In Deutschland wird immer mehr gearbeitet. Die Anzahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden steigt, vor allem bei Teilzeit-, aber auch bei Vollzeitjobs. „Mehr als acht Stunden zu arbeiten, ist keine Ausbeutung", sagte der Kanzler beim Deutschen Arbeitgebertag Mitte Oktober in Berlin. Den gesetzlich festgelegten Acht-Stunden-Tag haben wir erst seit 1994. Es gab ihn schon einmal 1918 – ein Zugeständnis der Konzerne an die revolutionären Arbeiter der Räterepublik. Als der Aufstand vorbei war, wurde er bedeutungslos und bald wieder abgeschafft.
Karl Marx und John Maynard Keynes sahen die Verringerung der Arbeitszeit als Fortschritt. Für sie lag das Ziel der Geschichte in der Selbstverwirklichung des Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse der Mensch von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit befreit werden. Der Startpunkt der Weiterentwicklung der Menschheit, von dem Marx im Hinblick auf die Arbeitszeit ausging, war die 70-Stunden-Woche. Sein Zielpunkt, das „Reich der Freiheit“, in dem man frei entscheiden kann, womit man sich beschäftigen will, liegt im Ungewissen. Keynes philosophiert über die menschliche Weiterentwicklung in den 1930er Jahren, als die Wochenarbeitszeit wieder auf die 70 Stunden zusteuerte. Etwa 100 Jahre später sollte nach seinen Vorstellungen die 15-Stunden-Woche erreicht werden:
Schon vor 2030 wird eine Phase eintreten, in der der Investitionsbedarf so gesättigt ist, dass nicht mehr investiert werden kann, ohne sich unnötigen Projekten zuzuwenden. (Keynes, zitiert von Bernhard Schütz)
In diesem Moment soll mit der Arbeitszeitverkürzung begonnen werden. Eines dieser unnötigen Projekte könnte KI sein. Was nötig oder unnötig ist, steht allerdings nicht zur Debatte. Wie die vergangenen Tech-Revolutionen dient jedes Projekt dazu, Kapital zu investieren und zu vermehren – der Ursinn des Kapitalismus.
Eine Gemeinsamkeit bei der Einführung unnötiger Projekte liegt in besonders langen Arbeitszeiten, dem Zusammenhang mit Krieg und multiplen Krisen im Vorfeld, die ihre Notwendigkeit suggerieren.
In seinem Artikel „Fortschritt und Arbeitszeit: Ein Vergleich der Ansichten von Marx, Keynes und der Sozialdemokratie“ schreibt der österreichische Ökonom Bernhard Schütz, dass die Sozialdemokratische Partei Österreichs zunächst deren Ideen aufgenommen hat und die Selbstverwirklichung des Menschen vor allem außerhalb der Erwerbsarbeit sah. Der Mensch müsse „durch eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung (…) mehr Zeit und Sinn für höhere Werte gewinnen“ (SPÖ-Parteiprogramm von 1958). Bis 1978 vollzog sich ein Wandel der Anschauung von Erwerbsarbeit. Sie wird selbst das Mittel zur Selbstverwirklichung. Außerdem solle „ein wesentlicher Teil künftiger Arbeitszeitverkürzungen (…) in bezahlte Freizeit für weitere Ausbildung umgesetzt werden“.
Sich über den Job selbst zu verwirklichen, gelingt wahrscheinlich den Wenigsten. Laufende Veränderungen im Arbeitsalltag verlangen von den Arbeitnehmern ständige Anpassungen. Grund dafür ist der sogenannte Strukturwandel, das heißt die Zerstörung der ihnen bekannten Arbeitswelt – oder Massenarbeitslosigkeit.
Im Text „Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt“ schreibt die Bertelsmann-Stiftung 2022:
Die Jugendlichen, die jetzt noch in Schulen sitzen, wo es durch die Decke tropft, stellen das Heer der bedarfsgerecht Qualifizierbaren. Die einfachen Strickmuster haben sie in den Multiple-Choice-Tests gelernt. Das Begreifen komplexer Zusammenhänge würde die Flexibilität einschränken, sie entweder für den Krieg oder für diverse Dienstleistungen einzusetzen. Die Jugendproteste zeigen allerdings, dass sie sich auf diesen Deal nicht einlassen. Während die Alten noch ihre Stunden absitzen, um Miete oder Kredite zu bezahlen, organisieren sie die Revolte.
Uta Kühner hat an mehreren Kursen der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.
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