Jetzt sind also die Eltern schuld. Deutschland fällt bei PISA auf einen historischen Tiefstand, in allen drei Fächern zugleich — und die zuständige Ministerin Karin Prien weiß, woran es liegt: Eltern nähmen die Bildung nicht wichtig genug. Der Kanzler sekundiert, man könne Erziehung nicht an den Staat auslagern. Zu wenig vorgelesen, zu viel Handy. Ein bemerkenswerter Befund, vorgetragen von zwei Leuten, die für genau das zuständig sind, was da gerade abstürzt.
Bild: Karin Prien auf der re:publica 2026 (Foto: Gregor Fischer, CC BY-SA 4.0)
Schauen wir also nach, wie gut der Staat seine Hausaufgaben macht — beim Lernstand, beim Personal, beim Geld. Pisa sagt: 34 Prozent der 15-Jährigen verfehlen in Mathematik den Mindeststandard, 32 Prozent beim Lesen. Jeder zweite Schüler sitzt in einer Schule, deren Leitung meldet: Der Lehrermangel stört den Unterricht. Zwischen dem oberen und dem unteren Viertel liegen in den Naturwissenschaften 125 Punkte. Im OECD-Schnitt sind es 85 — kaum ein anderes Land lässt die Herkunft so stark über den Erfolg entscheiden. Bis 2030 fehlen rund 150.000 Ganztagsplätze, damit der Rechtsanspruch überhaupt erfüllt werden kann. Der Investitionsstau an Schulen: 67,8 Milliarden Euro. An Kitas noch einmal gut elf. Nichts davon haben Eltern zu verantworten.
Eine Sache immerhin hat die Ministerin geregelt: In ihrem Haus sind die Gender-Sonderzeichen abgeschafft. Die Schule brennt, aber das Sternchen ist gelöscht.
Zurück zur Sache. Diese Eltern, die angeblich zu wenig tragen, kommen im Schnitt auf 59 Wochenstunden, bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet, während Miete, Pflege und Versicherung munter weiterklettern. Wer sie für die PISA-Ergebnisse verantwortlich macht, müsste erklären, wann sie zwischen all dem noch vorlesen sollen. Aber da hat die Politik, Gott sei Dank, eine Lösung: Sie sollen mehr arbeiten, sagt Friedrich Merz sinngemäß— mehr Vollzeit, länger. Nebenbei die Kinder betreuen, die Angehörigen pflegen, einspringen, wenn die Kita mal wieder zu ist. Na, da geht noch was. Abends dann vorlesen, Hausaufgaben begleiten, auffangen, was die Schule nicht schafft. Das Problem ist nicht, dass Eltern Bildung zu wenig schätzen. Das Problem ist, dass der Staat ihnen eine Last nach der anderen auflädt — bis junge Menschen irgendwann sagen: Kinder? Nein, danke.
Bild: Ferdinand Georg Waldmüller (1854)
Besonders schön wird das Modell bei den Alleinerziehenden. Auch die sollen mehr arbeiten, findet Merz. 70 Prozent von ihnen tun das ohnehin schon. Und deshalb sei es wohl in Ordnung, den Unterhaltsvorschuss vom 16. Lebensjahr an zu streichen — 4.728 Euro im Jahr weniger, mit der Begründung, bessere Betreuung erlaube ja mehr Erwerbsarbeit. Als ob Kita-Öffnungszeiten all das ersetzen könnten, was abends, an Wochenenden und in den Ferien liegen bleibt.
Was diese Doppelbelastung ökonomisch bedeutet, ist längst durchgerechnet. Frauen verdienen schon vor dem ersten Kind pro Stunde 16 Prozent weniger als Männer; danach bricht ihr Einkommen ein — die Forschung nennt es den Mutterschaftsmalus, die Child Penalty. Eine Untersuchung des DIW und der Freien Universität Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung beziffert den Verlust auf rund 40 Prozent weniger Lebenserwerbseinkommen bei einem Kind und auf bis zu 70 Prozent bei dreien. Denn Karriere entscheidet sich nicht nur im Büro, sondern auf der Dienstreise, beim Abendtermin, beim Netzwerken nach Feierabend — dort, wo niemand steht, der um 16 Uhr die Kita erreichen muss. Frauen leisten 43 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, bei kleinen Kindern deutlich mehr. Zeit, in der sich andere fortbilden, vernetzen, ausruhen. Am Ende klafft eine Rentenlücke von 37 Prozent. Auch das haben nicht die Mütter zu verantworten, sondern ein System, das ihre Arbeit gratis einplant.
Erinnern wir uns: Der Unterhaltsvorschuss springt dort ein, wo ein Elternteil den Stuhl geräumt hat. Genau das will der Staat nun ab dem 16. Lebensjahr kürzen — nicht dem, der ging, sondern dem, der blieb. Belohnt wird die Abwesenheit, bestraft, wer die Verantwortung trägt.
Eines wird dabei gern vergessen: Ein Staat zeigt seine moralische Qualität nicht an der Wirtschaftsleistung, sondern daran, wie gut er die Fürsorge organisiert und wertschätzt — der Gedanke ist nicht neu, die Care-Ethik denkt ihn seit Jahrzehnten. Fürsorge für Kinder und Alte ist kein Luxus und kein bloßer Kostenfaktor, sondern das Fundament des Zusammenhalts. Ein Staat, der das nicht pflegt, wundert sich eines Tages über die Risse.
Und Merz und Co.? Haben sich, wenn man ehrlich ist, gerade selbst ein „ungenügend“ ins Zeugnis geschrieben. Und da haben wir noch kein Wort über die Migrationspolitik gesprochen.
Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.
Newsletter: Anmeldung über Pareto