Ich weiß noch genau, wo ich Wolfgang Effenberger zum ersten Mal begegnet bin. Auf dem Bildschirm, im Mai 2020. So war das damals. Videos schauen, um die toten Abende zu füllen und Gleichgesinnte zu finden – Menschen, die nicht einfach Ja und Amen sagen zu dem, was mit uns gemacht wird.
KenFM war dabei für mich die erste Anlaufstelle, seit ich 2018 zweimal selbst dort im Studio war, im Frühsommer zu meinem Buch „Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand“, das eigentlich „Imperativ der Aufmerksamkeit“ heißen sollte, vom Verlag aber umbenannt worden war, und ein halbes Jahr später zu einem Gespräch über die Kurden, weil Kerem Schamberger, mein Co-Autor, der dort fachlich und emotional viel tiefer eingestiegen war, genau wusste, dass er von etlichen seiner Follower gesteinigt werden würde, wenn er zu Ken Jebsen geht. Ich hatte keine Facebook-Fans, aber Universitätskollegen, die mir böse Mails schrieben und in der Institutsleitung die Blogbeiträge zerrissen, in denen ich Studenten empfahl, sich am Journalismusideal von KenFM ein Beispiel zu nehmen. Alle zu Wort kommen lassen, Abstand halten zur Politik, das Meinungsmonopol der Macht brechen. Wer so etwas forderte, stand schon in den 2010ern entweder am Pranger oder im Abseits.
Nun saß also Wolfgang Effenberger bei Ken Jebsen, graumeliert und mit tiefen Furchen des Lebens im Gesicht, und sprach nicht nur über „Geo-Imperialismus“ und die „Zerstörung der Welt“, sondern auch über das, was er als junger Mann bei der Bundeswehr erlebt hatte. Der Interviewer hatte ihn als „Historiker“ eingeführt, neben der Medienforschung mein Metier, nachdem ich als Student, Doktorand und Post-Doc monatelang in Archiven gesessen hatte und neben den üblichen Akten vor allem alte Zeitungen gelesen hatte. Kaiserreich, Weltkrieg, Weimar, die 1930er und dann die frühe Bundesrepublik sowie die junge DDR: Ich dachte, dass ich mich auskenne. Wolfgang Effenberger kannte ich nicht.
Bild: Wolfgang Effenberger 2020 bei KenFM (Screenshot)
Ich habe dann angefangen, seine Bücher und Texte zu lesen, und ihn wenig später, im November 2020, wieder bei KenFM gesehen, diesmal zu seinem „Schwarzbuch EU & NATO“, ein Ziegelstein im Großformat, der genau das liefert, was der Titel verspricht. In diesem zweiten Gespräch taucht Wolfgang Effenberger sofort in sein Leben ein, führt den Zuschauer zurück in die Nachkriegszeit und baut mit wenigen Pinselstrichen ein ganzes Panorama. Vertriebene aus Schlesien, die es nach Lohne verschlagen hat, ins Südoldenburgische, und die dort 1946 einen Sohn bekommen – Wolfgang, der nun als reifer Mann in diesem Video gar nicht mehr erwähnen muss, was es für die Ankömmlinge bedeutet haben mag, in der Fremde und in einer nicht allzu großen Stadt neu anfangen zu müssen. So etwas prägt. Wolfgang hat mir später erzählt, wie seine Mutter aus Glatz vertrieben wurde – im achten Monat schwanger, mit fünf Kilo Gepäck und ohne ein Fahrzeug in Sicht. Den Kinderwagen, schnell ein Objekt der Begierde, soll sie wie eine Löwin verteidigt haben, ganz allein, weil die wenigen Männer genau wussten, dass sie schnell erschossen worden wären. Die ersten vier Jahre habe er, Klein-Wolfgang, dann in einem Lager gelebt und den Umzug in die Stadt als Verbesserung erlebt, obwohl die Wohnung über einem Schweinestall lag, es kein WC und kein warmes Wasser gab und sie für die Einheimischen Pollacken waren. Der Vater, ein Schneidermeister, habe es mit Fleiß wieder zu etwas Wohlstand gebracht und 1954 auch zu einem kleinen Häuschen für die Familie mit nun schon zwei Söhnen.
Bei Ken Jebsen geht es auch um Lehrer, die jung in den Krieg mussten und Schülern wie Wolfgang nun sagten, wie froh sie sind, dass sie das überlebt haben, und wie wichtig deshalb der Frieden ist. Freiheit und Demokratie, liebe Leute, das kann Wolfgang Effenberger noch Jahrzehnte später aus dem Effeff wiederholen, Freiheit und Demokratie sind zarte Pflänzchen, die gehegt, gepflegt und beschützt werden wollen – auch von euch. „Ich habe alles geglaubt“, sagt Effenberger zu Ken Jebsen – vor allem, dass es um Abschreckung gehe und darum, einen Angriff aus dem Osten zu verhindern und so einen Krieg. Also sei er mit 18 Zeitsoldat geworden.
Ich kenne das. Ich bin deutlich jünger als Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1967, und in der DDR aufgewachsen. Aber auch in diesem deutschen Staat gab es die Erzählung vom Frieden, der wachsam sein muss. Wilhelm Busch, Fuchs und Igel.
Und also bald macht er sich rund, zeigt seinen dichten Stachelbund – und trotzt getrost der ganzen Welt, bewaffnet, doch als Friedensheld.
Ich mochte die Soldatenspiele nicht, die alle paar Wochen angesetzt wurden, und schon gar nicht die Lager, die am Ende der Schulzeit warteten und nur ein Vorgeschmack waren auf das, was jedem drohte, der etwas werden wollte in diesem Land. Freiwillig länger in Uniform – nicht ganz so lange wie Wolfgang Effenberger, aber die drei Jahre müssen schrecklich gewesen sein, weil sie in meinem Gedächtnis eine Leerstelle hinterlassen haben. Dass die DDR wenig später ohne einen Schuss zusammenbrach, habe ich nicht verstanden, aber trotzdem aufgeatmet. Du musst nicht mehr Reserveoffizier werden. Wenigstens das nicht.
Wer Wolfgang Effenberger heute zuhört, lernt schnell, dass die ostdeutsche Propaganda einen Punkt hatte. Der Westen wollte nicht einfach nur verteidigen. Der Westen hat den Krieg geplant und üben lassen. Den Atomkrieg, mitten in Deutschland. Die beiden Gespräche mit Ken Jebsen sind im Netz schnell zu finden. Effenberger erzählt dort, wie er 1973 als Hauptmann bei den Pionieren, immer noch jung, auf Papiere stieß, die von der Truppenführung im Gefecht sprachen und davon, wie sich das alles mit Atomsprengkörpern verändert, nicht nur für die Panzer, die so viel schneller ans Ziel kommen würden. 2200 Zielpunkte zwischen Weser und Weichsel, sagt Effenberger. Das habe er nicht mittragen können, zumal er die Feldpostkarten nicht vergessen kann, die er 1968 gesehen hat. Wegen Prag stand es Spitz auf Knopf, und die Nachricht für die Lieben daheim war schon vorbereitet. Wie das eine Armeeführung so macht, wenn Krieg mehr als eine Option ist. Als seine zwölf Jahre vorbei waren, sei er zwar noch eine Weile zu Wehrübungen befohlen worden, habe sich aber nie mehr freiwillig gemeldet.
Bis zum Historiker Wolfgang Effenberger ist es von dort noch weit. Auf die Bundeswehr folgt ein Studium mit einer ungewöhnlichen Kombination. Politikwissenschaft und Höheres Lehramt, Bauwesen plus Mathematik. Was macht man damit? Effenberger ist zunächst Lehrer geworden an der Fachschule für Bautechnik in München. Als ich ihn mit meiner Frau im Frühsommer 2025 in den Bergen Osttirols besuche, schwärmt er von den jungen Menschen, die er auf den Weg bringen durfte. Es geht um Exkursionen in den Osten noch vor dem Mauerfall und gelebte Völkerfreundschaft, vor allem aber um die Betonkanu-Regatta, einen Wettkampf, von dem ich noch nie gehört hatte. Beton und Kanus: Das passt eigentlich nicht zusammen. Für Handwerker in spe und ihren Lehrer Wolfgang Effenberger schon. Projektunterricht, wie er im Buche steht. Der Bericht über das Abenteuer von 1998 ist noch online.
Solche Aktionen jenseits des Lehrplans und eine stinknormale Fachschule: Das ist in etwa so wie ein Kanu aus Beton. Es kann nur gutgehen, wenn alle Beteiligten über sich hinauswachsen. Wolfgang Effenberger muss uns an jenem Juni-Abend nicht lange erklären, warum er mit Mitte 50 genug hatte von den Kämpfen mit Vorgesetzten und Behörden und von Intrigen, die es überall da gibt, wo die Bequemen nicht mögen, wenn einer aus der Reihe tanzt und ihnen zeigt, was alles geht. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, ist die Kapitulation von einst ohnehin längst zu einem Glücksfall geworden. Aus dem Major a.D. und dem pensionierten Lehrer ist der Historiker Wolfgang Effenberger geworden, an dem niemand vorbeikommt, der sich in Deutschland ernsthaft mit der heiligen Dreifaltigkeit von Geopolitik, militärischer Planung und Propaganda beschäftigt.
Bild: Wolfgang Effenberger bei der Buchvorstellung im Juni 2026 in Gauting (Foto: Antje Meyen)
Ich bin heute in einem Alter, in dem dieser Autor gerade den Windeln entschlüpft ist. Als Effenbergers „Pax americana“ erschien, Untertitel: „Die Geschichte einer Weltmacht von Wilhelm dem Eroberer bis heute“, war er knapp 60. Wo bei vielen Akademikern die Publikationsliste aufhört, fängt sie bei Wolfgang Effenberger erst an. Zwischen 70 und 80, sagt er uns in den Bergen Kärntens, sei sein bestes Jahrzehnt gewesen. Dicke Bücher, dazu die Renovierung des Hauses hier, ein Schmuckstück, dem man bei jedem Detail ansieht, das ein Meister am Werk war. Das heißt für mich: Niemand muss Angst haben, alt zu werden. Man kann selbst dann etwas aus der späten Lebensphase machen, wenn vorher gleich zwei Türen zugeschlagen wurden, hier die Armee und die Schule.
Die Artikel und Reden, die in diesem Buch versammelt sind, spannen zeitlich und thematisch einen weiten Bogen. Es ist trotzdem nicht schwer, zum Fundament vorzudringen, auf dem all das gewachsen ist. In drei Schlagworten: historische Tiefenschärfe, Quellennähe und machtpolitischer Realismus. Wolfgang Effenberger weiß um die langen Linien der Geschichte, um die Kontinuität der Großmachtinteressen sowie um die Normalität von Kriegen, die hinter Schlagworten wie Freiheit und Demokratie versteckt wird. Und er muss keine Rücksicht nehmen auf akademische Gremien, die ihn mit lukrativen Stellen ködern könnten oder mit irgendwelchen Fördertöpfen. Ich kenne die Gegenseite: Mit jedem Text, der an den gerade herrschenden Deutungen kratzt, beschädigt man nicht nur seine eigene Position, sondern auch die Aussichten von allen, die einem zugeordnet werden können, Doktoranden und Habilitanden vor allem, die sich im Zweifelsfall lossagen müssen, wenn sie Karriere machen wollen.
Wolfgang Effenberger kann sagen, was war, und so die Sinne schärfen für das, was gerade passiert. In vielen seiner Texte heißt das: zurück auf Los, zurück zur Herzland-Theorie, die das Denken der Schachspieler an den Schaltknöpfen heute genauso prägt wie vor mehr als hundert Jahren, zurück zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Gleich drei seiner Bücher tragen den Titel „Europas Verhängnis 14/18“ – Miniaturen im Vergleich zu Wälzern wie „Pax americana“ (580 Seiten, 2004), „Pfeiler der US-Macht: Seefahrermentalität und Puritanismus“ (365 Seiten, 2005), „Das amerikanische Jahrhundert (620 Seiten, 2011), „Wiederkehr der Hasardeure“ (640 Seiten, 2014, mit Willy Wimmer), „Deutsche und Juden vor 1939“ (630 Seiten, 2016, mit Reuven Moskovitz), „Geo-Imperialismus“ (370 Seiten, 2016), „Schwarzbuch EU & NATO“ (640 Seiten, 2020) oder „Die unterschätzte Macht“ (460 Seiten, 2022), aber für den Einstieg gerade deshalb besonders geeignet. Die Untertitel der drei Büchlein über Effenbergers Startpunkt: „Die Herren des Geldes greifen zur Weltmacht“, „Kritische angloamerikanische Stimmen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs“ sowie „Revolution, Rätewirren und Versailles“.
Bild: Mit Wolfgang Effenberger 2025 in Wien
Wolfgang Effenberger ist vom Bildschirm schnell in mein richtiges Leben gekommen. Das erste Mal gesprochen habe ich mit ihm bei einem Vortrag von Ken Jebsen, wo sonst. Er hat mir ein Buch mitgegeben, das ich dann wenig später auf einem Podium im Münchner Debattenraum liegen sah, organisiert von Sabine Kaiser und Jürgen Müller, ein Format, das als Antwort auf die Restriktionen der Corona-Jahre entstanden ist und aus dem Wunsch heraus, sich nach all den Demos wieder mit Inhalten zu beschäftigen, gern auch kontrovers. Neben Wolfgang saßen eine Landtagsabgeordnete der Grünen und, wenn ich mich richtig erinnere, zwei Urgesteine der örtlichen Friedensbewegung. Diese Veranstaltung ist bei mir aus zwei Gründen hängengeblieben. Zum einen war schnell klar, dass alte und neue Friedensfreunde nie und nimmer zusammenfinden würden, nicht einmal bei den Protesten gegen die Sicherheitskonferenz in der Stadt. Zitat: „Mit Rechten lege ich mich nicht ins Bett.“ Übersetzt: Möge die Welt auch zugrunde gehen, meine Kontaktliste bleibt sauber. Zum anderen war da Wolfgang Effenberger, der den Saal mit seinem klaren Blick und fast noch mehr mit einer Fülle an Material in seinen Bann zog. Kein Zweifel: Hier saß ein Gelehrter, der Wissen und Analyse, Erfahrung und Emotion vereinte und auf eine Lehrkanzel gehörte, am besten sofort.
Ich habe Wolfgang noch zwei weitere Male live erleben dürfen – beim Kongress „Krieg und Frieden“ der Neuen Gesellschaft für Psychologie im April 2025 in Berlin und beim Symposium „Totalitarismus neuen Typs: Krieg & Manipulation“ im November 2025 in Wien. Ein Genuss. Ich freue mich deshalb, dass ich nun auch viele der kürzeren Effenberger-Stücke in mein Bücherregal stellen kann, und bin gespannt auf die Wälzer, die folgen.

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