Knapp vier Millionen Menschen leben in Berlin; die Stadt erstreckt sich auf eine Fläche von gut 891 Quadratkilometern. Eine Millionenmetropole, welche eher in die Breite als in die Höhe geht und folglich genügend Räume für Veranstaltungen aller Art haben sollte. „Sollte“ ist jedoch das Schlüsselwort: Tatsächlich gibt es überraschend wenige Orte, die Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Rednern eine Bühne bieten, die das Etikett „umstritten“ tragen. Oftmals handelt es sich eher um kleinere Begegnungsstätten; namhafte Etablissements sind zumeist nicht dabei. Umso mehr überrascht es, dass das öffentlich geförderte Kino Babylon wenig Berührungsängste kennt: Das vis-à-vis von der Volksbühne gelegene Lichtspieltheater erweist sich bereits seit einiger Zeit als zuverlässiger Hort für ebenjene „umstrittenen“ Veranstaltungen.
Zuletzt etwa im Oktober: Der Kulturkreis Pankow lud zu einer Diskussionsrunde im ausverkauften Hauptsaal des Kinos. „Krieg und Frieden“. Die Positionen der Redner sorgten bereits vor Beginn für Unmut, der sich in einer lautstarken Demonstration entlud. Das Babylon scheint sich jedoch recht unbeeindruckt davon zu zeigen – und so organisierte der Kulturkreis Pankow am Donnerstag ein weiteres Panel mit dem etwas sperrigen Titel „Europas Souveränität und seine Beziehung zu den USA, Russland und den aufstrebenden Nationen“. Neben dem Moderator Flavio von Witzleben fanden sich die Journalisten Florian Warweg und Karin Leukefeld, die Autorin und Regisseurin Gabriele Gysi und die Philosophin Gwendolin Kirchhoff auf der Bühne vor der Leinwand ein. Bereits bei der letzten Podiumsdiskussion dabei und nun wieder an Bord: Kay-Achim Schönbach, einst Vizeadmiral der Deutschen Marine und jetzt stellvertretender Vorsitzender der Partei Bündnis Deutschland.
Bild: Podium – Florian Warweg, Gwendolin Kirchhoff, Flavio von Witzleben, Gabriele Gysi, Kay-Achim Schönbach, Karin Leukefeld (von links)
Was allen Rednern gemein ist: Sie haben Beiträge zu einem Sammelband verfasst: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Beiträge zum Frieden. Gwendolin Kirchhoff ist die Ausnahme: Sie vertritt ihren im Dezember verstorbenen Vater Jochen Kirchhoff. Das Buch feiert zwar ebenfalls Premiere, rückt aber angesichts der lebhaften Debatte in den Hintergrund. Die Teilnehmer treten dabei recht unterschiedlich in Erscheinung. Gabriele Gysi ist um starke Worte nicht verlegen: Für sie verkommt die Ukraine zu einem Zerrbild und einem Land, von dessen Kultur man nichts mehr höre. „Was ist die Ukraine?“, fragt sie. „Ein Bild von Selenskyj?“ Eine von Russland ausgehende Gefahr für Deutschland oder die Nato könne sie nicht erkennen: Russland habe Friedenswillen bewiesen, bei den Beschwörungsformeln von der drohenden Gefahr handle es sich um eine „Fiktion westeuropäischer Eliten“. Gwendolin Kirchhoff stimmt weitgehend überein: Die russische Kultur zeichne sich unter anderem durch Warmherzigkeit aus. Europas politische Kultur sei dagegen von einer für die Neocons typischen „Moral clarity“ geprägt, welche stets die Schuldigen an einer Misere suche.
Eher hoffnungslos fällt Florian Warwegs Blick auf die Kriege unserer Zeit aus. Das liege einerseits an der europäischen Elite, die er als medioker bezeichnet. Ein Sittenbild sei die Bundespressekonferenz: So drückt er sein Befremden darüber aus, dass die dort auftretenden Politiker Europa regieren – und das nicht gerade gut. Unverständnis äußert er zudem über die Journalisten: Diese würden die verantwortlichen Politiker höchstens dahingehend kritisieren, dass nicht noch mehr Waffenlieferungen stattfänden.

Karin Leukefeld (Foto) erinnert insbesondere an die Rolle Deutschlands, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs im Ukraine-Krieg. Sie alle verweigerten den Dialog mit Russland. Kay-Achim Schönbach hält einen Angriff Russlands auf ein Nato-Land für „nicht plausibel“. Er geht vor allem auf den Nahost-Konflikt umfassend ein – und findet durchaus harsche Worte. Nordafrikanische und arabische Sunniten verursachten in jedem Land Probleme. Sie seien „keine schlechten Menschen“, aber mit uns manchmal „inkompatibel“. Bei der Beurteilung der Geschehnisse rund um Israel und Palästina rät er gerade den Deutschen zu mehr Zurückhaltung. Das sehen einige Teilnehmer des Panels anders, etwa Gysi und Kirchhoff. Letztere erinnert an die Eschatologie der ultraorthodoxen Juden in Israel: Das Land funktioniere, was die Religiösen betreffe, als „stehende Psychose“. Bisweilen greifen die Diskutanten auch die Widerstandsfähigkeit Irans auf, mit der die USA und Israel Leukefeld zufolge nicht gerechnet hätten.
Bild: Flavio von Witzleben und Gabriele Gysi
Nach dem über anderthalbstündigen Gespräch folgt eine Pause. Es gibt sichtlich Gesprächsbedarf beim Publikum, das sich mit einigen Fragen und Anliegen auch an die Diskutanten richtet. Was allerdings ebenfalls zu beobachten ist: Die Themen sind nicht mehr ganz so heiß wie in den Monaten zuvor. Das Interesse hat entsprechend nachgelassen: Zwar sind ungefähr hundert Zuschauer vor Ort, ausverkauft ist die Veranstaltung indes bei Weitem nicht. Nach der Pause ist es dem Publikum möglich, Fragen an das Podium zu richten. Eine Stunde lang stehen die Teilnehmer Rede und Antwort. Sie greifen die Rolle des Vereinigten Königreichs als geopolitische Großmacht auf und fragen sich, inwieweit ein „Kampf der Kulturen“ entbrennen könnte.
Schönbach kommt auf den vom Dichter Hölderlin geliehenen Titel des Buches zurück: Der Verstand sei das Einzige, was uns retten könne. Der Abend versprüht zwar keinen Optimismus, den einen oder anderen Hoffnungsschimmer machen die Teilnehmer aber doch aus. So bemüht Kirchhoff ein Zitat, das Schiller zugeschrieben wird:
Die wahren Optimisten sind nicht überzeugt, dass alles gutgehen wird. Aber sie sind überzeugt, dass nicht alles schiefgehen wird.
Björn Kosjak hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.
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