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Kommentar | 22.07.2026
Sparen bei den Ärmsten
Familienministerin Prien will den Unterhaltsvorschuss kürzen, die Regierung soll noch im Juli abstimmen. Betroffen sind Kinder, die ohnehin nichts haben.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Die Haushaltslöcher sind gestopft, und niemand mit Vermögen hat es gemerkt. Große Erbschaften bleiben verschont, Kapitalerträge werden weiter pauschal besteuert, Unternehmensgewinne sowieso. Gespart wird woanders, dort, wo der Widerstand am geringsten ist: bei Kindern, die ohnehin nichts haben.

Konkret trifft es drei Posten: den Unterhaltsvorschuss, das Kindergeld und den Kindersofortzuschlag. Alle drei landen bei derselben Gruppe. Das ist kein Zufall, das ist die Statik des Sparens – man belastet die, die sich am wenigsten wehren können.

Der Unterhaltsvorschuss zuerst: Säumige Elternteile schulden ihren Kindern 3,2 Milliarden Euro im Jahr. Bisher sprang der Staat ein und versuchte, sich das Geld zurückzuholen – mit dem Ergebnis, dass er auf 2,7 Milliarden sitzenbleibt. Familienministerin Prien zieht daraus einen bemerkenswerten Schluss: Sie streicht nicht beim säumigen Elternteil, sondern beim Kind. Ab dem 16. Geburtstag sind so 394 Euro im Monat weg. Bestraft wird das Kind, dessen einer Elternteil sich davonmacht. Im Regen steht der andere, der bleibt und zahlt. Die Begründung: Der Vorschuss sei zu einem der größten Kostenfaktoren der Kommunen geworden. Man behandelt also das Symptom und tastet die Ursache nicht an. Künftig sollen Bund, Länder und Kommunen die ausstehenden Gelder „gebündelt und konsequenter“ eintreiben. Wer den Satz zu Ende denkt, stutzt: Traut der Staat dem Eintreiber plötzlich zu, was ihm jahrelang misslang, könnte er den Vorschuss auch weiterzahlen.

Der Subtext lautet, ein Jugendlicher werde mit 16 eben billiger. Nur schrumpfen mit 16 weder die Füße noch die Fahrkarten und das Essen wird nicht günstiger, nur mehr. Es geht um rund 80.000 Kinder – eine Zahl, klein genug, um sie im Haushaltsplan zu überblättern.

Immerhin, das Kindergeld steigt. Nur haben ausgerechnet die Alleinerziehenden mit Unterhaltsvorschuss nichts davon, weil es dort angerechnet wird. Und der Kindersofortzuschlag, 25 Euro im Monat, verschwindet gleich mit. Wer wenig hat, gibt mit der linken Hand zurück, was ihm die rechte gerade gereicht hat.

Dass es fast immer dieselben trifft, steht in der Statistik. Alleinerziehende tragen ein bis zu viermal höheres Armutsrisiko als Paarfamilien, 45 Prozent der Kinder im Bürgergeld wachsen bei einem Elternteil auf, knapp 88 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Die gestrichenen 25 Euro treffen rund 2,9 Millionen der ärmsten Kinder – in der (immer noch) drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Als das Rettungsboot Schlagseite bekam, nahm man den Kindern die Schwimmflügel ab.

Das Beste steht im Gesetzentwurf selbst. Dort wird die Streichung der 25 Euro ernsthaft damit begründet, der Zuschlag führe zu Mehrausgaben des Bundes. Man saniert den Haushalt, indem man aufhört, armen Kindern Geld zu. Bleibt ein Spartipp, der diese Logik zu Ende denkt: einfach keine Kinder mehr bekommen. Haushaltstechnisch die sauberste Lösung.

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Karin Prien (links) und Geraldine de Bastion diskutieren bei der re:publica 2026 zu digitalem Kinder- und Jugendschutz (Gregor Fischer / re:publica, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)