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Medien-Tresen | 22.05.2026
Propaganda für Kinder
„Dein Spiegel“, Logo und Co. liefern mit bunten Bildern eine Sicht der Welt. Eine Gegenöffentlichkeit für Kinder fehlt noch.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Anlass für diesen Text ist ein Rätsel. Eine Kinderzeitschrift fragte ihre Leser, welche Mächtigen sie kennen. Zur Auswahl standen Trump, Musk, Merz, Putin und Xi Jinping. Bei der kleinen Erklärung, spiegelverkehrt unter dem Rätsel, gab es eine Einordnung durch Zuschreibung: Es handele sich um einen Präsidenten, den reichsten Mann der Welt, den Bundeskanzler und zwei Machthaber. Wer was sein sollte, muss ich an dieser Stelle eben so wenig ausführen wie den Namen der Zeitschrift, in der Politik sonst gar nicht vorkommt.

Mich erinnerte das daran, dass ich längst vorhatte, einmal etwas genauer auf Nachrichten für Kinder zu schauen, die, wenn es um die entscheidenden Fragen der Politik geht, im Mainstream oftmals kaum von Regierungspropaganda zu unterscheiden sind. Auf dem Medien-Tresen liegt heute also die neueste Ausgabe von Dein Spiegel, diese Woche erschienen. Wir schauen aber auch in die Logo-Kindernachrichten – bei denen zuletzt ein Beitrag gelöscht wurde – und auf weitere Angebote im Mainstream, die Kindern die Welt erklären (wollen). Dass es in der Gegenöffentlichkeit noch kaum Angebote für die Jüngsten gibt, ist bedauerlich. Am Ende dieser Kolumne überlege ich, wie ein solches Angebot aussehen könnte.

Bildbeschreibung Bild: Cover der Mai-Ausgabe 2026

Die Juni-Ausgabe des Nachrichtenmagazins für „junge Leserinnen und Leser ab 8 Jahren“, wie sich Dein Spiegel nennt, ist auf den ersten Blick relativ harmlos, wenn man auf Propaganda und die Zuschreibungen schaut. Das Heft befasst sich mit der Fußball-WM, mit Horoskopen und der Kalligrafie. Eine Reportage zeigt den Kindern den Frankfurter Flughafen, wo sie den Zoll bei der Suche nach geschützten Pflanzen und Tieren begleitet haben. Klassischer Journalismus: rausgehen, fotografieren, mit Menschen sprechen. Interessant auch der Artikel über den 14-jährigen Jakob, der nach einer Operation erblindet ist und den Kindern erzählt, wie er durch die Welt geht. Kindgerecht aufgearbeitet und ansprechend gestaltet. Unaufgeregt und einfach zu verstehen.

Die Propaganda sitzt im Detail. Zum Beispiel beim Artikel über die Wahl in Ungarn, bei dem der Jubel der Anhänger des neuen Ministerpräsidenten ebenso fett und farbig hervorgehoben ist wie der Satz:

Endlich ein neuer Ministerpräsident für Ungarn!

Dazu die Kritik an Viktor Orbán, er habe Medien und Justiz unter seine Kontrolle gebracht. Da fallen uns am Medien-Tresen gleich ein paar andere Länder ein … Die EU könne, so schreibt Dein Spiegel, nun wohl besser mit Ungarn zusammenarbeiten. Gut und böse sind in diesem Text eindeutig verteilt, ohne dass die Propaganda auf den ersten Blick deutlich wird.

Ähnlich vermittelt wird dies in einem Text zur Fußball-WM, in dem die Vergabe des „Fifa-Friedenspreises“ an Donald Trump problematisiert wird. Wofür es zweifellos Gründe gibt. Dass in Vergangenheit und Gegenwart viele Friedenspreise, gerade der weltweit bedeutendste, fragwürdig vergeben wurden, könnte man ergänzen. Dem Autor geht es aber darum, dass Trump in den Sport drängt, wobei er natürlich nicht der einzige ist. Aber er ist eben jetzt der Böse, das sollen (auch) die Kinder nicht vergessen. An einer dritten Stelle im Heft scheint das herrschende Narrativ ebenfalls deutlich durch. Der ausführliche Artikel zur Bedeutung des Erdöls – Anlass sind der Iran-Krieg und der Preisanstieg – ist durchaus interessant geschrieben. Zweifel aber haben hier an entscheidender Stelle keinen Platz. „Forschende“ und viele Staatschefs seien sich einig, „dass das Verfeuern von Erdöl die Klimakrise vorantreibt“. Unter der „Krise“ geht es nicht.

Bildbeschreibung Bild: logo! vom 12. Mai (Screenshot)

Auch die ZDF-Sendung logo!, die täglich zehn Minuten Nachrichten für Kinder produziert, verbreitet regelmäßig herrschende Narrative. Natürlich ist die EU eine gute Idee und die Pressefreiheit nur in anderen Ländern wirklich in Gefahr. In Deutschland wiederum gibt es unterschiedliche Meinungen, weswegen der Bundeskanzler dann auch mal beim DGB ausgebuht wird. Alles gut also? Nun ja. Das scheint auch nicht die Meinung der logo!-Redaktion zu sein, weswegen sie vor einigen Wochen ein kritisches Erklärstück zum Christentum gebracht hat. (Un)passenderweise direkt neben einem Kurzfilm zum Ende des Ramadan, bei dem der Islam ausgezeichnet wegkam.

Dem Christentum erging es viel schlechter. Anlass waren die sinkenden Mitgliedszahlen, aufgrund derer sich die Redaktion ins Mittelalter versetzte, über die Hölle als Angst der Gläubigen berichtete und die Wissenschaft der Neuzeit dagegenstellte. Zum Ende folgte dann noch der Hinweis auf Fehler und „schreckliche Verbrechen“ von Kirchenleuten an Kindern. Die es natürlich gab. Die Redaktion zeigte also, dass sie kritisch berichten kann, schoss aber durch offensives Weglassen weit über das Ziel hinaus. Und so gab es Programmbeschwerden und kritische Artikel. Intendant Norbert Himmler räumte einen Fehler ein, und der Beitrag wurde gelöscht.

Der Geschäftsführer der christlichen Medieninitiative Pro, Christoph Irion, bat gleichwohl um eine Behandlung der Programmbeschwerde auch im ZDF-Fernsehrat.

Es geht aus unserer Sicht nicht allein um einen einzelnen misslungenen Beitrag, sondern um grundsätzliche Fragen journalistischer Sorgfalt bei religiösen Themen – zumal in einem Nachrichtenangebot für Kinder,

wird er zitiert. Nicht nur bei religiösen Themen, möchte man ergänzen.

Nach Fernsehen und Zeitung noch ein Blick ins Radio zu NDR Info. Die Kindernachrichten vom 9. Mai schauten zurück auf ein Jahr mit Kanzler Merz und wollten wissen, wie Kinder über Bargeld denken. Die neue Regierung gebe viel Geld aus, um das Militär zu stärken, heißt es dabei harmlos. Kritik an Merz und Co. wird nicht verschwiegen, die Kinder, deren eingestreute Aussagen zum Konzept der Sendung gehören, finden Streiten zwar nicht gut, aber vielleicht nötig. Und Bargeld? Die Kinder mögen es. Es solle erhalten bleiben, sagen sie. Praktischer sei die Karte, sagt eine der Befragten. Dass es Kritik an der Verdrängung des Bargelds gibt, fehlt (natürlich) im Beitrag. Genau da könnte eine Gegenöffentlichkeit für Kinder ansetzen. Eine andere Position nennen, vielleicht, um beim Beispiel zu bleiben, noch diejenigen, die die Abschaffung des Bargelds befürchten.

Kinder sind neugierig und stellen oft alles infrage. Warum ist etwas so und nicht anders? Sie wollen vielleicht auch wissen, warum das Bargeld weniger genutzt wird und ob das wirklich nur damit zu tun hat, dass Kartenzahlung einfacher ist. Sie bekommen die Kapriolen von Trump präsentiert und fragen sich, warum ihn jemand wählt. Dafür gäbe es Antworten. Und sie interessieren sich für ihre Zukunft und vermutlich auch dafür, warum das Militär, die Bundeswehr, immer mehr Geld bekommt. Sie fragen sich, warum es überhaupt Kriege gibt und wem sie nützen.

Einfache Antworten befriedigen Kinder am Ende des Grundschulalters immer weniger, und sie sind eben noch nicht so sehr in der Propaganda-Blase verfangen wie viele Erwachsene. Hier könnte eine kritische Gegenöffentlichkeit ansetzen und das nachholen, was in der Regierungspropaganda offen bleibt. Das bedeutet schlichtweg, beide Seiten darzustellen. Das schadet nie und gegenüber Kindern erst recht nicht. Und da Kinder durch zu viel Kritik und negative Berichte auch verunsichert werden könnten, wäre die Berichterstattung für sie ein Trainingsfeld, wie ein kritischer Journalismus aussehen kann, der auch konstruktive Elemente enthält. Das würde einigen auf unserer Seite des journalistischen Feldes durchaus guttun und das reine Dagegen einer „Gegenöffentlichkeit“ aufbrechen helfen.

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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Bildquellen: Kind in den 1920ern (Titelfoto: Collectie Wereldmuseum, CC BY-SA 3.0)