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Bericht | 04.03.2026
Naturschutz unerwünscht
Ein Verein setzt sich für den Leipziger Auwald ein, für alte Bäume, für Zusammenarbeit. Ein Kampf gegen Ämter und Windmühlen.
Text: Dieter Korbely
 
 

Die Stadt Leipzig entstand im Auenbereich der Flüsse Elster, Pleiße und Luppe. Im Bereich ihres Zusammenflusses gibt es noch heute mitten im dicht besiedelten Stadtgebiet den europaweit größten zusammenhängenden Auwald, der bis nach Halle reicht. Im Spannungsfeld von Naturschutz, Erholungs- und touristischen Zwecken sowie Verkehrs- und Städteplanung wären Dialog und Zusammenarbeit der verschiedenen Interessenvertreter erforderlich. Das Beispiel eines kleinen Vereins zeigt jedoch das Gegenteil.

Wie alles begann

Im Frühjahr 2011 fuhr Wolfgang Stoiber mit dem Fahrrad durch den Auwald von Gohlis im Norden Leipzigs nach Markkleeberg im Süden. Dabei fielen ihm die vielen Baumlücken an den Ufern der Wasserläufe auf. Vom vergangenen Spätherbst hatte er das noch ganz anders in Erinnerung. Er wunderte sich und wollte bei den Leipziger Umweltverbänden mal nachfragen. Zuerst ging er zum Ökolöwe Umweltbund Leipzig e.V. Dort erfuhr er, dass innerhalb kurzer Zeit 6800 Bäume gefällt worden waren. Nach dem Winterhochwasser 2010 sollte der Hochwasserschutz ausgebaut werden. NABU und BUND hatten mit sich selbst zu tun, und so kam es, dass sich niemand um die Bäume im Auwald kümmerte. Im Frühsommer des gleichen Jahres wurde bekannt, dass der zu Beginn des 17. Jahrhunderts für den Holztransport angelegte historische Floßgraben als Verbindung für den Motorbootverkehr zwischen Stadthafen und Cospudener See schiffbar gemacht werden soll. Die Route führt durch zwei Areale, die zum NATURA 2000-Schutzgebietsystem und zum Vogelschutzgebiet Burgaue gehören – beide sind im EU-Melderegister eingetragen.

Wolfgang ist ein großer Naturfreund. Vom Mittelrhein war er an die Pleiße gezogen. Nachdem er sich umfassend über die Einzigartigkeit des Leipziger Auenökosystems informiert hatte, kam er auf die Idee, den Wald als UNESCO-Weltkulturerbe vorzuschlagen. Das schrieb er der Leipziger Stadtverwaltung, erhielt aber keine Antwort. Möglicherweise lassen sich die mit dem Weltkulturerbe-Status verbundenen Anforderungen nicht mit der städtischen Nutzung des Areals vereinbaren. Wolfgang fragte bei den im Stadtrat vertretenen Parteien nach und stieß auf Interesse. Sogar die Lokalpresse bekam Wind von seinem Anliegen. Daraufhin meldete sich der Verein „Hallesche Auenwälder zu Halle“ bei ihm. Der NABU signalisierte ebenfalls Interesse. Doch dann drehte sich die Stimmung. Die Zusammenarbeit mit dem Hallenser Verein sei unerwünscht, die Leipziger hätten ihre eigenen Vereine. Untere Naturschutzbehörde und Stadtförster sahen keine Notwendigkeit für einen Antrag als Weltkulturerbe, da der Auwald bereits bestens geschützt sei. Wolfgang legte seine Idee erst einmal auf Eis. Aber er behielt das Ziel eines von der breiten Mehrheit mitgetragenen Konzepts für einen fachlich fundierten, ökologisch sinnvollen, nachhaltigen Auen-Schutz im Auge. Die touristische Nutzung sollte gesteuert und damit der Erhalt des Auwaldes verbessert werden.

Mit Konzerten zugunsten des Auwaldes wollte Wolfgang nun Einnahmen generieren, die dem Leipziger Verein Ökolöwe oder dem Stadtförster zugutekommen sollten. Für die Veranstaltungen war ein Trägerverein erforderlich. Mit acht befreundeten Unternehmern gründete er im Oktober 2011 den Verein NuKLA – Naturschutz und Kunst – Lebendige Auen e.V. Im Januar 2012 starteten die Konzerte – von Barock bis Rock. Weitere Kulturveranstaltungen und Kunstprojekte kamen dazu. So entstand eine Plattform für die Begegnung von Menschen, die sich für Kunst und Natur interessieren.

Erfolg und Ausgrenzung

In Sachen Naturschutz im Leipziger Auwald kümmerte sich Wolfgang mit seinem Verein um das Anliegen der Bürgerinitiative Floßgraben, die die Schiffbarmachung des artenreichen Gewässers für Motorboote verhindern wollte. Der Verein sammelte 11.230 Unterschriften für eine Petition an die Staatsregierung Sachsen, die noch heute dort schlummert. Mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde konnte NuKLA jedoch 2015 erreichen, dass das Leben im Flussbett besser geschützt wird, indem der Grund nicht mehr jährlich „gemäht“ wird. Dadurch ist das Befahren mit motorbetriebenen Booten, deren Schrauben sich in den Schlingpflanzen verfangen würden, seither unmöglich.

Bildbeschreibung Bild: Der Floßgraben in Leipzig (Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0)

Im Sommer 2013 präsentierte die Stadt Leipzig das Projekt „Lebendige Luppe“, das mit Mitteln des Bundes und des Freistaates gefördert wurde. Hintergrund: Das Gebiet des nordöstlichen Auwaldes auf Leipziger und Schkeuditzer Flur war früher von einem dynamischen und weit verzweigten Gewässersystem durchzogen. Dieses System hatte für die notwendige, wiederkehrende Überflutung der Aue gesorgt. In den vergangenen mehr als 80 Jahren führten die Trockenlegung umliegender Felder für die Landwirtschaft und der Betrieb von Braunkohle-Tagebauen in der Umgebung zu Grundwasserabsenkungen. Im Zuge des Hochwasserschutzes für die immer näher an den Auwald heranrückende Besiedlung wurden Flussläufe begradigt, insbesondere der der Luppe, und Dämme errichtet, sodass die regelmäßige Auenüberflutung nicht mehr gegeben war. Die Auenlandschaft leidet daher unter schweren Schäden.

Bildbeschreibung Bild: Die Kleine Luppe in Leipzig (Foto: ingbife, CC BY-SA 3.0 DE)

Ziel des Projekts „Lebendige Luppe“ war es, alte Wasserläufe wiederzubeleben und Auenlebensräume zu fördern. Das Projekt war von Beginn an räumlich sehr begrenzt. Es konzentrierte sich auf die Renaturierung einzelner kleiner Gewässerläufe wie Burgauenbach und Zschampert sowie von kleinen Auenlandschaftsflächen im Leipziger Nordwesten. NuKLA wollte gern in dem Projekt „Lebendige Luppe“ mitarbeiten. Das wurde aber von den Projektpartnern Stadt Leipzig, Stadt Schkeuditz und NABU Sachsen abgelehnt.

Eine nachhaltige Vision

NuKLA war unzufrieden mit der Vorgehensweise im Projekt und dachte weiter. Zusammen mit dem NABU wurde ein Konzept erarbeitet, das nicht nur die Luppe einbezog, sondern das gesamte Auenband der Weißen Elster zwischen Halle und Zeitz mit dem Leipziger Auwald und dem darin liegenden Gewässerknoten als Nukleus. Damit wandten sie sich an die Sächsische Staatsregierung, die den Vorschlag jedoch nicht aufgriff. Wolfgang ging wiederum auf die Parteien im Stadtrat und den Leipziger Oberbürgermeister zu. Aber keiner hatte ein offenes Ohr für das Anliegen seines Vereins.

NuKLA wollte erreichen, dass die Bemühungen des Vereins zum Schutz dieser wertvollen, von hoher Biodiversität geprägten Lebensräume breiten Rückhalt in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Vereinen und bei den Bürgern finden. Dieser Schutz wird regelmäßig Wirtschaftsinteressen untergeordnet. Bisher sind Wassertourismus, Motorbootverkehr, Vergnügungsparks und Hochwasserschutz höher gewichtet als der Auwaldschutz. Nach den Hochwassern 2002, 2010 und 2013 wurde viel für den Hochwasserschutz getan. Dadurch kommt noch weniger Wasser im Auwald an. So stellt sich die Frage: Will die Stadtführung mehr Naherholung und die Entwicklung eines attraktiven Immobilienstandorts oder den Erhalt der Auenlandschaft? Die Vision müsste eigentlich sein: Wiederherstellen der natürlichen Flussläufe in großen Teilen des Leipziger Auwalds, Renaturierung des gesamten Leipziger Gewässerknotens mit Pleiße und Weißer Elster sowie Anschluss und Wiederbelebung weiterer alter Luppeläufe – und damit Revitalisierung des einmaligen urbanen Auenökosystems aus Flüssen, Auenwäldern, Auenwiesen und naturnahen Parkanlagen. Ein tragfähiges Konzept seitens der Stadt Leipzig ist bisher nicht erkennbar.

Vom Gewässer- zum Waldschutz

Im Forstwirtschaftsplan 2018 wurde ein großflächiger Kahlschlag im NATURA 2000- und Vogelschutzgebiet Burgaue vorgesehen. Angeblich, um „die Eiche zu fördern“. Dieser Plan wurde im Leipziger Stadtrat beschlossen. Die forstlichen Maßnahmen begründete man „wissenschaftlich“ damit, dass die Eiche als Zielbaumart der Leipziger Aue künstlich verjüngt werden müsse. Ihre Bestände seien zu alt und eine natürliche Verjüngung fände nicht statt. Mehrere Wald- und Auenspezialisten haben dem mehrfach und fundiert widersprochen, unter anderem im Rahmen des 1. Internationalen Leipziger Auenökologiesymposiums 2017.

Dieser geplante Kahlschlag rief NuKLA auf den Plan und sorgte dafür, dass ab diesem Zeitpunkt nicht nur der Schutz der Leipziger Gewässer, sondern auch der Waldschutz in ihren Fokus geriet. NuKLA und Die GRÜNE LIGA Sachsen klagten zusammen gegen dieses Projekt. In der ersten Instanz beim Leipziger Verwaltungsgericht verloren sie. In der zweiten Instanz, beim Oberverwaltungsgericht in Bautzen, erreichten beide ein Urteil, das deutschlandweit für Beachtung sorgte. Die für die Fällungen mit einem roten Schrägstrich markierten Bäume, überwiegend Eichen, stehen heute noch. Seitdem arbeiten die Forstwirtschaftsbetriebe Stadtforsten und Sachsenforst und die hiesigen Wissenschaftler daran, den Beschluss des OVG Bautzen zu umgehen. Nach dem OVG-Beschluss ging der Leipziger Stadtförster in Sachsen und Leipzig zu allen relevanten Institutionen, Verwaltungen, Ämtern, Verbänden und sorgte dafür, dass man mit NuKLA jegliche Zusammenarbeit einstellte.

NuKLA bietet Exkursionen durch die Burgaue oder auf der vereinseigenen Auenfläche bei Lützschena an. Dort kann sich jeder von der nachhaltigen Idee des Vereins überzeugen. Der Verein hatte das Gelände 2016 gekauft – und sich selbst überlassen. Auf einer Testfläche von rund vier Hektar ist erlebbar, dass die Eichenpopulation sich selbst verjüngen kann, ohne Eingreifen des Menschen. Die Eichen vermehren sich zahlreich natürlich – allerdings nicht so in Reih’ und Glied und an den Stellen, an denen der Förster sie gern haben möchte. Die Stadtverwaltung, besonders das Forstamt, sieht das anders: Forstwirtschaft selbst sei Naturschutz, denn die Natur vor sich hin vegetieren zu lassen, führe nicht zum amtlich festgelegten, statischen Anteil an Eichen. Auf den früher vom Forstamt gerodeten Flächen sind die Eichensetzlinge allerdings nicht wie erhofft gewachsen. Dafür der Ahorn um so besser.

Verein in der Zerreißprobe

NuKLA kämpfte weiter. Die alten und intakten Wälder sind in Zeiten des Klimawandels besonders wichtig. Klimawandel? An dieser Stelle sei gesagt, dass sich das Klima immer schon gewandelt hat, die Wälder immer schon darauf reagiert und sich an Veränderungen angepasst haben. Was sie daher am wenigsten brauchen, ist der vom Menschen gesteuerte Umbau zu „klimaresilienten Wäldern“.

Aber das Miteinander-Reden, um am Ende das bestmögliche Ergebnis im Interesse der Natur und damit der Menschen zu erreichen, ist seit 2020 noch komplizierter geworden. Leipziger Klimagruppen diskutieren gerade darüber, dass man NuKLA die Gemeinnützigkeit entziehen möge. Auslöser war, dass der Verein der Windkraftfrei-Initiative in Brandis/Polenz half, ihren Naturwald vor der Errichtung mehrerer riesiger Windräder zu schützen.

Auch hat NuKLA im Vorfeld seines 6. Symposiums im September vorigen Jahres Menschen eingeladen, mit denen man keinesfalls in Verbindung gebracht werden möchte: Markus Fiedler mit einem Vortrag zum Thema Klimawandel und den Musiker Tino Eisbrenner für einen Auftritt. Zwei deutschlandweit bekannte Waldspezialisten entzogen dem Verein ihre Unterstützung und ließen ihre Beiträge und Statements von der Vereins-Website löschen. Der Shitstorm hatte sogar Vereinsmitglieder derart aufgebracht, dass sie sich von den Veranstaltungen mit Fiedler und Eisbrenner bereits im Vorfeld vehement distanzierten. Der Streit konnte einvernehmlich aufgelöst werden.

Es gibt viel zu tun

Die Arbeit für NuKLA hört nicht auf. So hatte die Landesdirektion Sachsen im Dezember 2025 mit einer Allgemeinverfügung den rechtlichen Rahmen für die dauerhafte schifffahrtliche Nutzung des Cospudener Sees geschaffen. Natürlich legte NuKLA sofort Beschwerde ein. Im Rathaus träumt man weiterhin davon, dass gut betuchte Hamburger über die Elbe bis zum Cospudener See fahren, um dort einen Kaffee zu trinken.

Bildbeschreibung Bild: Der Cospudener See (Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0)

Ein wesentlicher Aspekt der NuKLA-Arbeit ist und bleibt, dass NuKLA mit allen spricht: mit der Stadt, dem Freistaat Sachsen, mit allen Verbänden, mit der Landestalsperrenverwaltung, den Förstern, den Wissenschaftlern aller Richtungen. Der Verein hatte alle zum Symposium eingeladen. Es wird eine Folgeveranstaltung mit Marcus Fiedler geben. Dabei soll die Gegenposition gehört werden. Doch niemand findet sich, diese Gegenposition in einer Diskussion mit Fiedler zu vertreten.

Ein Verein, der sich für Naturschutz und nicht nur Klimaschutz einsetzt, ist für die Protagonisten ein Dorn im Auge. Eine gewisse Parallele zur Coronazeit drängt sich auf. Es gibt nur eine Wahrheit und Experten begründen diese wissenschaftlich. Doch sachlicher Austausch und ein von Inhalten bestimmter Diskurs, auch wenn es einmal emotional und hitzig wird, sind die Lebensadern einer sich als demokratisch verstehenden Gesellschaft. Diese Einstellung bestimmte bisher das Handeln des Vereins, allen Widrigkeiten zum Trotz. NuKLA lebt durch Spenden und nicht durch staatliche Querfinanzierung und ist somit unabhängig. Mitgliederzahl und Spendenaufkommen wachsen stetig – ein sicheres Zeichen dafür, dass viele Menschen das Anliegen des Vereins unterstützen: den Schutz des Auwaldes inmitten der Stadt Leipzig.

Dieter Korbely ist Diplomingenieur in Rente und hat lange Jahre bei einem großen Automobilhersteller gearbeitet. Er hat an mehreren Kursen der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Titel: NuKLA