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Buch-Tresen | 12.02.2026
Noch einmal Eric Ambler
Der Kampf um Macht, dazu der Blick in menschliche Abgründe: Amblers Romanwelten spielen in historischen Kulissen und sind dabei erschreckend aktuell.
Text: Apostolos Katsikaris
 
 

Schauprozesse, Dekolonialisierung, Nato, die Wirtschaftsmacht internationaler Unternehmen und der damit verbundene Kampf um Ressourcen: In seiner zweiten Schaffensperiode von 1951 bis 1981 widmete sich Eric Ambler alten Themen im neuen Gewand. Davor unterbrach der Zweite Weltkrieg Amblers Romanschreiben. Er diente in der britischen Armee und arbeitete bei der Produktion von Propagandafilmen mit. Der bekannteste war Die Schlacht von San Pietro (1944) mit John Huston als Regisseur.

Amblers erster Roman nach dem Krieg beschreibt einen Schauprozess in einem nicht benannten Balkanland. Der Fall Deltschev (1951) ist mehr als nur eine literarische Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus. Der englische Autor Foster erhält den Auftrag, über ein Gerichtsverfahren zu berichten. Angeklagt ist ein bekannter Politiker, dem die herrschende Partei Hochverrat vorwirft. Fosters Unwissenheit gegenüber den politischen Umständen, seine Abneigung gegenüber einem Kollegen und seine Hochnäsigkeit gegenüber Warnungen lassen ihn zur Zielscheibe mutieren. Der Prozess entpuppt sich als Brutnest einer Verschwörung. Im Verfahren gerät die Aussage des Propagandaministers, eine historische Parallele zum Angeklagten herzustellen, zu einer pseudopatriotischen Inszenierung:

1830 lebte in Italien ein junger Verbannter namens Louis Bonaparte, ein Großneffe Napoleons I. […] Damals gab es auch in Italien eine geheime Terrororganisation. Sie nannte sich Carbonari – die Kohlenbrenner. […] Die Mitglieder nannten einander „Vetter“. […] Der junge Bonaparte wurde Mitglied der Carbonari. […] Damals war er noch keine bedeutende, einflussreiche Persönlichkeit. Aber 28 Jahre später, als derselbe Mann Napoleon III., Kaiser von Frankreich, war, brauchten ihn die Carbonari. […] Die Carbonari verlangten seine Mithilfe bei der Entfachung einer bürgerlichen Revolution in Italien. Er zauderte nicht. Die Verantwortung Napoleons III., des Kaisers von Frankreich, für sein Volk war gleich Null neben den Pflichten des „Vetters“ Napoleon gegenüber den Carbonari-Terroristen. Und so wurde das italienische Risorgimento mit dem Blut französischer Soldaten bezahlt. […] Meine Herren, unser Volk will keine Felder mehr düngen für die „Vetter“ und „Brüder“ dieses Jahrhunderts.

Geschichtserzählungen als Erklärungsversuch politischer und militärischer Handlungen und Optionen sind bis heute im Repertoire von Regierungen jeder Couleur zu finden. Ambler wusste um die Macht solcher Narrative, die je nach Interessen verschieden interpretiert werden können.

Der Roman Schirmers Erbschaft (1953) ist ein Ausbund an Fulminanz. Wie die Verbindungen zwischen einem desertieren Dragoner während der Schlacht bei Preußisch Eylau (1807), seinem in die USA ausgewanderten Sohn und die Suche nach den Erben der verstorbenen Verwandten verknüpft werden, ist atemberaubend. Diese Suche führt den Nachlassverwalter über das kriegszerstörte Köln nach Griechenland, das gerade einen Bürgerkrieg hinter sich hat (1946-1949).

Bildbeschreibung Bild: Die Schlacht von Eylau, Gemälde von François Schommer

Dass ein englischer Autor wenige Jahre nach dem Krieg deutsche Soldaten menschlich präsentierte, war unkonventionell. Erneut bedient sich Ambler der historischen Hintergründe, in die seine Figuren verstrickt sind. Sie zeigen die Zwänge und Zweifel, in denen sich Menschen während eines Krieges befinden. Kann sich ein Soldat, der um sein Leben kämpft, anders als für den Krieg entscheiden? Was treibt ihn zu seinen Entscheidungen an?

Im Jahr 1962 erschien Topkapi. Eine internationale Verbrecherbande wirbt den Antihelden des Buches an, einen Gauner namens Simpson. Bedeutsam werden seine Handlungen, Ansichten und Entscheidungen durch seinen Status. Die von Ambler entwickelte Figur ist eine Jammergestalt ohne gültigen Pass, die dubiose Aufträge annehmen muss, um sich über Wasser zu halten. Erst im letzten Drittel des Buches klärt sich auf, worauf es die Bande abgesehen hat. Die Verfilmung von Jules Dassin mit Maximilian Schell, Melina Mercouri und Peter Ustinov, der für seine Rolle den Oscar erhielt, lässt leider die Feinheiten der Charaktere völlig außer Acht.

Derselbe Antiheld findet sich in Schmutzige Geschichte (1967). Simpsons Tragik besteht darin, sich seinen Auftraggebern als ehemaliger Offizier auszugeben, um an einen Job im Sicherheitsteam eines Bergwerksunternehmens zu gelangen. Seine Naivität katapultiert ihn als angeworbenen Söldner in einen Krieg um Seltene Erden. Der Konflikt wird eingefroren, die beiden involvierten afrikanischen Länder (erst seit Kurzem „in die Unabhängigkeit entlassen“, wie es paternalistisch heißt) streiten sich um Ansprüche und Grenzziehungen. Bevor überhaupt eine Lösung zwischen den Staaten in Sicht kommt, haben sich die beteiligten Unternehmen bereits geeinigt.

Wer schert sich um die Regierung? […] Sie hat einen kleinen Gebietsstreifen verloren und einen anderen dafür bekommen. Wer sollte die Situation rückgängig machen? […] Die Vereinten Nationen? Reden wir nicht davon. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag? Seit mehr als fünfzig Jahren gibt es zwischen Venezuela und dem, was früher einmal Britisch-Guayana hieß, einen Grenzstreit, bei dem es um Mineralvorkommen geht. Der Internationale Gerichtshof hat den Streit immer noch nicht entschieden. Unserer wird keine fünfzig Tage dauern.

Der Krieg, ein Vorspiel um die Verteilung der Ressourcen. Die Empörung des Amateur-Söldners verpufft in der Logik der Wahrung der Geschäftsinteressen:

„Die seltene Erde […] ist ihnen gestohlen worden.“ […] „Wir sprechen von Geschäftsleuten, nicht von Pfadfindern. […] Jetzt hat jeder seinen Anteil, und alle sind zufrieden.“

Bildbeschreibung

Bild: 20 Jahre NATO. Bundeswehrparade auf dem Nürburgring (Bundesarchiv, B 145 Bild-F029230-0006 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

Die Chefs der Nachrichtendienste zweier ungenannter Nato-Länder lassen in aller Öffentlichkeit Geheiminformationen publizieren. Weshalb sie sich dazu entschließen, welchen Weg sie wählen und welche Konsequenzen sich ergeben, zeigt Ambler in seinem Werk Das Intercom-Komplott (1969). Als dieses Buch erschien, war die Nato gerade einmal zwanzig Jahre alt. Wer das Zepter in der Hand hält, ist für die Verbündeten kein Geheimnis:

Es sind allein die Amerikaner, die in der westlichen Welt gegenwärtig zählen, denn allein sie sind im Besitz der wirklichen Macht, und sie sind bereit, sie einzusetzen. Ob sie uns mögen oder nicht, spielt keine Rolle – sie bewerten uns nur danach, wie nützlich wir uns innerhalb des Verteidigungsbündnisses machen und wie bereitwillig wir ihren Wünschen entsprechen.

Trotz oder gerade wegen ihrer Führungspositionen sind die Protagonisten Realisten. Ihre Zeit als Widerstandskämpfer gegen die Besetzung ihrer Heimat durch das Dritte Reich spiegelt ihre Haltung wider. Umsonst gekämpft haben sie nicht, sie sind jedoch nach wie vor nicht wirklich souverän:

Es fiel ihnen schwer, sich damit abzufinden, dass ihre Länder sich dem Verteidigungsbündnis angeschlossen hatten. Und sie konnten nur resignierend einsehen, dass ihre Länder innerhalb der Nato keine größere Rolle spielten als Rumänien und Bulgarien innerhalb des Warschauer Paktes – sie waren Zwerge, in einem Kampf der Giganten verwickelt.

Für Historiker ist dieser Rückblick keine Überraschung, dass Ambler daraus einen Spionageroman entwickelt, nicht verwunderlich. Für die heutige Zeit stellt sich die Frage, weshalb nach Überwindung des Kalten Krieges, der Wiedervereinigung Deutschlands und des Zerfalls der Sowjetunion die Nato weiterhin Bestand hatte und Frieden ein Menschheitstraum bleibt. Vielleicht sollte der Begriff des „failed state“ um den Begriff des „failed continent“ erweitert werden, das eigentliche Markenzeichen Europas.

Dem israelisch-palästinensischen Konflikt widmet sich Ambler in Der Levantiner (1972). Wichtiger als der Handlungsablauf selbst sind die beschriebenen Personen, die vornehmlich aus dem besagten Gebiet stammen, das dem Roman seinen Titel gibt. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel ordnet die Länder der Levante so: Syrien, Libanon, Palästina, Israel, Jordanien, Zypern und die türkische Provinz Hatay, in deren Süden Araber in der Mehrheit sind. Interessanterweise werden die beiden britischen Militärbasen auf Zypern, Akrotiri und Dhekelia, auch hinzugerechnet, separat wohlgemerkt. Das Empire ersteht im Miniformat wieder auf. Im erweiterten Sinne sind auch Ägypten, Libyen, der Irak, die Türkei und Griechenland Teil der Levante.

In diesem Mix der Völker, Kulturen und Religionen agieren Charaktere mit undurchdringlichen Mentalitäten, archaischen Denkmustern und radikalen politischen Einstellungen, die Ambler geschickt in seine Geschichte einzubinden weiß. Ironie, Klischees und Vorurteile sollten als solche erkannt werden, um dieses Buch genießen zu können.

Bildbeschreibung Bild: Bundesweites Sonntagsfahrverbot wegen der Ölkrise 1973, Kiel. (Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 DE)

Thematisch wie auch geographisch passt Dr. Frigo (1974) zum aktuellen Geschehen rund um Venezuela. Westliche Geheimdienste planen einen Putsch. Die Erdölvorkommen eines fiktiven Karibik-Staates, in der Vergangenheit nicht weiter von Interesse, gewinnen angesichts der Ölkrise von 1973 neues Gewicht. Die Herangehensweise und Erklärungen des Agenten sind unverschleiert, eine Mischung aus Geschäftspraktiken und Militäraktionen:

Diese neuen Techniken taugen wirklich etwas. […] Welche Techniken? […] Im Putschen natürlich […] Den neuen Putsch-Stil, die durchrationalisierte Buchführung, wie es jemand nannte […]. Da ist dieses Coraza-Ölfeld. Okay … man weiß seit einer ganzen Weile, dass es vorhanden ist, aber niemand war sonderlich daran interessiert. Zu kostspielig, um es auszubeuten. Dann platzt OPEC, und Coraza wird wirtschaftlich lebensfähig. Braucht dennoch eine große Kapitalinvestition, deshalb wird ein Konsortium gebildet, um die Lasten zu verteilen. Problem Nummer eins. Die Regierung, mit der er es zu tun hat, ist, gelinde gesagt, instabil. Okay, also wechselt man die Regierung aus […].

Ein effizientes Management wird zum rationalen Platzhalter unliebsamer Regierungen. Es kommt, wie es kommen muss, wenn ein übermächtiger Gegner die Trümpfe, vor allem die militärischen, in der Hand hält.

Eric Ambler hat in typisch britischem Understatement für sich reklamiert:

Ich versuche den Leuten zu erklären, wie es zugeht auf der Welt.

Ambler war ein Analytiker, der die Hintergründe und Tragweite von Konflikten und Krisen folgerichtig einordnen konnte. Großmächte und Multikonzerne sind unerbittlich, zu moralischen Reflektionen sind andere verpflichtet. Wenn die Weltordnung auf Machtverhältnissen beruht, die Armut und Kriege begünstigt, so ist es seit jeher Zeit, über Alternativen nachzudenken. Auch wenn Ambler nie über Lösungen schrieb, sind seine Romane als Auflehnung gegenüber Ungerechtigkeiten zu lesen, um die sich seine Figuren mühen. Meistens sind die Fälle zu komplex, um von ihnen durchschaut zu werden. Aber letztlich kämpfen sie um ihre Würde, um nicht vollends unterzugehen.

Bildbeschreibung

Eric Ambler – neu gelesen: Teil 1 der Rezension von Apostolos Katsikaris

Apostolos Katsikaris hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Ruine Christuskirche Köln 1945, ev. Gemeinde Köln (Titel)