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Ostdeutschland | 01.09.2026
Sinnsuche mit Charly Hübner
Spaziergang nach Syrakus: Ein Kellner will der DDR auf den Spuren von Johann Gottfried Seume entfliehen. Ein Film über Freiheit, Fern- und Heimweh.
Text: Sven Brajer
 
 

Ein Abend im Kino am Kudamm. Hundertprozent „biodeutsches“ Publikum, Altersdurchschnitt Mitte Fünfzig. „War das wirklich so schlimm?“ fragt eine Frau ihren Sitznachbarn. Der nickt lakonisch. Was ist geschehen? Charly Hübner alias Paul Gompitz erhält auf der Leinwand eine rüde Abfuhr der „Nationalen Freundschaftsgesellschaft DDR-Italien“. Eine Dame mit dem Charme einer Gulag-Wächterin von der „Liga für Völkerfreundschaft“ weist ihn telefonisch darauf hin, dass Italien ein „durch und durch kapitalistisches Land“ sei. Seine Bitte, sich in der deutsch-italienischen Freundschaft zu engagieren, wird abgewiesen – spiele er am Ende vielleicht „sogar mit dem Gedanken, dorthin reisen zu wollen?“ Tatsächlich. Das war sein Ziel. Spätestens mit der Lektüre von Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ aus dem Jahr 1802.

Doch in der DDR des Jahres 1982 war das für Otto Normalbürger noch schwieriger zu realisieren als in der guten, alten Goethezeit. Gompitz, eine Figur, die an Klaus Müller angelehnt ist, der tatsächlich mit einem Segelboot von Hiddensee aus die DDR verließ, zeichnet sich allerdings vor allem durch eines aus – den Willen, unbedingt nach Sizilien zu kommen. Die Entfremdung von „seiner DDR“ trieb ihn sieben Jahre an – bis seine eigentliche Odyssee beginnen sollte. Der Mittvierziger studiert Karten, macht den Segelschein, liest „heiße Bücher“ über Radartechnik und spart jede Menge Westmark, die er an Verwandte schickt, um die Reise nach Süden zu finanzieren. Seiner Frau erzählt er von alldem nichts. Er will sie nicht zur Mitwisserin machen, denn auch darauf stand im SED-Staat Gefängnis. Dabei sollte weder ihm noch ihr nützen, dass er von Anfang an geplant hat, nach seiner Reise wieder zurück in seine Heimat Rostock zu kommen – wie er auch in einem Brief an Egon Krenz kurz vor seinem großen Segeltörn betont. Bis dahin zieht sich der Film angelehnt an Sonnenallee, Good Bye, Lenin! oder Go Trabi Go etwas hin. Die bleierne Schwere der späten DDR ist deutlich spürbar: apathische Gestalten, graue Mülltonnen und renovierungsbedürftige Datschen. Gesoffen und geraucht wurde eigentlich immer, auch kulinarisch werden keine Klischees von der Boulette bis zur Bockwurst ausgelassen.

Bildbeschreibung Bild: Segelkurs mit Bier (Foto: Pandora Film)

Für Gompitz sollte sich all das abrupt ändern. In der Nacht vom 7. zum 8. Juni 1988 gelingt ihm die Flucht mit einem Segelboot von Neuendorf nach Gedser. Um in den Süden zu gelangen, muss er zunächst in den Norden. Auf der Insel Falster begrüßen ihn dänische Grenzposten mit „Welcome to the free world“. In Westdeutschland ist man dann verblüfft, dass Gompitz auf jeden Fall wieder in die sozialistische Heimat zurückwill. Über Bochum, wo seine Cousine wohnt, tritt er den weiten Weg nach Syrakus an. In den italienischen Alpen gibt es dann das erste Mal den so begehrten Parmesan für den Antihelden Gompitz, der seine Reise durchzieht, obwohl die Stasi mittlerweile seine Frau überzeugt hat, sich von ihm zu trennen – dabei bleibt kein Auge trocken. Völlig abgebrannt landet der Anhänger von Hansa Rostock schließlich kurz vor dem Mauerfall auf Sizilien. Wie versprochen will er zurück in die DDR und verschläft den 9. November fast vor Erschöpfung. Als er Wochen später wieder in der Hansestadt landet, ist nichts mehr wie vorher. Hin- und hergerissen zwischen der Ostsee und dem Mittelmeer wird er zum Vagabunden. In der Rückblende sieht man Gompitz, wie er seine aufregende Geschichte einem Kellner in Syrakus erzählt, ausgerechnet während des WM-Halbfinals 2006. Deutschland gegen Italien. Weder Spiel noch Ergebnis interessieren Gompitz oder den Sizilianer. Viel mehr hängt der junge Kellner fasziniert und beeindruckt an den Lippen des wagemutigen Sinnsuchers aus Rostock. Gompitz erreicht sein Ziel – und ist trotzdem nicht angekommen.

Hübner spielt die Rolle bravourös: In all seiner Kauzigkeit, Naivität und Tragik vermittelt Gompitz stets maximale Authentizität und erzeugt jede Menge Sympathien beim Zuschauer. Die angenehme Langsamkeit – trotz der zum Teil sich überstürzenden Ereignisse – tut besonders gut in einer Zeit, in der die Gegensätze zwischen Ost- und Westdeutschland auch kurz vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern beinahe täglich von interessierter Seite betont werden. Denn der Protagonist nimmt sich einfach die Zeit, die er braucht, um seinen Traum zu verfolgen. Besonders in diesem Punkt kann man Regisseur Lars Jessen zu seiner gelungenen Inszenierung gratulieren.

DDR im Film

Bildbeschreibung Bild: Per Anhalter heim in die DDR (Foto: Pandora Film)

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Bildquellen: Paul (Charly Hübner) an der Ostsee (Titelfoto: Sammy Hart / Pandora Film)