In diesem Frühjahr besuchten wir Bhutan. Wir reisten von Westbhutan über Zentralbhutan nach Ostbhutan, um einen Eindruck von der Landschaft, von den Menschen und vom Leben zu bekommen. Bhutan ist ein kleines Königreich im Himalaya mit 800.000 Menschen, das an Indien und China grenzt. Es gibt keine Eisenbahn, so dass wir uns mit einem Führer und einem Fahrer mit dem Auto oder zu Fuß durch die Berge auf und ab schlängelten. Wir wohnten in Hotels und Gastfamilien. Eine dieser Unterkünfte war das Heritage Ogyen Choling aus dem 14. Jahrhundert, ein Gästehaus im Tang Tal auf 2800 Metern Höhe mit zwölf Zimmern.
Als wir dort ankamen, spürten wir sofort, dass dieser Ort eine besondere Energie besitzt, ein stiller heiliger Ort, an dem wir drei Nächte verbringen sollten. Wir buchten eine Führung durch das Wohnhaus, die Utse, heute ein Museum, das über vier Stockwerke geht. Hier wurde gewohnt, gekocht, gegessen, geschlafen, meditiert, Getreide gelagert (erst 1969 wurde eine Währung eingeführt, bis dahin war Getreide ein Tauschmittel), gewebt, Schnaps gebraut und vieles mehr. Ich fühlte mich in eine andere Zeit versetzt. Beim Abendessen fanden wir heraus, dass die Hausherrin Kunzang Choden eine Schriftstellerin und Verlegerin ist. Ich wollte sie und ihre Bücher unbedingt kennenlernen, kaufte ihre Biografie Telling me my Stories. Fragments of a Himalayan Childhood und hoffte auf eine Widmung. Ich entdeckte die Autorin, als sie mit zwei älteren Frauen wieder und wieder mit der Gebetskette in der Hand ihren Tempel umrundete.

Kunzang nahm sich Zeit für mich. Ich konnte sie zu ihrem Buch und ihrem Schreiben befragen. Wir saßen auf ihrer Terrasse, umgeben von Blumen und einem wunderschönen Garten. Kunzang Choden wurde 1952 hier in Tang, Distrikt Bumthang, geboren – im Jahr des Wasserdrachen. Ihre Eltern waren Großgrundbesitzer und die Mutter verwandtschaftlich mit dem Königshaus verbunden. Kunzang lebt und hütet Ogyen Choling in der 21. Generation. Das Anwesen wurde 1887 von einem Erdbeben zerstört und von ihrem Urgroßvater bis 1902 wieder neu aufgebaut. Manchmal, wenn sie sich allein in den Räumen aufhält, hört sie die Stimmen ihrer Vorfahren zu sich sprechen. Sie möchte dieses Erbe erhalten und hat eine Stiftung zur Förderung des kulturellen Erbes ihres Landes gegründet. Außerdem ist es ihre Mission, das aufzuschreiben, was dieses Anwesen und die Menschen ausmacht, bevor es verlorengeht.
Sie konnte mir nicht sagen, wie lange sie an ihrer Biografie geschrieben hat. Sie begann damit, weil sie etwas zu sagen hatte, und ermutigte damit viele bhutanische Frauen.
Wer will über unser Leben etwas hören, wer glaubt uns unsere Geschichten, die so anders sind als die der heutigen Generation?
Ihre Geschichte und die ihrer Familie aufzuschreiben, war für sie Therapie, Heilung und teilweise sehr aufwühlend. Durch viele Gespräche mit den Dorfbewohnern fand sie mehr über ihr Leben und das ihrer Eltern heraus. Als Kind hatte sie häufiger Ohnmachtsanfälle. Ihre Eltern glaubten, dass ein Fluch über ihr liegt. Vier Generationen lang war in der Familie kein Mädchen geboren worden. Als eines Tages ein tibetischer Lama, ein spiritueller Meister, in ihrem Haus wohnte, bat die Mutter ihn, Kunzang von ihrer Krankheit zu heilen. Der Lama kündigte an, dass sie niemals ein Mädchen werden sollte, und gab ihr den Namen eines männlichen tibetischen Schutz-Gottes: Dorje Jigji. Sie war kuriert, hat den Namen allerdings nie wirklich angenommen.
Kunzang wurde in einer Zeit geboren, als sich der dritte König von Bhutan für eine Modernisierung einsetzte. Dazu gehörte vor allem Bildung. Mit neun Jahren schickte ihr Vater sie nach Indien, um Englisch zu lernen. Ein weiter Weg: Mit Eseln und Pferden dauerte es wohl drei Wochen. Während ihrer Zeit in Indien starb zunächst ihr Vater und kurze Zeit später ihre Mutter mit 33 Jahren. So wurde Kunzang mit nur zwölf Jahren Waise und von einem Onkel, einem Mönch, großgezogen. In einer Zeit, in der es keine Bücher gab, ging sie in die Tempel, „las“ die Geschichten der Wandmalereien über die vielen Bodhisattvas und Götter. Stark beeinflusst vom tibetischen Buddhismus und den Geschichten, die ihr der Onkel erzählte, wollte sie Nonne werden – so wie ihre Mutter früher. Allerdings wurde die Mutter mit nur achtzehn Jahren standesgemäß mit einem Mann verheiratet, der zur Familie passte. Kunzang studierte in Indien und Amerika und suchte sich, trotz einiger Widerstände im Umfeld der Verwandten und Dorfbewohner, ihren Mann selbst aus – einen Schweizer Agrarökonom, mit dem sie zwei Töchter bekam. Ihre ältere Tochter, Dolma, war ihre erste Leserin.
Kunzang begann Geschichten für ihre Kinder zu schreiben. Gleichzeitig wollte sie auch für andere Kinder schreiben. So entstand bereits 1994 ein erstes Märchenbuch über Bhutan. 2005 veröffentlichte sie The Circle of Karma. Hier schreibt sie über eine junge Frau in Bhutan, die ihre Stellung zwischen der traditionellen Rolle der Frau in Bhutan und ihrem eigenen Weg zur Selbstbestimmung sucht.

Bei unserem Gespräch empfahl sie mir das Buch Dawa, die Geschichte eines Straßenköters in Bhutan. Ich las das Buch noch in Bhutan. Als es beim Frühstück im Hotel neben mir auf dem Tisch lag, wurde ich mehrfach von jungen Kellnern mit einem Lächeln im Gesicht darauf angesprochen. Das Buch erinnerte sie an ihre Schulzeit in der 9. Klasse. Dawa war das erste englische Buch einer bhutanischen Autorin. Bis dahin waren die Schüler von anglo-indischen Schriftstellern beeinflusst. Dawa wurde zur Pflichtlektüre und verdrängte Shakespeare. Bhutan bekam in der Literaturwelt erstmals eine Stimme. Die Idee zu dem Buch hatte Kunzang in einer schlaflosen Nacht: Dawa, der gelbbraune Straßenköter, der die Fähigkeit besaß, die Sprache der Menschen, Dzongkha, zu verstehen. Außerdem konnte er besonders gut heulen, den Mond anheulen, und hatte damit eine gehobene Stellung unter den Straßenkötern. Eines Tages machte er sich auf den Weg zu einer Pilgerreise durch Bhutan. Dawa ist ein sehr schönes Buch über Bhutan, das mich mit anderen Augen auf die unzähligen Straßenhunde schauen ließ.
Für Kunzang ist es wichtig, einen eigenen Raum zum Schreiben zu haben. Sie sagte: Schreibe für dich, auch wenn du glaubst, es interessiert niemanden. Schreibe, wenn du etwas zu sagen hast. Sie hat nie Schreibkurse besucht, sondern einfach angefangen. Ob sie in ihrer Biografie immer die volle Wahrheit geschrieben hat?
Du musst ein bisschen navigieren, um respektvoll gegenüber den Menschen zu bleiben.
Am Ende des Buches über ihre Kindheit schreibt sie:
Ich bin gesegnet, das Leben fortzusetzen, das ich mir ausgesucht habe und an dem Platz meiner Geburt in Frieden zu leben. Ich werde weiter an der Erhaltung der Strukturen arbeiten und weiterhin meine Geschichten über diesen Platz und seine Menschen erzählen.
Kunzang wurde 2023 mit dem Literature Award der South Asian Association for Regional Cooperation ausgezeichnet (Südasiatische Vereinigung für regionale Zusammenarbeit). Ich war sehr beeindruckt von dieser Frau, die von sich sagt, dass sie ein sehr privilegiertes Leben geführt habe. Sie wirkte auf mich sehr weise und würdevoll. Sie hat so viel in ihrem Land bewegt. Bestimmt wird das bei ihrer Wiedergeburt berücksichtigt.
Kunzang Choden: Telling Me My Stories. Fragments of a Himalayan Childhood. Bloomsbury Publishing 2025, 288 Seiten.

Nach einer langen Managementkarriere widmet sich Sabine Keuschen ihrer Leidenschaft für Literatur und arbeitet in einer Buchhandlung.
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