
Diese Eiche steht in Leipzig im Rosental. So stämmig und verzweigt sie herausragt, so schwergewichtig ist sie im Wurzelwerk unterhalb. Kein Oben ohne Unten. So wichtig ich meine lichtdurchflutete Gegenwart nehme, so verborgen und wie ausgelöscht ist mein Herkommen. Meinen Großvater Paul den Fotografen lernte ich nie kennen. Ohne ihn wäre ich nicht. Eine Geschichte über ihn lege ich mir hier zurecht.
Zu Zeiten Goethens und Napoleons liebte man es, aus der Stadtummauerung Leipzigs herauszutreten und an der Elster und dem Elstermühlgraben vorbei an berühmten Gärten zum Rosental zu spazieren. Wie Goethe sagte:
Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute.
Im Oktober 1813 hatte es stark geregnet. Die Flussläufe waren vollgelaufen. Rund um die Stadt krachte es von Kanonendonner. Bestimmt drei Kaiser, ein König und ein Kronprinz engagierten sich und ließen 600.000 Männer ihrer Völkerschaften aufeinander einpauken. Russen, Österreicher, Preußen, Schweden gegen Franzosen und Sachsen. Und umgekehrt. Am Ende aber ging es nicht mehr gegen die Sachsen, weil die die Seite gewechselt hatten. 15 von 100 Mann kamen vom Schlachtfeld nicht lebend herunter. Nach tagelangem Gemetzel konnte Napoleon nicht mehr gewinnen. Er floh. Nordwestlich raus aus der Stadtbefestigung. Fort war er. Seine Armee wollte es ihm dann gleichtun. Aber vom Rosental her nahte furchterregend ein Reiterhaufen russischer Jäger. Eilig sprengten die Franzosen die Elsterbrücke, ihren Fluchtweg.
Vierzig Jahre nach der Schlacht wurde dort vor den Toren der Stadt heftig gebaut. Bürger errichteten stattliche Häuser. So auch entlang der Rosentalgasse. 1854 wird ein Carl Riedel, Fotograf und Graveur, Bauherr für ein fünfetagiges Haus, das sich steil über dem Elstermühlgraben erhebt. Rosentalgasse 9. (So zu lesen beim Architekten Bernd Sikora, Die Rosentalgasse, Leipzig 1995.) Von einem Carl Riedel fand ich drei Fotos mit Portraits im Netz. Passend zur Zeit, von der hier die Rede ist. Später überwiegen Fotos von einem Bruno Riedel in der Rosentalgasse 9. Vermutlich Sohn des Carl Riedel.

Von Bruno Riedel habe ich selbst ein Foto aus der Photografischen Kunstanstalt.
Ich sehe Susanne (links) und Martha. Sie waren im Atelier von Bruno Riedel. Etwa 1907. Martha war nicht mehr so jung und verwitwet. Ihr Mann war Pfarrer südlich von Leipzig gewesen. Susanne war das jüngste der zwölf Kinder von Martha. Nun lebten sie also in Leipzig und ließen sich teuer knipsen.
1907? Da gab es in genau dem Fotogeschäft einen Lehrling namens Paul. Der lernte dort bis 1910 Fotograf. Und? Susanne und Paul wurden später ein Ehepaar und noch später meine Großeltern. Die Susanne hatte ich noch gekannt, sie lebte zeitweilig bei uns. Ihr Grab pflege ich.
Der Paul. Der Paul war wegen seiner Mutter zu dem Fotografen Hugo Bartel gekommen. Ins Haus Rosentalgasse 9. Seit 1900 ist Hugo Bartel Inhaber des Fotoateliers mit Bruno Riedel. Paul wurde dort nach seiner Lehre bei seinem Stiefvater Hugo Bartel als Gehilfe angestellt. Und auf dem Höhepunkt der Inflation im Oktober 1923 entlassen.
Familie Bartel. Gestellte Familienaufnahme in der Rosentalgasse 9. Frühe 1920er Jahre: Der Inhaber der Photografischen Kunstanstalt Hugo Bartel rechts, Paul daneben, dessen Mutter links. Rechts neben ihr der Bruder von Paul. Mitte vorn die Halbschwester. Durch Fotos kann ich es wissen. Von Paul ist nämlich ein Koffer mit Fotos und Aufzeichnungen der Familie erhalten geblieben.
1913 war ein wunderliches Jahr. In Leipzig wurde 100 Jahre nach der Völkerschlacht das Völkerschlachtdenkmal pompös eingeweiht. Dazu stelle ich in meiner Geschichte fest, meine beiden späteren Großväter befanden sich 1913 zeitgleich in Leipzig. Paul mütterlicherseits. Otto väterlicherseits.
In Leipzig trafen sich im Sommer 1913 nämlich Feuerwehrleute des Deutschen Reiches. Davon habe ich ein Abzeichen in meinem Zimmer. Es ist von Otto, meinem späteren anderen Opa, der als 15-Jähriger von Oberschlesien aus nach Sachsen angereist war. So darf ich annehmen, beide künftigen Großväter waren mal zeitgleich in der gleichen Stadt.

Bild: Feuerwehrabzeichen 1913 von Otto.
Eine räumliche und ebenso ahnungslose Nähe von Paul und Otto ergab sich dann noch mal im April 1945. In den letzten Tagen des II. Weltkrieges von Europa. Da waren beide in Dresden, das in Schutt und Asche lag. Paul als Eingezogener zum Volkssturm und Otto als Unteroffizier der Luftwaffe. Ich entnahm das den Umschlägen der jeweiligen Feldpostbriefe. Der von Paul nach Leipzig, der von Otto nach Berlin. Beide Männer waren für den Kriegsdienst vergleichsweise alt. Und beide waren das zweite Mal dabei. Wäre einer oder wären beide für Gott, Kaiser und Vaterland im Felde geblieben, wie man so schön sagte, gäbe es mich so nicht.
Paul war in beiden Weltkriegen als kriegsuntauglich, aber arbeitsfähig gemustert. Nicht ausgebildet am Gewehr 98, steht in seinem Militärpass. Und er wurde dennoch zu den Waffen gerufen. 1917 und 1918 Stellungskämpfe vor Verdun. Er gab gewiss keinen Schuss ab, denn er hatte es mit den Augen. Bedingt kriegsverwendungsfähig muss Paul zum Ende des II. Weltkrieges noch zum Volkssturm. Von da schickten ihn die Russen zurück nachhause. Er war krank und starb ein Jahr nach Kriegsende als Gleisarbeiter. Paul und seine Kamera habe ich nicht zu sehen bekommen.
Volkssturm? Bei der Musterung von Paul im Juni 1944 hieß das noch Landsturm. Die Umbenennung in Volkssturm wurde am 131. Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig vorgenommen. Wir waren ja in meiner Geschichte mit der Völkerschlacht gestartet, deshalb sage ich das. Volkssturm hieß die Aushebung sehr alter Männer und sehr junger Männlein für den verlorenen Krieg Deutschlands gegen die Alliierten.
Niedlich und gereimt wird Paul in der Hochzeitszeitung 1927 dargestellt:
Paul wurde 1915 als Rekrut zum Landsturm gezogen. Unten im Bild steht Blücher. Blücher war General der Preußen bei der Völkerschlacht 1813. Und tatsächlich hat Paul wohl ab Mitte der 1920er Jahre selbstständig als Fotograf gearbeitet. Er bestritt mit Fotografieren seinen Lebensunterhalt. Einigermaßen. Der Scherz lautete:
Ich bin ein Graf, ein Fotograf.
Die Werkstatt befand sich in der Wohnung seiner Schwiegermutter Martha. Die oben gezeichnete Plattenkamera war spätestens nach dem 1. Weltkrieg durch die Kleinbild-Kamera abgelöst. Dunkelkammerarbeit bei flauem Rotlicht für den Kunden. Film entwickeln, Fotopapier belichten, entwickeln, fixieren, wässern, trocknen, schneiden. In der Faschingszeit waren Aufträge zu erwarten.
Leipzig, späte 1920er Jahre, Paul der Fotograf an seinem Reklamekasten. Zu erkennen: Gruppen- und Einzelportraits, ein Festsaal, ein stattliches Gebäude, eine Limousine. Keiner dieser Bild-Abzüge schaffte es bis zu mir.
Die Tasche. Ist ausgebeult. Darin muss sich die Straßenausrüstung mit Kamera befunden haben. Paul soll auf dem Bürgersteig so getan haben, als knipse er jemanden. Filmsparend. Dann fragte er nach, ob er ein Bild für denjenigen machen solle. So war das. Macht man heute nicht mehr.
Ab 1939 gibt es keine Bilder mehr von Paul in meiner Sammlung. Er wurde kriegsverpflichtet in eine Fabrik gesteckt. Bestimmt waren auch die Fotochemikalien nicht mehr frei erhältlich.
Was sollte gesagt sein? Generation um Generation im Dunklen verschwunden, das sind meine Wurzeln. Geschichte – Geschehenes und Geschichtetes. Geschichte mit Männern und Frauen, Krieg und Frieden, freier oder erzwungener Arbeit, Glück und Pech, eins nicht ohne das andere. Mal gegen die Sachsen, mal mit ihnen. Mal mit den Russen, mal gegen sie. Verschwundene Generationen von Vorfahren haben mehr oder weniger ahnungslos zusammengewirkt, dass es mich so gibt, wie es mich gibt. Ans Licht gekommen und wieder untergegangen ist aber auch die jeweilige Form der Fotografie. Das Ablichten als technische und kulturelle Zeiterscheinung. Als Zeiterscheinung. Als Sichtbar-Gemachtes, als bewahrtes Geschehen.
Hans der Kleingärtner überlegt, ob er bloß rückwärtsgewandt ist oder ob er nur so und nicht anders gegenwärtig zu sein vermag.