zu ziehen: Die einen sehen die eigentlichen Drahtzieher im Dunkeln und die anderen keinen Grund für investigative Nachforschungen.

17 Uhr endet die Kundgebung. Eine halbe Stunde später sind einige der Teilnehmer bei einer weiteren an die Generation Z gerichteten Demonstration in Berlin-Mitte. „Gen Z regelt“ hat mit dieser offiziell nichts zu tun, stattdessen zeigt dort vor allem die Antifa viel Präsenz. Der Demonstrationszug wird von Krawallen begleitet, nach wenigen Minuten fliegen erste Knallkörper – manche gen Himmel, manche auf die Polizisten. Die Teilnehmer skandieren „Viva, viva, Palästina!“ und „Siamo tutti antifascisti!“ Es folgen viel Kampfrhetorik und ein Zusammenstoß mit der Polizei.

Was die Genz-Z-Proteste eindrucksvoll unter Beweis stellen: Wer sich an den Demonstrationen abarbeiten möchte, findet einen Grund für Kritik. Während einige Medienvertreter und Protestteilnehmer die Randale suchen, belächeln manche das aus ihrer Sicht handzahme Vorgehen der Jugend. Tags darauf fast schon mediale Enttäuschung: Ausschreitungen vor allem in Frankfurt und Köln, ein wenig Pyrotechnik in einigen Städten Deutschlands, und die Tagesschau geht der Frage nach, warum „deutlich weniger als erwartet“ gekommen sind.
Björn Kosjak hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.
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