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Interview | 15.06.2026
Schmerzland
Granatapfelhain, Taliban-Schule, Flucht: Ein junger Afghane kommt nach Deutschland, eine Familie öffnet ihm Herz und Haus. Integration geglückt?
Text: Simone Köhler
 
 

55 Prozent der erwachsenen Deutschen unterstützten rund um das Jahr 2015 Flüchtlinge in irgendeiner Form, so das Bundesfamilienministerium. Etwa 17 bis 18 Millionen Menschen leisteten aktive Hilfe, sei es durch Betreuung, Sprachunterricht oder Sachspenden. Einer von ihnen ist Andreas. Er hat 2017 zusammen mit seiner Frau einen 17-jährigen Jungen aus Afghanistan in sein Haus und in sein Leben aufgenommen. Andreas heißt nicht Andreas, aber er will die Geschichte nicht unter seinem richtigen Namen erzählen, weil Hamid ihn und seine Familie heute noch für seine geplatzten Träume mitverantwortlich macht.

Andreas, wie bist du Flüchtlingshelfer geworden?

Meine Frau war die Initiatorin, aber ich habe sofort zugestimmt. Ich war tatsächlich der Überzeugung: Wir schaffen das. Zwei unserer Kinder waren bereits aus dem Haus und wir hatten genug Platz. Außerdem hatten wir schon Erfahrungen mit Gastkindern aus der Schweiz und den USA. Damals wohnten wir in Chemnitz und haben überall die Plakate in den Bushaltestellen gesehen, dass die Jugendämter Pflegeeltern suchen – für die sogenannten unbegleiteten minderjährigen Ausländer.

Wann und auf welche Weise bist du dem jungen Mann das erste Mal begegnet?

Nach ungefähr einem halben Jahr hat sich das Jugendamt gemeldet. Es kam dort zu einem ersten Treffen, an dem Hamid selbst, wir und der Vormund teilnahmen. Hamid wohnte damals noch in der Erstaufnahme in Chemnitz, aber uns war klar, dass wir ihn zu uns holen werden. Später hat er erzählt, dass er uns nach Taschengeld und Urlaub fragen sollte. Das war die Idee des Jugendamts. Wir empfanden das als deplatziert. Hamid war insgesamt nur drei Jahre auf einer Taliban-Schule in Peschawar – da wären andere Themen doch wichtiger gewesen.

Welchen Eindruck hat Hamid bei dieser ersten Begegnung auf dich gemacht?

Er war aufgeweckt, überhaupt nicht schüchtern.

Und wie ist euer Zusammenleben dann abgelaufen?

Ganz normal, wie in einer Familie. Wir haben gemeinsam gegessen, er hat im Haushalt mitgeholfen – zum Beispiel beim Abwaschen, im Garten beim Rasenmähen. Ich dachte mir, beim gemeinsamen Arbeiten kann ich ihn am besten kennlernen. Ich glaube, er hat uns tatsächlich als Eltern gesehen. Er war respektvoll uns gegenüber, auch wenn meine Frau ihn zum Beispiel manchmal mehrfach bitten musste, die Socken in die Wäsche zu geben. Wir sind oft gemeinsam joggen gegangen. 2017 ist er ohne Training einen Halbmarathon in einer Stunde und 43 Minuten gelaufen, also richtig schnell, aber diese Zeit konnte er gar nicht einordnen. Stolz war er trotzdem.

Was hast du über Hamids vorheriges Leben in Afghanistan erfahren, weshalb ist er von dort geflohen?

Hamid ist Paschtune, eine der wichtigsten Ethnien in Afghanistan. Seine Familie hat in einem Haus mit Garten und einem Granatapfelhain gelebt. In seiner Heimatregion gab es schon lange militärische Auseinandersetzungen. Bei einer Razzia durch die Amerikaner wurden alle Häuser seines Dorfes durchsucht, bis auf das seiner Familie. Die Paschtunen gingen wohl von Verrat aus und die Familie musste mit Blutrache durch die Taliban rechnen. Gleich am Anfang bin ich mit ihm nach Berlin in eine Moschee gefahren.

Warum das denn?

Ich wollte sehen, wie er sich in einer Moschee verhält. Aber Hamid spricht ja kein Arabisch. Er hat in der Moschee mit dem Handy gespielt und schien gelangweilt. So, wie ich das von meinen Kindern kannte, wenn wir ein Museum besuchten. Auf seinem Handy hatte er auch Fotos seiner Familie gespeichert, es gab ab und zu Videotelefonate mit seiner Mutter. Ein Telefonat war zum Ramadan und wir saßen dabei alle zu Hause am Tisch, der voller Kuchen war. Da hatte er ein schlechtes Gewissen.

Welche Vorstellungen hatte Hamid von seinem Leben in Deutschland, hat er eine Ausbildung gemacht?

Durch die Taliban-Schule konnte er gut auswendig lernen. Er hat einen Deutschkurs und die Abendschule besucht, in der Kindergartenküche gearbeitet. Sein Geld verdient und gearbeitet hat er immer. Im Mai 2018 ist er in eine eigene Wohnung gezogen. Ich wollte gern, dass er einen dreijährigen Abiturkurs macht in Freiberg und danach studiert. Hamid ist dort sogar angenommen worden, aber er hat den Kurs nicht angetreten, er wollte bei seinen afghanischen Freunden bleiben. Im Nachhinein würde ich ihn nicht mehr dazu drängen. Trotzdem finde ich es schade. Er hätte Geologe und seiner Heimat später nützlich werden können.

Das hört sich trotz aller Schwierigkeiten recht harmonisch an. Gab es gar keine größeren Probleme?

Doch. Als wir zu Ostern 2018 bei Freunden zu Besuch waren, hat er sich in deren Tochter verliebt. Sie war etwas jünger als er. Mit dem Vater des Mädchens hat er einen Hühnerstall gebaut und dachte, dass er sie nun mitnehmen kann. Vielleicht war ihm das „Recht“ auf die Tochter als natürliche Fortsetzung unseres engen Verhältnisses erschienen, das wir davor hatten. Als das nicht so war, brach für ihn die Welt zusammen und er hat alles hingeschmissen – und ich glaube, bis heute nicht verwunden.

Habt ihr heute noch Kontakt? Wie geht es ihm?

Ja, sporadisch. Es geht ihm nicht so gut. Er hat gerade seinen Job verloren, lebt in einer Sozialwohnung in Chemnitz.

Wie siehst du seine Integration hier in Deutschland, ist sie geglückt?

Nein, sie ist nicht geglückt. Aber daran ist nicht Deutschland schuld.

Simone Köhler befindet sich nach 34 Jahren in der Berliner Justiz nun in Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. Sie hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.

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Bildquellen: Goosemountains, CC BY 2.0, junge Paschtunen in Afghanistan, 2004