Ob auf der Straße, am Bahnhof, im Zug oder sonst irgendwo, überall sehe ich Menschen, die ihren Blick herabgesenkt haben und von der virtuellen Welt absorbiert sind. Nicht selten werde ich auf dem Gehweg achtlos angerempelt, weil Passanten mit ihrem Smartphone zugange sind. Da ich zu den Wenigen gehöre, die bewusst auf den Gebrauch eines Smartphones im öffentlichen Raum verzichten, kann ich meine Umgebung in aller Ruhe beobachten, wobei sich mir bei dem stets gleichen Szenario immer wieder dieselbe Frage aufdrängt: Was ist an diesem kleinen Gerät so faszinierend, dass die meisten meinen, es auf Schritt und Tritt gebrauchen zu müssen?
Quelle: Pduive23, CC0
Klar: Der Gebrauch eines Smartphones ist vielfältig. Es vereint Kommunikation, Navigation, Unterhaltung, Banking und dergleichen in einem Gerät. Es kann aus vielen praktischen Gründen genutzt werden. Dennoch habe ich sehr oft den Eindruck, dass viele dieses Gerät ständig brauchen, da sie mit sich selbst nichts Besseres anzufangen wissen. Sie greifen automatisch zum Handy, sobald Leerlauf entsteht. Momente des Innehaltens darf es im Konsumismus nicht geben. Jede freie Minute muss mit banaler Unterhaltung gefüllt werden.
TikTok und Instagram üben auf viele eine starke Anziehungskraft aus, weil diese Plattformen mehrere Bedürfnisse gleichzeitig ansprechen. Sie bieten Unterhaltung, Inspiration und die Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu bleiben. Die Algorithmen von diesen Apps sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Inhalte werden individuell empfohlen und ständig aktualisiert. Kurze Videos sorgen für ständige Abwechslung. Der Algorithmus lernt schnell. Benachrichtigungen und neue Inhalte sorgen dafür, dass ihre Nutzer am Ball bleiben. Aus wenigen Minuten werden für viele oft Stunden virtuellen Abdriftens.
Soziale Netzwerke bergen insbesondere für Jugendliche mentale und emotionale Risiken. Ein zentrales Problem ist der ständige Vergleich mit anderen. Perfekt inszenierte Bilder und Videos, die Erfolg, Schönheit oder ein scheinbar makelloses Leben zeigen, lassen bei Nutzern nicht selten das Gefühl entstehen, defizitär veranlagt zu sein. Eine subtile Verschiebung des Selbstbilds kann die Folge sein. Der eigene Wert wird zunehmend an Likes, Reichweite und äußerer Zustimmung gemessen. Viele begreifen sich nicht mehr als einzigartiges Wesen, sondern als Produkt, das besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen muss. Identität wird von innen nach außen verlagert. Gemeinschaftsportale verändern zweifelsohne das Denken und Fühlen ihrer Nutzer.
Bild: Schon 2013 wurden Eltern dazu angeregt, ihr altes Smartphone als Kinderspielzeug weiterzuverwenden (Intel Free Press, CC BY-SA 2.0).
In jedem Fall beansprucht der Gebrauch des Smartphones Aufmerksamkeit, die an anderer Stelle verloren geht. Wenn die Aufmerksamkeit dauerhaft auf einen Bildschirm gerichtet ist, bleibt wenig Raum für bewusste Wahrnehmung. Die Welt wird zu einem endlosen Strom von Informationen, Bildern und Mitteilungen, wobei der Bezug zur Außenwelt verloren geht. Die meisten vergessen, dass es auch andere Weisen gibt, die Welt zu erfahren. Stille, Kontemplation und echte Muße entstehen ganz sicher nicht, indem man ziellos durch endlose Feeds scrollt.
Lange bevor es das Internet und Smartphone gab, hat Martin Heidegger sich die Frage gestellt, inwieweit der technologische Fortschritt unser Selbst- und Weltverständnis beeinflusst. In seinem Aufsatz „Die Frage nach der Technik“ hebt er hervor, dass Technik die Welt als etwas erscheinen ließe, das genutzt und verfügbar gemacht werden müsse. Die Technik sei das Resultat einer bestimmten Weise des Denkens. Die Art von Welt, die wir über die Nutzung von Technik erfahren, vollziehe sich vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Verfügbarkeit. Die eigentliche Gefahr liegt für Heidegger aber nicht in der Technik, sondern darin, alles nur noch unter dem Faktor seiner Nutzbarkeit zu betrachten. Unter Technik versteht Heidegger nicht primär die Maschine oder das Gerät, sondern eine Art Grundhaltung unseres Zeitalters, die sich dadurch auszeichnet, dass alles berechenbar, kontrollierbar, effizient und verfügbar sein möge. Bereits 1954 warnt Heidegger in seinem Aufsatz davor, diese Weise des Weltbezugs als die einzig mögliche zu betrachten.
Das Smartphone ist nicht nur ein praktisches Kommunikationsmittel. Es verändert die Weise, wie Menschen sich selbst, andere und ihre Umwelt erfahren. Es fordert permanente Aufmerksamkeit und Erreichbarkeit. Menschen werden dazu verleitet, ihre Umwelt vor allem unter dem Gesichtspunkt der Information, der Unterhaltung oder der sozialen Bestätigung wahrzunehmen. Orte werden zu Fotomotiven, Begegnungen zu Inhalten für soziale Medien, freie Zeit zu einer Gelegenheit, Nachrichten zu konsumieren oder Benachrichtigungen zu beantworten. Für Big Tech ist der Mensch bei alldem eine nutzbare Ressource, die gewinnbringende Daten produziert.
Das Smartphone ist ein Apparat, der den Menschen dazu bringt, sich die Welt in einer bestimmten Weise zu erschließen – mit der Gefahr, dass andere Formen des Erlebens, der Begegnung und des Nachdenkens in den Hintergrund treten. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, formt letztlich unser Selbst- und Weltverständnis. Wer die Aufmerksamkeit von Menschen zu fesseln in der Lage ist, kann deren Bewusstsein gezielt manipulieren. Algorithmen sorgen im virtuellen Raum dafür, dass wir zumeist nur das erfahren, was wir glauben sollen. Hinter jeder Information steckt ein machtpolitisches beziehungsweise monetäres Interesse von bestimmten Eliten. Der Kampf um die Deutungshoheit in Form von Gesetzen, Sanktionen und vermeintlichen NGOs macht deutlich, dass seitens der Machthabenden ein großes Interesse besteht, die Horde in ihrer Meinungsbildung zu framen. Denn Wissen ist Macht. Staatlich verordnete Fertiginterpretationen sollen verhindern, dass sich Untertanen zu mündigen Bürgern entwickeln. Wie war das nochmal mit der Demokratie? Na ja!
Alles, was wir uns von vermeintlichen Experten und Maschinen an Arbeit abnehmen lassen, fehlt uns selbst an Kompetenz. Dies gilt besonders für die künstliche Intelligenz. Wer sich nicht die Mühe macht, bestimmte Themenkomplexe gründlich zu recherchieren und sich die Denkarbeit von der KI abnehmen lässt, läuft Gefahr, Opfer von Propaganda zu werden. Wem es an Bildung und entsprechendem Wissen mangelt, der kann den Wahrheitsgehalt von Fertiginterpretationen nicht beurteilen. Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit ist nicht der Mangel an Informationen, sondern der Mangel an fundierter Urteilskraft seitens der Mehrheit.
Das Smartphone verleitet seine Nutzer dazu, in Scheinwelten zu bleiben und sich durch seichte Unterhaltung die Zeit zu vertreiben. Wer sich die Risiken des unreflektierten Gebrauchs nicht bewusst macht, wird leicht zum Spielball anderer. Das Handy ist ein Überwachungsgerät im ästhetischen Design. Freundlich gestaltete Apps erzeugen die Illusion, wie wunderbar leicht und schön das Leben doch sein kann. Unter der Oberfläche aber verbirgt sich eine Schar von Mitlesenden. Big Pig is watching you. Zu keiner Zeit in der Menschheitsgeschichte konnten die Machthabenden Denken, Äußerungen und Verhalten ihrer Unterworfenen besser kontrollieren als heute. Das Smartphone hinterlässt auf Schritt und Tritt Spuren seiner Nutzer. Einen Chip braucht man den Menschen nicht mehr zu implantieren. Alle tragen diesen freiwillig am Leibe und lassen ihn nicht mehr los.
Der digitale Eskapismus ist die Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts. Die multiplen Symptome dieser Krankheit sind bei weitem noch nicht erfasst. Zwar ist die Onlinesucht eine substanzungebundene Abhängigkeit, deswegen aber nicht minder gefährlich. Es handelt sich bei ihr um eine psychische Störung. Bei vielen geht sie mit einer Angststörung oder einer Depression einher. Personen, die von einer Internetabhängigkeit betroffen sind, bedürfen einer entsprechenden Therapie. Sucht ist ein starkes, oft unbezwingbares Verlangen. Die betroffene Person verliert die Kontrolle über ihr Verhalten und führt es fort, obwohl es ihr seelisch oder körperlich schadet. In vielen Fällen bedarf es deshalb einer professionellen Hilfe.
Von Hildegard von Bingen stammt der schöne Satz:
Jede Krankheit ist heilbar, aber nicht jeder Patient.
So ist es wohl auch mit der Onlinesucht. Solange man sich nicht eingestehen will, dass das eigene Verhalten selbstschädigend ist, ist auch keine Heilung möglich. Digital Detox wäre das Remedium unserer Zeit. Aber in einem kranken Gesellschaftssystem, das auf narzisstischem Kompensationsverhalten der überwiegenden Mehrheit gründet, gehören auch die mannigfaltigen Süchte zu den Phänomenen, die weitestgehend als normal erachtet werden.
Donar Rau hat mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht.
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