Die Weitsicht eines Otto von Bismarck war bekanntlich enorm – außen- wie innenpolitisch. Als Reichskanzler führte er die gesetzliche Rente (das Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz von 1889) ein, um die wachsende Arbeiterschaft an den Kaiserstaat zu binden und den Zulauf zur aufstrebenden Sozialdemokratie (SPD) zu bremsen. Damals zahlten Arbeitgeber- und Arbeitnehmer knapp zwei Prozent des Bruttoeinkommens ein. Heute sind es 18,6 Prozent.
Die Beiträge im Kaiserreich waren niedrig, weil das System lediglich als Not- und Grundsicherung gedacht war („Zubrot“). Zudem erlebten die allermeisten Arbeiter das Rentenalter von 70 Jahren bei harter körperlicher Arbeit und niedriger Lebenserwartung ohnehin nicht. 2026 finanziert der Beitragssatz dagegen ein System, bei dem die Menschen im Schnitt noch rund 20 Jahre im Ruhestand leben – Tendenz steigend.
Bild: Bismarck beim Ausruhen (CC0)
Damals wie heute hat also „Vater Staat“ das vermeintliche Wohl seiner Bürger im Blick – könnte man meinen. Doch der „bürokratische Anstaltsstaat“ (Max Weber) schuf sich so ein Instrumentarium, das einerseits die Löhne seiner Bürger vom Eintritt ins Arbeitsleben bis zur Bahre im Blick hat (schließlich müssen auch „hohe“ Renten heute nochmals (!) versteuert werden) und diesen Bürgern andererseits einen immer größer werdenden Tei der Einkommens abknöpft und ihnen damit einen Teil der Freiheit nimmt, die Altersvorsorge an der Börse, mittels Edelmetallen, Immobilien oder Kryptowährungen selbst zu gestalten.
Diese Optionen hatten DDR-Bürger ohnehin nicht – zumindest bis 1990. Danach fehlte fast immer das Anlagekapital. Deshalb sind vor allem die besonders starken Jahrgänge der Babyboomer (1955 bis 1968) auf die staatliche Rente angewiesen. Wenn jetzt also die Reform bzw. Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren mit 63 zur Debatte steht, trifft das in Ostdeutschland relativ gesehen mehr Männer und Frauen als im Westen des Landes.
In den letzten Wochen ist der Widerstand gegen die Streichung dieser Regelung, die insbesondere Kanzler Friedrich Merz (CDU) ein Dorn im Auge ist, besonders im Osten laut und politisch wirksam. Die CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (Sachsen), Sven Schulze (Sachsen-Anhalt) und Mario Voigt (Thüringen) sowie SPD-Politikerinnen wie Manuela Schwesig haben sich klar dagegen positioniert – und die Argumente auf ihrer Seite: Neben dem Aspekt, dass die Altersrente die einzige oder zentrale Altersvorsorge nicht zuletzt aufgrund fehlender Betriebsrenten und schwieriger privater Vorsorgeoptionen nach der Wende war, haben viele Ostdeutsche schlichtweg längere Erwerbsbiografien – so waren beispielsweise Lehrer mit Anfang zwanzig seinerzeit vollständig ausgebildet. Wenn diese Dinge heute nicht mehr berücksichtigt werden würden, wäre das zum wiederholten Mal die Bestätigung für viele Ostdeutsche, auch weiterhin als Bürger zweiter Klasse zu gelten. Gerade die Jahrgänge ab 1964, die 2029 in den Ruhestand gehen könnten, wären betroffen. Wer dann früher aufhören will, muss das über die Rente für langjährig Versicherte tun. Die behält allerdings 0,3 Prozent für jeden Monat vor der Regelaltersgrenze als Abschlag.
Bild: Kretschmer und Schwesig im Oktober 2024 bei einer Ministerpräsidentenkonferenz in Leipzig (Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)
Für die nachfolgende Generation X (1965 bis 1980) und insbesondere die Millennials (1981 bis 1996) sowie die Generation Z (1997 bis 2010) wirken diese Diskussionen ohnehin wie Pfennigfuchserei: So ist allein bis 2029 ein Anstieg des Rentenbeitrags auf 20 Prozent realistisch, bis 2040 geht das Ifo-Institut gar von 23 Prozent aus. Dabei bekommen vor allem die beiden jüngsten Generationen die staatlich befeuerte Inflationswelle seit 2021 besonders intensiv zu spüren, da sie schlichtweg weniger Jahre in den Niedrig- und Normalzinsphasen verdienten und investieren konnten und heute in jedem Bereich – von Sozialabgaben und Rundfunkbeitrag bis zu Energie- und Lebensmittelkosten – immer mehr zahlen müssen. Dazu kommt gefühlt jede Woche eine neue Steuer, die als Sau durchs Dorf getrieben wird. Tabak, Alkohol, Plastik, Zucker, Krypto.
Kein heute 40-Jähriger rechnet noch mit einem Renteneintritt vor dem 70. Lebensjahr oder dann gar mit mehr als dem absoluten Minimum zum Überleben. Erst recht, wenn bekannt ist, dass immer weniger Einzahler immer mehr Rentner finanzieren müssen. Neu ist diese Entwicklung keinesfalls, aber der Politik schlichtweg egal. Dabei wäre es vor allem für jüngere Generationen mehr als fair, eine Wahlmöglichkeit zu haben – zwischen dem Zwang zu einer Altersvorsorge, die definitiv weniger auszahlt, als man einzahlt, und der eigenen Vorsorge am Kapitalmarkt. Doch dann würde das Rentensystem sofort zusammenbrechen, denn bekanntlich gilt: Bei einem Ponzi-System – bei dem Geld von neuen „Anlegern“ genutzt wird, um früheren Anlegern höhere Renditen auszuzahlen – beißen den letzten die Hunde. Das weiß die Groko, und das wissen auch die Boomer, die verständlicherweise ihre Rentenbeiträge in den nächsten Jahren mit Gewinn zurückhaben wollen und deshalb fleißig weiterhin CDU und SPD wählen – zum Leidwesen der Jungen.
Sven Brajer ist promovierter Historiker, freier Journalist sowie gelernter Einzelhandelskaufmann. Er lebt und arbeitet in Berlin und Görlitz und betreibt den Blog Im Osten.
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