In Löbau steppt mal wieder der Bär – das ist immer dann der Fall, wenn sich die Messehalle in dem verträumten Städtchen füllt. Man staunt, wie viele tausend Menschen das Herz der Oberlausitz aus nah und fern anzieht. Vielleicht entscheiden sich die Künstler sogar bewusst für die ostdeutsche Provinz? Helge Schneider war schon da, Lisa Eckhart kommt noch. Und nun also Elsterglanz. Zwei Tage hintereinander. Zwei Tage (fast) ausverkauft.
Seit zwanzig Jahren stehen Gilbert Rödiger und Sven Wittek aus der Lutherstadt Eisleben schon auf – fast immer – ostdeutschen Bühnen. Komplett ignoriert von westdeutschen Medien. Größere Bekanntheit erlangten sie durch ihre sehr individuelle Neusynchronisation von Filmsequenzen aus Rambo 3, 300, Titanic oder Winnetou und das Halbblut Apanatschi. Der Spruch „Mache Eier!“ – die Aufforderung endlich zur Tat zu schreiten, ist beim Publikum des nach einer DDR-Putzcreme benannten Duos zum geflügelten Wort geworden. Ähnlich wie die Antwort auf die Frage „Was wars letzte?“ stets „Sauergörschn!“ heißt (für Auswärtige: Sauerkirschen).
Ihr Mansfelder Dialekt – eine wilde, ureigene Mischung aus brandenburgischen, sächsischen und thüringischen Elementen, „Gillis“ Retro-DFB-Trikot, die selbstgemachte Topfschnitt-Frisur von „Sveni“, der Suffkult um Sternburger Export und jede Menge Ostalgie – in Anlehnung an die sächsischen Kollegen Uwe Steimle und Olaf Schubert, jedoch mit deutlich mehr anarchistischen Nonsenselementen – begeistern die hörbar und manchmal auch sichtbar angeheiterte Menge.
Bild: Promo-Foto zur aktuellen Tour (Bildrechte: Rödiger/Wittek)
Spektakuläre Auftritte auf diversen ostdeutschen Heavy-Metal-Festivals wie dem With Full Force sowie die Kultfilme Im Banne der Rouladenkönigin (2012) sowie Elsterglanz und der Schlüssel für die Weibersauna (2016) haben sich tief in das kollektive Gedächtnis des Publikums eingegraben. Arbeitslosigkeit, permanent knappe Kassen, Alkoholismus und das Schimpfen auf die „da drüben“ (im Westen) sind hier durchaus bekannt, doch schaffen „Sveni“ und „Gilli“ auch eine positive Identifikation im Publikum. Das erreichen sie vor allem über ihre unbedingte Steh-Auf-Mentalität, handwerkliches Können, Heimatliebe und eine gewisse Nonchalance gegenüber der Apokalypse da draußen. Dieser begegnet man wie früher bei Oma mit Kuchen und Schweinsohren beim Kaffeekränzchen.
Was Elsterglanz ergänzend zum ostalgischen Retrostil besonders macht, ist der dezente Mittelfinger für den vermeintlich politisch korrekten Zeitgeist aus Berlin, Köln, oder Hamburg: Die Themen Veganismus, Regenbogenfahne, Migration oder Klimarettung werden mal mehr mal weniger deftig durch den Kakao gezogen (natürlich Trink fix). Stilecht wird mit einer gelben Simson Schwalbe beim Konzertbeginn eingefahren – inklusive besonders „klimaschädlichem“ Zweitaktmotor. Das Publikum grölt. Endlich normale Leute?
Bild: Original-Schwalbe von Simson, Baujahr 1964 (Foto: Max schwalbe, CC BY-SA 3.0)
Frauen spielen natürlich auch eine Rolle. Wie Sabine – die neueste Bekanntschaft von „Sveni“. Blond und äußerst feminin sieht man sie im Bühnenprogramm über ein eingebautes WhatsApp-Profilbild. Als Sabine beim Date hörbare Flatulenzprobleme offenbart, werden bestimmte Stereotype allerdings schnell und bewusst gebrochen. Auch „Bodyshaming“ ist hier ein Fremdwort, denn wer zu viel „Kuchen frisst“, der wird „fett wie ein T-Rex“. Das war und ist halt so. Genauso wie die Tatsache, dass „Stasi-Steffen“ aus dem Bekanntenkreis von „Sveni“ und „Gilli“ schon immer irgendwie seltsam war. Daran ändern auch die besungene „Dederon-Kittelschürze“ und vermeintlich abgestaubte Rollenbilder nichts.
So geht das kurzweilige Programm über zwei Stunden, immer wieder aufgelockert durch großartige Songs wie „[Alles] Kaputtschlahn“, „Wir sind total bescheuert“ oder die „Oberarztpolka“. Dabei hat die „rechte Seite“ des Publikums im Saal besonders gut mitgemacht, wie „Sveni“ resümiert – das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist und im Publikum vermutlich ohnehin keiner für bare Münze nimmt. Die schiere Anzahl an Gags und Pointen lässt kein Auge trocken, und auch die durstigen Kehlen der Herren um mich herum schaffen es nicht immer, das Landskron beim Lachen im Mund zu behalten. Das ist eben nicht München-Schwabing, sondern Ostsachsen. Das aktuelle Bühnenprogramm Return of the Apocalyptic Kuchenbasar von Elsterglanz ist eine absurde Satire über das vermeintliche Ende der Welt, die nur in Ostdeutschland und nirgendwo sonst auf der Erde funktioniert und sich erfolgreich an die vorausgehenden Touren Outbreak of Hotte Hüüh Syndrom, Angriff der HochDruckPrinzessin sowie Kikeriki die Revue einreiht.
Unklar bleibt, wie sehr sich die Privat-Personen Rödiger und Wittek mit den hemmungslos überzeichneten Figuren identifizieren – das ist aber auch gar nicht so wichtig, sondern eher die Botschaft: Welchen Wahnsinn auch immer „de Bolitiker“ in Berlin oder sonstwo beschließen – wir lassen uns nicht verbiegen und ziehen unser Ding so durch, wie wir es immer gemacht haben. Ob in Eisleben oder Löbau. Darauf ein „Sterni“ – auch wenn als Zugabe am Ende die MPU wartet, bevor der Vorhang fällt.
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